Dröhnende Harleys, tätowierte Arme und viel Testosteron: An diesem Wochenende treffen sich 1500 Mitglieder der Hells Angels aus ganz Europa in Hannover. Ihr Ruf könnte schlechter nicht sein. Doch wer sich auf die Rocker einlässt, erlebt eine eigene Welt mit strengen Regeln. Von Kuno Kruse

Ein Mitglied der Hells-Angels im Fitness-Studio: Die Rocker bezeichnen sich als "Eine Bruderschaft"© Jörg Gläscher
Wie begegnet man einem Hells Angel? "Mit Achtung", sagt der Angel, "so, wie man jedem Menschen begegnen sollte." Ein Händedruck, und man denkt an seine Krankenversicherung. Django legt die Pranke auf den Stehtisch in der Sansibar, Szenelokal und Tor zum Rotlichtviertel von Hannover.
Und was sind die Hells Angels? "Eine Bruderschaft", antwortet Django, "sie beruht auf vier Prinzipien. Respekt, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Freiheit." Die Grundregeln: Nicht lügen, nicht betrügen, die Frau des anderen nicht anbaggern - und ihn niemals im Stich lassen. Klingt ein bisschen konservativ, oder? Django zögert. "Hmm. Darüber muss ich nachdenken." Draußen lässt ein Biker seinen Reifen zum Burnout durchdrehen und legt beißenden Gummiqualm über Go-go-Girls und Grillfleisch. Die Hells Angels haben zur Harley-Davidson-Party geladen. Geboten werden Technik, Tattoos, Titten und viel Testosteron. Von der Bühne röhrt Jimmy Cornett: "Old Angel, young Angel, feel all right ..."
Sind es die Bizeps? Die tätowierten Gladiatorenkörper in Lederkutten mit dem Totenkopf auf dem Rücken? Ist es diese immer leicht schwingend bewegte Körpermasse, das durchgestreckte Kreuz? Kampfstiere auf strotzenden Harleys. Muskeln, Motoren, archaische Männlichkeit - Hells Angels umgibt ein Kraftfeld. Es zieht an, und es schreckt ab.
Oder ist es der Nachhall vergangener Schlagzeilen? Es gab Zeiten, da prangten die Untaten der Rocker an jedem Kiosk. Drei große Prozesse in sieben Jahren: Zuhälterei, Erpressung und Körperverletzung. Und immer wieder Meldungen über den Kampf bis aufs Messer. Drogendealer, Mädchenhändler, Schutzgeldeintreiber - Hells Angels haben keine gute Presse.
Die Verflechtung über fünf Kontinente, die Abschottung, das Schweigegebot gegenüber der Polizei, die Hierarchie - der Leiter des Dezernats Organisierte Kriminalität der Berliner Polizei, Axel Bédé, hatte gewarnt. "Glauben Sie ihnen nichts. Es geht um Machtstreben und Expansion unter Einsatz brutalster Gewalt." Rund 56 Prozent der deutschen Hells Angels seien vorbestraft. "Die Organisation ist weltweit massivst in kriminelle Aktivitäten verwickelt." Ein Sportverein unterhalte keinen Fonds zur Unterstützung der inhaftierten Brüder. "Wir haben vor acht Jahren 300 Kilo Kokain beschlagnahmt. In das Geschäft war auch ein Hells Angel verwickelt. So etwas macht niemand nebenher." Und er warnte vor Gewalt und Eigenmacht. Die Rocker blockieren, nur zum Beispiel, gern ganze Kreuzungen, damit sie im Konvoi über die rote Ampel fahren können. Ein einzelner Streifenwagen könne da nicht viel ausrichten.
"Natürlich lehne ich Gewalt nicht ab", erklärt Django, "sie ist Teil unserer Natur. Wie Sex." Während der Rocker in der verkehrsberuhigten Ecke der Sansibar in norddeutsch rollendem Bass in das Selbstverständnis der Angels einführt, klammert sich seine kleine Tochter an den tätowierten Arm. Er hebt sie behutsam an den Bauch, sie heftet sich an die Kutte, erklimmt die Brust, prüft den Sitz der Hornbrille, um dann auf seinen Schultern zu thronen. Auch Rocker sind beherrschbar. "Willst du wirklich schreiben, wer wir sind?" Mehr als drei Jahrzehnte trägt Django den geflügelten Totenkopf auf dem Rücken, so lange wie es Angels in Deutschland gibt. Sie waren eine wilde Dreizehn, damals im ersten "Charter" in Hamburg. Heute sind sie 700. Er lädt ein, jeden der 42 deutschen Clubs zu besuchen. Vor ihm steht ein Mineralwasser.