Wilde Brüder

7. Juni 2008, 11:46 Uhr

Dröhnende Harleys, tätowierte Arme und viel Testosteron: An diesem Wochenende treffen sich 1500 Mitglieder der Hells Angels aus ganz Europa in Hannover. Ihr Ruf könnte schlechter nicht sein. Doch wer sich auf die Rocker einlässt, erlebt eine eigene Welt mit strengen Regeln. Von Kuno Kruse

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Ein Mitglied der Hells-Angels im Fitness-Studio: Die Rocker bezeichnen sich als "Eine Bruderschaft"©

Wie begegnet man einem Hells Angel? "Mit Achtung", sagt der Angel, "so, wie man jedem Menschen begegnen sollte." Ein Händedruck, und man denkt an seine Krankenversicherung. Django legt die Pranke auf den Stehtisch in der Sansibar, Szenelokal und Tor zum Rotlichtviertel von Hannover.

Und was sind die Hells Angels? "Eine Bruderschaft", antwortet Django, "sie beruht auf vier Prinzipien. Respekt, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Freiheit." Die Grundregeln: Nicht lügen, nicht betrügen, die Frau des anderen nicht anbaggern - und ihn niemals im Stich lassen. Klingt ein bisschen konservativ, oder? Django zögert. "Hmm. Darüber muss ich nachdenken." Draußen lässt ein Biker seinen Reifen zum Burnout durchdrehen und legt beißenden Gummiqualm über Go-go-Girls und Grillfleisch. Die Hells Angels haben zur Harley-Davidson-Party geladen. Geboten werden Technik, Tattoos, Titten und viel Testosteron. Von der Bühne röhrt Jimmy Cornett: "Old Angel, young Angel, feel all right ..."

Sind es die Bizeps? Die tätowierten Gladiatorenkörper in Lederkutten mit dem Totenkopf auf dem Rücken? Ist es diese immer leicht schwingend bewegte Körpermasse, das durchgestreckte Kreuz? Kampfstiere auf strotzenden Harleys. Muskeln, Motoren, archaische Männlichkeit - Hells Angels umgibt ein Kraftfeld. Es zieht an, und es schreckt ab.

Oder ist es der Nachhall vergangener Schlagzeilen? Es gab Zeiten, da prangten die Untaten der Rocker an jedem Kiosk. Drei große Prozesse in sieben Jahren: Zuhälterei, Erpressung und Körperverletzung. Und immer wieder Meldungen über den Kampf bis aufs Messer. Drogendealer, Mädchenhändler, Schutzgeldeintreiber - Hells Angels haben keine gute Presse.

Die Verflechtung über fünf Kontinente, die Abschottung, das Schweigegebot gegenüber der Polizei, die Hierarchie - der Leiter des Dezernats Organisierte Kriminalität der Berliner Polizei, Axel Bédé, hatte gewarnt. "Glauben Sie ihnen nichts. Es geht um Machtstreben und Expansion unter Einsatz brutalster Gewalt." Rund 56 Prozent der deutschen Hells Angels seien vorbestraft. "Die Organisation ist weltweit massivst in kriminelle Aktivitäten verwickelt." Ein Sportverein unterhalte keinen Fonds zur Unterstützung der inhaftierten Brüder. "Wir haben vor acht Jahren 300 Kilo Kokain beschlagnahmt. In das Geschäft war auch ein Hells Angel verwickelt. So etwas macht niemand nebenher." Und er warnte vor Gewalt und Eigenmacht. Die Rocker blockieren, nur zum Beispiel, gern ganze Kreuzungen, damit sie im Konvoi über die rote Ampel fahren können. Ein einzelner Streifenwagen könne da nicht viel ausrichten.

"Gewalt ist Teil unserer Natur"

"Natürlich lehne ich Gewalt nicht ab", erklärt Django, "sie ist Teil unserer Natur. Wie Sex." Während der Rocker in der verkehrsberuhigten Ecke der Sansibar in norddeutsch rollendem Bass in das Selbstverständnis der Angels einführt, klammert sich seine kleine Tochter an den tätowierten Arm. Er hebt sie behutsam an den Bauch, sie heftet sich an die Kutte, erklimmt die Brust, prüft den Sitz der Hornbrille, um dann auf seinen Schultern zu thronen. Auch Rocker sind beherrschbar. "Willst du wirklich schreiben, wer wir sind?" Mehr als drei Jahrzehnte trägt Django den geflügelten Totenkopf auf dem Rücken, so lange wie es Angels in Deutschland gibt. Sie waren eine wilde Dreizehn, damals im ersten "Charter" in Hamburg. Heute sind sie 700. Er lädt ein, jeden der 42 deutschen Clubs zu besuchen. Vor ihm steht ein Mineralwasser.

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KOMMENTARE (10 von 19)
 
black.raider (10.06.2008, 11:32 Uhr)
Harte Schale,weicher Kern
die als Rocker bezeichneten sind die besten Menschen die ich jemals kennen gelernt habe.Bedenkenlos würde ich meine Kinder in deren Obhut geben.Sie stehen für Ihr Wort und das macht sie für den verlogenen Rest der Gesellschaft so "gefährlich".
Nicht immer sind die Geschäfte nach dem Gesetz aber das ist ja in der übrigen "normalen Gesellschaft" nicht anders.Ich denke da an den ehemaligen Betriebsrat von VW oder an Siemens Schmiergeldaffäire.Noch mehr Beispiele gefällig?Schaut das Politikergesocks in Berlin an!Ich bin 10 Jahre aktiver Biker gewesen und vermisse die Gemeinschaft und Ehrlichkeit der Biker.Im nicht mehr ganz nüchternen Zustand habe ich mal auf einen Treffen meine Brieftasche mit über 200 DM verloren,am nächsten Tag habe ich sie mir wieder abgeholt und es fehlte kein Pfennig.Macht das mal auf einen Schützenfest.Diese Quartalssäufer mit Ihren albernen Uniformen klauen einen die Brieftasche aus der Hose wenn man pinkeln muß.
Nicht das Aussehen ist entscheidend nein es ist der Mensch der da hinter steht.
An alle Angels, macht Euer Ding und bleibt sauber!!!
Rechercheversager (09.06.2008, 21:37 Uhr)
@dasglaubtmannicht
"tonnenweise Literatur",über "kriminelle Aktivitäten"? Meinst du damit die Boulevard-Presse?? Ich habe letztens verzweifelt nach Literatur für eine wissenschaftliche Arbeit gesucht...und nicht viel gefunden..außer tonnenweise Zuschreibungen,Beschuldigungen etc. die gegen die HA gerichtet sind, aber auch gegen andere MCs.Komisch oder? Und noch komischer: in den meisten Fällen fehlt die anschließende Beweisführung für tatsächliche "kriminelle Aktivität".Hm, bin ich zu blöd..oder zu kritisch der "Literatur" gegenüber?? Ach, ja: es gibt übrigens tonnenweise "Literatur" (also, jene die DU meinst)über "kriminelle Aktivitäten" von Ausländern, katholischen Pfarrern etc.! Sind die jetzt eine kriminelle Vereinigung? Punkt? Wo also finde ich die "gut recherchierte Literatur"? Ich will sie lesen...
vegefranz (08.06.2008, 08:59 Uhr)
@pamela
es gibt vielleicht doch mehr Parallelen der Rocker mit der Ex SED/Linken als man so denkt: So scheint es einen hohen Organisation- und Mobilisationsgrad der Mitglieder zu geben. den kann man auch hier bei den postings beobachten. Sobald kritisch über Stasi/Gysi etc geschrieben werden, mailen die Parteikader ihren Protest. Das nenne ich diszipliniert.
flyingfree (08.06.2008, 00:58 Uhr)
na ich weiß nicht
Ich bin nun auch nicht mehr der Jüngste, aber noch immer recht gut erhalten und Biker seit Jahrzehnten.
Hab schon viele Angels auf Bikertreffen und Konzerten getroffen.
Gestern aber sah ich einen älteren dicken Herrn mit Hängebauch vor dem Discounter mit seinem japanischen Kleinwagen. Muster-Spießer eigentlich. Wenn da nicht diese Joppe gewesen wäre.
Nagelneu, mit Angels Signum.
Dabei fiel mir spontan ein Dylantext ein:
The times they are a changin...
jockel_us (07.06.2008, 22:02 Uhr)
Naivitaet nicht zu fassen
Schon seltsam, was beim Stern heutzutage als Reportage durchgeht. Hell's Angels, wenn Kruse da mal etwas besser in der US-Heimat des Vereins nachrecherchiert haette, sind organisierte Kriminalitaet uebelster Sorte, die in den Superknaesten der USA ihre eigene Schattenwirtschaft aufgebaut haben und draussen als bezahlte Killer, Drogen-Spediteure und Schutzgeld-Mafia auftreten. Der zitierte Kriminalbeamte ist kein "Spielverderber", sondern einer, der sich offenbar - zum Glueck fuer den Stern-Leser "auf der Strasse" - nicht auf den Stern als Informationsquelle verlaesst.
dasglaubtmannicht (07.06.2008, 19:55 Uhr)
Was kommt als naechstes
Dieser Artikel ist wirklich starker Tobak ... mit vielem Goodwill kann man ja auch bei rechtsradikalen Gruppen eine Portion Romantik finden und diese isoliert glorifizieren ("die Vaterlandsliebe als solche ist ja nicht zu verurteilen” ... oder so aehnlich).
HAMC ist eine kriminelle Vereinigung. Punkt.
Der Fakt, das sie Motorraeder fahren, die den zweifelhaften Ruf des Outlaws (!) geniessen hat damit nichst zu tun. Es gibt tonnenweise Literatur ueber diese Gruppe und ihre kriminellen Aktivitaeten. Es ist unverstaendlich, dass dies "uebersehen" wird. Vielleicht sollte man Sonny Barger ja demnaechst auch fuer eine Seligsprechung vorschlagen ???
Vielleicht haette der "Journalist" ein wenig recherchieren sollen bevor er diesen Artikel verfasst hat, oder ist das heutzutage zuviel verlangt?
Wirklich starker Tobak ..
hraban (07.06.2008, 18:13 Uhr)
faustjucken_de
@faustjucken_de
faustjucken_de - was ist das für ein Alias? Ne, dich muss man glaub ich nicht ernst nehmen... He he!
Schanzenviertel (07.06.2008, 17:42 Uhr)
ist das noch Journalismus?
von mir wollten die "Brüder" in den achziger Jahren monatl. 2.500,- DM haben. Dafür haben sie versprochen keinen Rabbatz mehr in meinem Lokal zu machen. 1.500,- haben sie bekommen, nicht nur von mir im Schanzenviertel in HH. Nach einem halben Jahr habe ich sie angezeigt, weil ich das irgendwie nicht nett fand. Der Rest ist Geschichte. GSG9, Anklage und Verurteilung wegen räuberischer Erpressun, Menschenhandel, unerlaubter Waffenbesitz...und wenn ich bei der Wahrheit geblieben wäre, dann wären sie auch noch als kriminelle Vereinigung abgeurteilt worden. Ich wurde als Opfer auch noch zu 4 Monaten Beugehaft verurteilt, weil ich meine vertraulichen Aussagen nicht unterschreiben wollte. Der Anwalt, der mich aus dem UG geholt hat wurde auch noch von mir bezahlt. Ein netter finanzieller Schaden, aber die Jungs sind ja so lieb und harmlos. Vor allem Kindern und Tieren gegenüber. Frauen haben es nicht so gut, sie dürfen gern als Pferdchen laufen... ,sind das nicht auch Tiere? Die ganze kriminelle Energie dieser Mopped-Gang wird in diesem, mittlerweile 2. Lobhudel-Artikel im Stern ad Absurdum geführt. Das ist echt investigativer Journalismus. Bravo Stern!
hraban (07.06.2008, 17:36 Uhr)
@heiner5362
"wer kachelt denn mal ein paar scientologen ein, die auf psychischer ebene weit grösseren schaden anrichten als diese kraftbolzen mit moped ???"
Hast du schon mal erlebt, dass sich jemand selbst "einkachelt", der an höchster Stelle sitzt? ;-)
suki09 (07.06.2008, 16:57 Uhr)
testosteron ?
Der Zusammenhang zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Testosteron erschließt sich mir noch nicht so ganz. Wieso sollten die "H.A." mehr Testosteron haben als andere Männer?
stern Investigativ
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