Die medizinische Versorgung in Afghanistan ist katastrophal - für kranke und schwer verletzte Kinder die Situation daher oft hoffnungslos. Einige wenige hat ein Verein zur Behandlung nach Deutschland gebracht. stern.de hat die Kinder auf ihrer Heimreise nach Kabul begleitet. Von Stefanie Zenke, Kabul

"Schön, dass ihr wieder hier seid": Glitzer-Konfetti zur Begrüßung in Kabul. Verwandte, Freunde, alle sind gekommen, ihre Kinder wieder in die Arme zu schließen© Johannes Arlt
Tränen kullern über das vernarbte Gesicht. Nesars Finger krallen sich in die Bluse von Gastmutter Christine. Kinderhände, denen deutsche Ärzte Form und Beweglichkeit zurückgegeben haben. Nesar aus Afghanistan, 4 Jahre alt, nimmt Abschied. Von neuen Freunden und Bekannten, von Ärzten und Pflegern – und von seinen Gasteltern, Christine und Wulf. Die kämpfen mit den Tränen. "Wir wissen, dass wir ihn gehen lassen müssen, und dennoch ist es schlimm", sagt Nesars "Mama" und drückt den Kleinen auf dem Flughafen in Hamburg ein letztes Mal ganz fest an sich. Es ist ein Donnerstag im Juni.
Länger als ein Jahr war Nesar in Deutschland, er wurde dort operiert, erholte sich bei seiner Gastfamilie von den Strapazen. Nahezu die Hälfte seiner Haut war verbrannt. Das Petroleum aus einer umgefallenen Lampe hatte sich entzündet, seinen kleinen Körper so zugerichtet. Die afghanischen Ärzte waren machtlos, die medizinische Versorgung im Land ist katastrophal - dem Jungen war nur mit einer Haut-Transplantation in Deutschland zu helfen.
Der Verein "Kinder brauchen uns", der sich seit 2001 um die medizinische Versorgung und Betreuung schwerstverletzter und kranker Kinder aus Afghanistan kümmert, brachte Nesar nach Deutschland. Die so genannte Luftbrücke wurde mit Spenden finanziert - denn sie ist teuer. Etwa 110.000 Euro muss der Verein jedes Mal für einen solchen Charterflug aufbringen. Nur der direkte Transport mit gecharterten Flugzeugen ist für die geschwächten Kinder medizinisch verkraftbar.
Etwa 500 Kindern hat der Verein bereits geholfen. 30 Kliniken bundesweit konnten mittlerweile als Partner gewonnen werden, die bereit sind, die Jungen und Mädchen aus dem Land am Hindukusch zu behandeln. Sie verzichten weitgehend auf Bürokratie, versuchen, die Kosten für die Operationen so gering wie möglich zu halten. Zum Erfolg der Hilfsaktion tragen entscheidend die Gastfamilien bei. Mütter und Väter auf Zeit sitzen nach den oft schweren Operationen Tag und Nacht an den Betten der kleinen Patienten, trösten, trocknen Tränen, helfen über das Heimweh hinweg.
Nesar ist untröstlich, als er sich am Hamburger Flughafen von seinen Gasteltern verabschieden muss. Gemeinsam mit 23 anderen Kindern besteigt er das Flugzeug, das sie in ihre Heimat zurückbringen soll. Die meisten Kinder, zwischen drei und 17 Jahre alt, befanden sich vor einigen Monaten noch in einem kritischen Zustand. Ihre Krankenakten erzählen von bedrückenden Schicksalen: Da ist der elf Jahre alte Esmatullah, der durch die Explosion einer Mine sein Augenlicht verlor. Da ist Abdul Matin, fünf Jahre alt, dessen Bein von einem Lastwagenreifen zertrümmert wurde. Und da sind die vielen Kinder, die an schweren Herzfehlern litten und ohne Operation keine Chance auf Leben gehabt hätten. Heute lachen diese Kinder.
Kabul, Flughafen. Matthias Angrés, bis Ende Juni ärztlicher Direktor des Albertinen-Krankenhauses in Hamburg und Vorstandsvorsitzender des Vereins, hält ein rot-grünes Bündel Reisepässe in der Hand. Es ist heiß. Die Abschiedstränen von Nesar und den anderen Jungen und Mädchen sind mittlerweile getrocknet, einige sind müde von der langen Reise, andere völlig aufgedreht und voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihren Familien.
Einige Mädchen werfen sich Kopftücher über die dunklen Haare - seit Monaten schon haben sie das nicht mehr getan. In den Kontrollhäuschen in dem übersichtlichen Flughafengebäude sitzen bärtige Männer in weiten Gewändern. "Wir haben gute Kontakte", sagt Angrés, "ich gehe nicht davon aus, dass wir lange warten müssen." Die bärtigen Männer winken die Kinder durch – die Erwachsenen, drei Ärzte und sieben Begleiter, werden skeptisch beäugt, aber auch sie dürfen problemlos passieren.
Kleine Busse stehen für die Gruppe bereit. Es geht über staubige, holprige, vom Müll gesäumte Straßen, vorbei an bettelnden Kindern und ausgebrannten Militärflugzeugen. Über der Stadt, die überzogen von feinem Wüstensand ist, hängt eine braune Dunstglocke. Für etwa eine Million Menschen wurde Kabul gebaut, heute leben dort mehr als vier Millionen. Nesar hockt etwas verloren auf dem Rücksitz, starrt aus dem Fenster. Er fragt nach Mama Christine.

Ein Herz und eine Seele: Mehrafza, 5, mit ihrem deutschen Gastvater Jens Untiedt. Früher überwand die Kleine Treppen mit Hilfe ihrer Hände. Heute hilft ihr eine Prothese beim Gehen© Johannes Arlt
Das Tor zum Steinhaus öffnet sich und gibt den Blick frei auf einen hübsch angelegten Innenhof mit Garten: Tomaten und Sonnenblumen wachsen hier um die Wette. Die Mauern des Gebäudes sind mit gemusterten Kacheln verziert. Dutzende Kinder stehen Spalier, werfen Glitzer-Konfetti auf die Reisenden, die erschöpft aus den Bussen klettern. "Herzlich willkommen in Afghanistan", ruft es von allen Seiten. "Schön, dass ihr hier seid." Nesar lächelt ein wenig, er streckt seine Hände in die Luft, greift nach dem Konfettiregen.
Seit fast drei Jahren gibt es das Steinhaus, das der Verein in der Hauptstadt unterhält. "Wir wollten die Kinder nach ihrem Aufenthalt in Deutschland nicht einfach nur bei ihren Familien abgeben", sagt Angrés. In ein Umfeld, das von Krieg, bitterer Armut und Analphabetismus geprägt ist. "Wir denken auch an die Zeit danach", so der 50-Jährige. Lesen, Schreiben, Rechnen - Etwa 60 Kinder wohnen im Steinhaus und gehen zur Schule – auch Mädchen sind darunter. Denn: Nicht mal 20 Prozent der Frauen in Afghanistan können lesen und schreiben. Die Eltern der Kinder von einer Schulausbildung zu überzeugen, ist allerdings nicht immer leicht, erzählt Angrés. Viele Kinder tragen bereits große Verantwortung, sie müssen sich mit um den Lebensunterhalt ihrer Familien kümmern. Spielen, Freunde treffen, Ausflüge mit den Eltern machen, wie sie es in Deutschland noch vor ein paar Tagen erlebt haben - die Realität in Afghanistan ist anders.
Eine Information für unsere Leser: Dr. Matthias Angrés und drei weitere Ärzte haben sich zum 5. Juli 2008 von dem Verein "Kinder brauchen uns" getrennt. Sie sahen das Image des langfristig angelegten Projekts gefährdet, weil der ehemalige Vereinsvorsitzende Markus Dewender im vergangenen Jahr in die Kritik geraten war. Er hatte zwei falsche Doktortitel geführt. Dr. Angrés und seine Kollegen wollen für die so genannte Luftbrücke, die Behandlung afghanischer Kinder in Deutschland und deren Betreuung in Gastfamilien, neue, transparente Strukturen schaffen.