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11. September 2009, 10:33 Uhr

Der schwere Weg zurück ins Leben

Vor sechs Monaten, am 11. März 2009, starb die 15-jährige Jaqueline Hahn beim Amoklauf von Winnenden. Ihre Mutter Gudrun irrt bis heute zwischen Trauer, Hoffnung und Verzweiflung. Von Malte Arnsperger

Winnenden, Tim K., Trauer, Mutter, Amok

Kerzen und Blumen vor der Albertville-Realschule: Hier gingen Jacky und ihre beste Freundin Nicole zur Schule, hier wurden beide von Tim K. erschossen© Thomas Kienzle/AP

Es ist ein schwerer Mensch, der auf ihren Schultern sitzt. Aber er ist immer da. Egal, ob sie sitzt, steht, oder geht. Seit dem 11. März spürt Gudrun Hahn diese Last auf ihren schmalen Schultern, gerade so, als zwinge sie jemand mit eisernem Griff nieder. "Ich habe manchmal das Gefühl, ich versinke im Boden, so sehr drückt er mich nach unten."

Genau sechs Monate sind seit dem Amoklauf von Winnenden vergangen. Seitdem muss die 51-jährige Gudrun Hahn mit dem Mann auf ihren Schultern leben und versuchen, den Verlust ihrer Tochter Jacqueline zu verarbeiten. Zusammen mit 14 anderen Menschen wurde das 15-jährige Mädchen an diesem Tag vom Amokläufer Tim K. erschossen. "Manchmal stelle ich mir vor, dass mich das alles gar nicht betrifft", sagt Gudrun Hahn, eine kleine Frau mit blonden kurzen Haaren, "dann glaube ich einfach nicht, dass es wirklich passiert ist." Fest umklammert sie die Lehne des Stuhls im Besprechungszimmer ihres Anwalts. Hier fühlt sie sich sicher, nur hier kann sie mit fremden Leuten über die Zeit seit dem 11. März sprechen.

Jaqueline Bett ist noch immer ungemacht

Vier Kinder hat Gudrun Hahn. Die zwei Söhne sind schon vor Jahren ausgezogen, von dem Kindsvater lebt sie seit langem getrennt, Kontakt zu ihm besteht kaum. Daran hat auch Jaquelines Tot nichts geändert.

Die Reformhausangestellte, die wegen eines Rheumaleidens seit 2007 krankgeschrieben ist, lebte mit ihren beiden Töchtern Tatjana (19) und Jacqueline in einer 4-Zimmer-Wohnung in einer ruhigen Winnender Wohngegend. Jaqueline, genannt "Jacky", "war der Mittelpunkt der Familie", sagt ihre Mutter. Jaqueline war es, die die Brüder, die Oma, Onkels und Tanten zu Treffen zusammentrommelte. "Sie war sehr sozial und liebte die Familie. Aber sie war auch ein sehr temperamentvolles und quirliges Mädchen." Jacky traf sich am liebsten mit ihrer Freundin Nicole zum Tanzen und engagierte sich in der Kinderkirche. Sie wollte unbedingt Tierpflegerin werden, vergangenes Jahr hatte sie ein Praktikum im Stuttgarter Zoo gemacht. Zuhause war Max der beste Freund, ihr Kater. Wochenlang habe das Tier nach dem Amoklauf kaum etwas gefressen, erzählt Gudrun Hahn. "Er liegt meist auf Jacquelines Bett. Wenn es klingelt, läuft er an die Tür, um zu schauen, ob sie doch noch kommt."

Kater Max ist nicht der einzige, für den Jacquelines Zimmer ein Ort der Zuflucht geworden ist. Stundenlang sitzt Gudrun Hahn auf dem Boden oder legt sich zum Kater auf das Bett, das immer noch so ungemacht ist, wie es ihre Tochter am Morgen des 11. März verlassen hat. "Ich habe nichts verändert. Ich kann es noch nicht", sagt Gudrun Hahn. "Ich versuche, ihr hier näher zu sein. Alles riecht nach ihr. Sie ist einfach noch da in diesem Zimmer."

"Mama, dass wird schon wieder."

Gudrun Hahn ist keine starke Frau. Sie will auch gar nicht so erscheinen. Sie war wegen ihrer jahrelangen Rheumaschmerzen schon vor dem Amoklauf psychisch angeschlagen. Es war Jacqueline, die zu ihrer Mutter schon immer ein sehr inniges Verhältnis hatte, die Gudrun Hahn dann immer in den Arm nahm und sagte: "Mama, dass wird schon wieder." Doch Tim K. nahm ihr diese Unterstützung. Gudrun Hahn wusste deshalb sofort nach dem Tod der jüngsten Tochter: Damit kommst du nicht alleine klar. Noch am Abend des Amoklaufes entschied sie sich, in stationäre Behandlung in die Winnender Psychiatrie begeben. Mit langsamen Worten versucht sie ihre Gefühlswelt nach diesem Horrortag zu beschreiben. So richtig will es ihr nicht gelingen. "Ich war so leer, wie tot", sagt sie. Die erste Nacht verbrachte sie in einem Einzelzimmer. "Mit ständiger Betreuung", fügt Gudrun Hahn mit einem bitteren Lachen hinzu. Um gleich zu versichern: "Ich habe aber von Anfang an klar gestellt: Ich denke nicht an Selbstmord."

Gudrun Hahn ist doch eine starke Frau. Sie will für ihre drei verbliebenen Kinder da sein. Nein, eigentlich für alle vier. "Das hört sich jetzt vielleicht verrückt an", sagt Gudrun Hahn. "Aber meine verstorbene Tochter hätte das bestimmt nicht gewollt, dass ich mir das Leben nehme. Mit solchen Gedanken müsste ich mich vor meinem toten Kind schämen."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Jaqueline Mutter versucht, zurück in ein normales Leben zu finden.

Benefizkonzert in Winnenden Das "Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden" veranstaltet am Freitag, 11. September, um 20 Uhr in der Winnender Schlosskirche ein Benefizkonzert. Damit verbunden ist ein ökumenischer Gottesdienst. Mit Liedern wird an die Opfer des Amoklaufs erinnert. Für jedes der 15 Opfer wird ein Lied gesungen, von Mendelssohn und Schumann bis Elton John und Eric Clapton.

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