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Liberias Ex-Staatschef Taylor ist schuldig

Endlich kann Sierra Leone nach vorn blicken. Der fast fünf Jahre dauernde Prozess gegen den liberianischen Ex-Präsidenten Charles Taylor endet mit einem Schuldspruch. Doch der "Herr der Blutdiamanten" wird nicht als Drahtzieher des Grauens verurteilt.

Wie ein schnieker Staatsmann erschien Charles Taylor am Tag der Entscheidung im Den Haager Gerichtssaal. In dunkelblauem Maßanzug, mit bordeauxroter Krawatte und dezenter Brille lauschte der 64-Jährige konzentriert und ernst der Urteilsverlesung von Richter Richard Lussick. Die Frage lautete: Ist der liberianische Ex-Präsident ein Monster, ein unbarmherziger Warlord, der im Nachbarland Sierra Leone maßgeblich zum blutigen Bürgerkrieg mit 120 000 Toten beigetragen hat?

Ist er ein Mörder, ein Vergewaltiger, ein Rekrutierer von Kindersoldaten, ein Kriegstreiber, der sich mit Blutdiamanten bezahlen ließ? Oder ist er unschuldig? Ein netter Politiker und Familienvater, wie er selbst immer beteuert hat? Überraschenderweise fiel die Antwort der Richter nicht ganz so eindeutig aus, wie viele gehofft hatten. Trotzdem: Mit dem Urteil wird Geschichte geschrieben.

Taylor habe "geholfen" und "angestiftet", befanden die Zuständigen. Aber dass er der Befehlshaber war, der Gräueltaten kommandierte, dass er gar der Drahtzieher des Konfliktes war - das habe die Staatsanwaltschaft nicht zweifelsfrei beweisen können. Chefanklägerin Brenda Hollis sagte nach dem Gerichtstermin vor Journalisten, dass die Staatsanwaltschaft nun genau untersuchen müsse, warum die Richter Zweifel an der Rolle Taylors gehabt hätten.

"Eine Warnung für andere Staatschefs"

Einen Rückschlag hatte Hollis bereits während des Verfahrens erlitten, als ihre "Superzeugin" - das britische Top-Model Naomi Campbell - Taylor nicht so schwer belastete, wie die Anklage es gehofft hatte. Campbell gab dabei zu, einst Diamanten geschenkt bekommen zu haben, sagte aber nicht mit Sicherheit, dass diese von dem Liberianer geschickt wurden.

Dennoch: Charles Taylor ist mitschuldig an den Kriegsverbrechen in Sierra Leone, unter denen vor allem die Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Bevor westafrikanische Friedenstruppen das Gemetzel 1999 beendeten. Damit ist er das erste ehemalige Staatsoberhaupt, das seit den Nürnberger Prozessen von einem internationalen Gericht zur Rechenschaft gezogen wird.

"Die Tage, an denen Tyrannen und Massenmörder (...) sich in einem anderen Land in ein Luxusleben zurückziehen konnten, sind vorbei", sagte UN-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay in einer ersten Reaktion und bezeichnete das Urteil des Tribunals als "historischen Moment". Die Entscheidung sei "eine Warnung für andere Staatschefs die ähnliche Verbrechen begehen oder im Begriff sind, dies zu tun".

Die Opfer des Krieges sind allegenwärtig

Viele hatten stets moniert, dass das Verfahren, das 2007 eröffnet worden war, in den Niederlanden und fernab des eigentlichen Ortes der Kriegsschrecken stattfand. Dort, in Freetown und andernorts, sind sie noch heute allgegenwärtig: die Opfer der "Revolutionary United Front" (RUF). Ihnen fehlen Hände, Lippen und Ohren, waren die gefürchteten Rebellen doch bekannt dafür, Zivilisten Gliedmaßen abzuschneiden. An den furchtbaren Taten der Kampftruppe hatten die Richter keinen Zweifel, sie ist schuldig in jedem Punkt. Der Prozess sollte aber klären, inwieweit Taylor in die Verbrechen verstrickt war.

Das Urteil vom Donnerstag schließt ein äußerst dunkles Kapitel der afrikanischen Geschichte ab. Für das westafrikanische Land ist es an der Zeit, nach vorne zu blicken. Das Urteil stelle einen entscheidenden Schritt dar, um dem Staat und seinen Bürgern dabei zu helfen, die Vergangenheit zu überwinden, sagte die Länderdirektorin der Hilfsorganisation World Vision in Sierra Leone, Jennifer Harold.

Für wie viele Jahre Taylor nun hinter Gitter muss, wird erst in den nächsten Wochen entschieden. Jedenfalls wird er seine Strafe in Großbritannien absitzen. Allerdings wird er vermutlich Berufung gegen das Urteil einlegen.

Eine klare Botschaft verbreitete das Tribunal aber bereits. "Egal, wo ihr seid oder welche Position ihr innehabt, ihr werdet für Eure Verbrechen zur Verantwortung gezogen", warnte der örtliche Amnesty-International-Chef Brima Abdulai Sheriff hochrangige Politiker in aller Welt. Gleichzeitig erinnerte Sheriff daran, dass auch die Verantwortlichen des Bürgerkrieges in Liberia ihre gerechte Strafe bekommen müssten. Für eventuelle Taten, die Taylor dort während seiner Zeit als Rebellenführer und Präsident begangen hat, ist er bisher noch gar nicht belangt worden.

Carola Frentzen, DPA/DPA

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