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7. April 2006, 13:35 Uhr

"Wir saufen ab"

Fieberhaft bauen der Apotheker Henning Moeller und seine Angestellten die Mauer vor dem Gebäude aus. Vielleicht dringt das Wasser trotzdem ein, die Stadt Hitzacker steht schon unter Wasser. Auf stern.de erzählt Moeller, was vor Ort passiert.

Abpumpen, abdichten, aufbauen: Die Mauer vor der Adler-Apotheke in Hitzacker© Jakob und Michel Schwarzkopf

"Wo soll ich anfangen?

Wir haben in Hitzacker einen Vorteil: Wir haben eine Woche Vorlauf. Damals, 2002, soff Dresden ab. Und wir hatten keinen Schutz vor der Apotheke. Die Bodenplatte des Gebäudes hat ein Niveau von etwa 7 Meter 20 Elbpegel. Und wir hatten damals nachgefragt bei der Gemeinde und beim Jetzel Deichverband: Leute, hier kommt eine Katastrophe auf uns zu, wir brauchen Sandsäcke. Da hieß es: Sie können maximal 50 bis 100 Stück pro Person kriegen. Das war's. Und wir mussten zwei Gebäude schützen: Eine Apotheke und eine Arztpraxis, eine Häuserfront von etwa 60 bis 70 Metern. Also habe ich mir privat - Gottseidank! - eine Woche vor dem Hochwasser 2500 Säcke liefern lassen und 10 Tonnen Sand. Dann haben wir in einer Nacht- und Nebel-Aktion mit mindestens 100 Kunden und Freunden einen Wall gebaut. Mit Hängen und Würgen sind wir durchgekommen - die Nachbarpraxis ging verloren.

Damals wurde die Katastrophe viel zu spät ausgerufen! Und diesmal steigt das Wasser vermutlich noch höher, und es wird bis jetzt gar kein Katastrophenalarm gegeben!

Es gibt keinen rationalen Grund

Hat das was mit den Finanzen zu tun? Mir wurde von einer Stellungnahme des Landrats berichtet: Für 500 Leute lohnt es sich nicht, einen Katastrophenalarm auszulösen. Denn dann wird der ganze Landkreis aktiviert, es müssen viele Helfer hinzugezogen werden. Außerdem ist Hitzacker teilweise zu Recht in der Kritik, weil sich einige Anwohner gegen die Art der geplanten Schutzmaßnahmen stemmten. Also keine Mauer zur Elbe hin. Sie fühlen sich davon gestört.

Ein anderes Thema, das unbedingt analysiert werden muss, ist der Schutz Hamburgs. Normalerweise haben wir denselben Elbpegel wie in Wittenberge, das liegt 50 Kilometer entfernt. Nach zwei Tagen haben wir die Welle hier, zirka beim gleichen Pegelstand wie in Wittenberge. Diesmal jedoch eskaliert der Pegel besonders stark in Hitzacker. Wittenberge liegt zirka 40 Zentimeter unter Höchststand von 2002, Magdeburg liegt zirka 40 Zentimeter unter dem Höchststand 2002, bei uns steigt das Wasser deutlich über den damaligen Stand. Dafür gibt es keinen rationalen Grund außer dem einen - dass Hamburg zu Ungunsten Hitzackers geschützt wird. Hitzacker wird eventuell als Rückstaubecken benutzt. Wenn das so ist, wäre es riesige Schweinerei. Aber das ist natürlich nur eine Spekulation von mir.

30 Stunden ohne Schlaf: Henning Moeller vor seiner Apotheke in Hitzacker© Jakob und Michel Schwarzkopf

Die säuft total ab!

Ich hab seit 30 Stunden nicht mehr geschlafen. Der Kern von Hitzacker ist eine Insel. Die säuft total ab! Total! Meine Familie besitzt dort noch ein Gebäude, auch das steht schon unter Wasser, so weit ich weiß. Die Stadt wird 20 Zentimeter mehr Hochwasser bekommen als 2002 - das ist so gut sicher! Und das alles ohne Ansage! Weder in der Lokalzeitung noch irgendwo anders wurden wir informiert. Die Informationslage ist total chaotisch, eine Katastrophe.

Ich habe schon 30.000 Euro privat investiert in eine Mauer vor dem Haus, mit Schotten - und das reicht nicht aus. Ich habe mir noch - zum Glück! - Steine anliefern lassen und mit Hängen und Würgen die Mauer weiter erhöht. Wir können nur beten, dass das reicht. Und ich hoffe, dass die Pumpen weiter funktionieren. Von meinen beiden Betrieben werden jährlich große Steuersummen abgeführt und ich erwarte nicht viel: Aber wenigstens während einer Katastrophe erwarte ich etwas Hilfe. Das Technische Hilfswerk, das uns hier hilft, macht das nach meinen Informationen eigene Kosten. Ohne Katastrophenschutz läuft nichts! Auch meine Freunde, Bekannten und die anderen Bürger Hitzackers sind entsetzt.

Es drückt

Ich war mal gegen Hochwasser versichert. Aber 2002 wurde mir gekündigt. Kaum kam die zweite Welle, flatterte das Kündigungsschreiben ins Haus. Auch dieses Verhalten von Versicherern sollten mal kritisch hinterfragt werden. Also kriegen wir diesmal null Cent, absolut null. Und die im Wahlkampf 2002 von Herrn Schröder angebotene Hilfe wird es dieses Mal sicher nicht geben. Die Wahlen sind vorbei. Aber das Schlimme ist: Diesmal haben wir ein schlimmeres Szenario. Man hat nicht dazu gelernt.

Es drückt von oben, es drückt von hinten, und wir haben jetzt schon die Pegel von 2002, und das Wasser wird noch weiter steigen. Ich betreibe hier Rechner für 70.000 Euro und haben Medikamentenlager im Wert von 140.000 Euro. Das ist alles im Eimer, wenn die Mauer nicht hält."

Der Apotheker Henning Moeller, 45, lebt und arbeitet in Hitzacker. Er hat 17 Angestellte in seinen Apotheken in Hitzacker und Dannenberg.

Protokoll: Lutz Kinkel
 
 
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