4. November 2008, 12:13 Uhr

Schweigen hinter Panzerglas

Zäher Auftakt im Prozess gegen den mutmaßlichen Holzklotz-Werfer vor dem Landgericht Oldenburg. Das Verfahren begann unter extremen Sicherheitsvorkehrungen. Der Angeklagte Nicolai H. nahm hinter Panzerglas Platz und verweigerte jede Aussage. Dafür sorgten seine Verteidiger für eine Antragsflut am ersten Prozesstag.

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Der Ankgeklagte Nicolai H. sitzt mit seinen Anwälten hinter einer Panzerglaswand. Gegen ihn sind Morddrohungen eingegangen©

Es ist ein Indizienprozess, und der Angeklagte schweigt: Sieben Monate nach der tödlichen Holzklotzattacke von einer Autobahnbrücke nahe Oldenburg hat der 30 Jahre alte Nicolai H. am Dienstag vor dem Landgericht Oldenburg die Aussage verweigert. Die Staatsanwaltschaft warf dem drogensüchtigen Mann zum Prozessauftakt vor, "heimtückisch und mit gemeingefährlichen Mitteln einen Menschen getötet zu haben". "Er hat in Kauf genommen, dass es zu einem tödlichen Unfall kommen könnte", sagte Staatsanwältin Roswitha Gudehus bei der Verlesung der Anklage. Bei der Attacke war eine 33-Jährige vor den Augen ihres Mannes und ihrer zwei Kinder von dem Holzklotz erschlagen worden.

Das Verbrechen hatte in ganz Deutschland Entsetzen und Betroffenheit ausgelöst. Am Ostersonntag raste das sechs Kilogramm schwere Geschoss aus Weidenholz durch die Windschutzscheibe des Autos der Familie aus dem nordrhein-westfälischen Telgte. "Die Frau wurde am Oberkörper und am Kopf getroffen", sagte Gudehus. Sie habe so schwere Verletzungen am Brustkorb und am Schädel erlitten, dass sie noch am Unfallort starb. Der Witwer verfolgte am Dienstag gefasst das Verfahren. Der Beschuldigte aus Rastede (Niedersachsen) war erst Wochen nach der grausigen Tat gefasst worden.

Zu Beginn des Prozesses waren alle Plätze in dem Saal des Landgerichtes besetzt. Die Verhandlung begann aufgrund verschärfter Sicherheitsmaßnahmen mit kurzer Verspätung. Gegen den 30-Jährigen waren anonyme Morddrohungen bei seinem Anwalt eingegangen. Im Saal saß er vorsorglich hinter Panzerglasscheiben.

Der Angeklagte hatte zunächst die Tat zugegeben, später aber sein Geständnis widerrufen. Zur Verhandlung kam er im Anzug und im weißem Hemd. Die Haare waren kurz geschnitten. "Eine insgesamt gepflegte Erscheinung", meinten Prozessbeobachter. Er sehe nicht aus wie ein Drogensüchtiger.

Seine Drogenabhängigkeit und daraus resultierende Entzugserscheinungen nach seiner Verhaftung sind aus Sicht der Verteidiger verantwortlich für das falsche Geständnis. Erst danach habe ihr Mandant die Ersatzdroge Methadon erhalten.

Zäher Prozessauftakt

Mehrere Anträge der Verteidiger sorgten insgesamt für einen zähen Auftakt. Nach der dritten Verhandlungsunterbrechung stellte Anwalt Oliver Wallasch einen Befangenheitsantrag gegen die Kammer, weil unter anderem die Anträge auf eine russische Übersetzung der Anklageschrift und die Hinzuziehung eines Dolmetschers abgelehnt worden waren. Ohne Übersetzer könne der Angeklagte die Verhandlung nicht verfolgen, sagte Wallasch.

Aus der Verlesung von früheren Verteidigerschreiben zu dem Dolmetscherthema an das Gericht wurde bekannt, dass der in Kasachstan aufgewachsene Angeklagte 1994 mit seiner Familie nach Deutschland gekommen war. Nach der Hauptschule war er Hilfsarbeiter in einer Glaserei, nach einem Umzug 2003 arbeitslos. In dieser Zeit soll er mit dem Konsum harter Drogen angefangen haben. Daraufhin hätten ihn die Eltern des Hauses verwiesen. Seither habe er allein in Rastede gelebt.

Nach dem Befangenheitsantrag schloss der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann die Sitzung, "da wir ohnehin heute nicht mehr vor hatten". Eine Entscheidung über den Antrag werde den Beteiligten schriftlich zugesandt.

Sicherheitscheck beim Betreten des Gerichtssaals

Medienvertreter wie Zuhörer mussten vor Betreten des Gerichtssaals einen eingehenden Sicherheitscheck über sich ergehen lassen. Nach dem Passieren einer Sicherheitsschleuse wurden alle per Hand abgetastet, mitgeführte Taschen sorgfältig kontrolliert. Nicht jeder, der in den Saal mit seinen etwa 50 Zuhörerplätzen wollte, konnte hinein. Zu groß war das öffentliche Interesse an dem Fall.

Das Gericht hat bis Ende Januar 16 Verhandlungstage angesetzt. Mehr als 40 Zeugen und 3 Sachverständige sollen gehört werden. Dazu zählt auch ein vor Kurzem von der Staatsanwaltschaft benannter Zeuge. Der Angeklagte solle dem Mitgefangenen gegenüber die Tat zugegeben haben, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Frauke Wilken, und bestätigte einen Bericht der Oldenburger "Nordwest-Zeitung".

AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
KarlVitovec (06.11.2008, 15:24 Uhr)
zu Holzklotz Prozess:
Nach wiederholten Zwischenfällen,hätten die zuständigen Politiker sofort Abhilfe schaffen müssen. An allen Autobahn Überführungen gehören Plexiglas Wände oder ausladende Netze die ein solches skandalöses Verhalten unmöglich machen. Leider sind die zuständigen Leute übervordert. Mitschuld an sollchen Vorfällen tragen unsere Politiker denen es am Initiative mangelt. Jetzt wird sicher etwas unternommen aber erst muß es Tote geben.
zuddi (05.11.2008, 11:22 Uhr)
Anwälte
Jeder hat das Recht auf einen Verteidiger und jeder Verteidiger möchte natürlich das Beste für seinen Mandanten rausholen. Was hier aber wieder abgezogen wird, erzeugt bei mir Kopfschütteln. Dass der Herr Angeklagte kein Deutsch versteht, ist erwiesenermaßen Quatsch. Das konnte man mühelos feststellen, wenn man das von ihm gegebenen Interview gesehen bzw. gehört hat. Außerdem würde ich sagen, wer so lange in unserem Land lebt und sich als Deutscher bezeichnen lässt, der sollte diese Sprache beherrschen. Ich könnte mich glatt übergeben angesichts dieser ganzen widerlichen Geschichte mit ihrem "Hauptdarsteller".
gaga007 (05.11.2008, 08:58 Uhr)
vubler (4.11.2008, 16:25 Uhr) ...
... " ich weiss nicht, warum STERN einerseits die Leser auffordert, über Artikel zu diskutieren, aber andererseits ZENSUR und Gesinnungs-TÜV veranstaltet " ... der Stern hat sich vor Jahren medienwirksam für einen rechtskräftig-verurteilten Sexualstraftäter eingesetzt, seine Freilassung erwirkt und dieser hat dann erneut eine Sexualstraftat begangen. Der Stern ist immer auf der Seite der Täter - die Opfer bringen keine Auflage. Daher werden alle " pro-Opfer " - Kommentare zensiert. Diese " Hitler-Tagebuch-Redaktion " schreibt und zensiert auf unterstem Niveau ! Der Stern eines Henry Nannen ist schon lange tot ...
Eisenbaer (04.11.2008, 19:57 Uhr)
@chrgue
Warum gibt es gerade in den Ländern, wo noch die Todesstrafe praktiziert wird so viele Gewaltverbrechen und Tötungsdelikte?

Weil die Täter wissen, dass eine schlampige Arbeit den eigenen Tod bedeuten wird. Also werden alle möglichen Zeugen beseitigt oder es wird seitens von Gangs (Gangster) ein solches massives Bedrohungspotenzial aufgebaut, dass sich niemand mehr traut, als Zeuge gegen diese Leute auszusagen. Wohl wissend, dass andernfalls die Rache dieser Gangs auch die nächsten Verwandten gefährden würde.

Also meine Frage an Sie: Wollen Sie wirklich US-amerikanische Zustände bei uns eingeführt wissen? Oder haben Sie gar die Überzeugung gewonnen, dass "früher, bei uns alles besser war"?

Vielleicht ist Ihnen nicht bekannt, dass während des zweiten Weltkriegs unter den Nazis weitaus mehr Menschen imit dem Fallbeil getötet wurden, als in den langen Jahren der Schreckensherrschaft nach der Französischen Revolution"? Und war Deutschland deswegen sicherer?
Eisenbaer (04.11.2008, 19:47 Uhr)
Auch wenn das Schwein einen Anzug trägt...
...so bleibt es dennoch ein Schwein.
Administrator (04.11.2008, 16:33 Uhr)
@chrgue
Liebe/r chrgue,
natürlich können Sie dieser Meinung sein und diese auch äußern. Aber es besteht ein (sprachlicher und inhaltlicher) Unterschied zwischen der Aussage:
"Ich bin Befürworter der Todesstrafe" und "Der Angeklagte gehört erschossen" (es handelt sich um fiktive Beispiele - diese Aussagen sind hier so nicht getroffen worden!)
Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Administrator (04.11.2008, 16:30 Uhr)
@vubler
Lieber vubler,
vielen Dank für Ihre Nachricht. Jeder Ihrer Kommentare wird grundsätzlich veröffentlicht.
Allerdings lesen wir die Debatten mit - sofern Sie sich an unsere Hausordnung halten, bleiben die Postings stehen. Gelöscht wird nur, was gegen unsere Regeln verstößt.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Administrator (04.11.2008, 16:28 Uhr)
@MKK-Wohner
Liebe/r MKK-Wohner,
vielen Dank für Ihr Posting.
Gern nehemen wir dazu Stellung: Auf stern.de kann jeder User seine Meinung frei äußern - sofern dies sachlich und im Einklang mit unseren Regeln und den in Deutschland geltenden Gesetzen geschieht.
Eine Debatte, die darauf zielt, Menschen aufgrund Ihrer Herkunft zu verurteilen, dulden wir nicht. Zudem geht das Recht auf freie Meinungsäußerung einher mit der Verantwortung für die eigene Wortwahl.
Sie möchten diskutieren? Dann sind Sie herzlich eingeladen, dies hier zu tun. Sie haben zum Ausdruck gebracht, dass Sie eine Lösung des im Artikel beschriebenen Falls außerhalb des juristischen Weges begrüßen würden - eine derartige Aussage steht an der Grenze zum Aufruf zu einer Straftat und wurde daher gelöscht.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
chrgue (04.11.2008, 16:27 Uhr)
@STERN
Seien Sie bitte vorsichtig! Was Iher Meinung nach nicht relevant erscheint, muss es noch lange nicht in den Augen der User sein. Wenn Sie solch ein Forum öffnen, muss jeder Journalist auf einiges gefasst sein. Ich z.B. plädiere für solche Verbrechen für die Todesstrafe. Bin ich deswegen ein Faschist oder sonstwas? Wenn jemand, der nur auf Staates kosten lebt, der aus dem tiefsten Dschungel dieser Welt zu uns kommt, kaum Deutsch kann, heroinabhängig ist, natürlich niemals einer Arbeit nachgehen wird, dann hat er sein Leben verspielt wenn er einen anderen Menschen einfach so aus Frust umbringt. Was, bitte lieber STERN, ist an dieser Meinung so verkehrt???
vubler (04.11.2008, 16:25 Uhr)
Meinungsmache oder Journalismus?
Ich weiss nicht, warum STERN einerseits die Leser auffordert, über Artikel zu diskutieren, aber andererseits ZENSUR und Gesinnungs-TÜV veranstaltet. Von mir wurden auch schon Beiträge nicht veröffentlicht, die weder provuzioerend, noch fremdenfeindlich oder beleidigend waren. Sie hatten einfach eine andere Meinung als der Grundtenor der Autors. Das kommt nicht gut bei Meinungsmache....
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