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Die Kacke verschwindet von der Straße

Der Mensch liebt den Hund, nicht aber dessen Häufchen. Nun hat ein niederländisches Ehepaar eher zufällig ein fast Kackreste-freies Hundefutter entwickelt. Das Interesse an dem Produkt ist groß - auch in Deutschland.

Von Albert Eikenaar, Amsterdam

Wer ärgert sich nicht, wenn er auf dem Gehsteig in einen Haufen matschigen Hundebrei tritt? Es ist ein Problem, das zwar jeder verflucht, sich aber offenbar nicht richtig bekämpfen lässt. Hundescheiße gibt es immerzu und überall. Fast 90 Prozent aller Deutschen befürwortet kräftige Bußgelder für Hundebesitzer, die ihren Liebling an öffentlichen Stellen kacken lassen, ging aus einer Umfrage hervor.

Die Stadt Amsterdam setzt nun auf eine andere Möglichkeit, die Fäkalienflut zu stoppen: auf neues Hundefutter. Zweihundert Kilometer nordöstlich von Amsterdam, in Friesland, gibt es eine Fabrik, die eine permanente Lösung bietet. Unter der Marke "Energique" produzieren der ehemalige Altersheimtechniker Jos van der Linden und seine Frau Nanette Waldorp, Ex-Sekretärin, Hundenahrung die kaum Reste übrig lässt. Rund 90 Prozent ihres Produktes wird im Tiermagen verdaut. Übrig bleibt eine geruchsfreie feste Substanz, die man mit der Hand in einem Papiertaschentuch entsorgen kann. Ein Hund, der seine normalen trockenen Brocken oder seine Dosenmahlzeit frisst, hinterlässt im Durchschnitt drei Mal größeren Haufen, stellten Wissenschaftler der Utrechter Universität fest.

Das Nobelfutter für den Hund

In der üblichen Industrienahrung steckt höchstens 15 Prozent Fleisch, dazu viel Hühnerabfall, Getreide und Wasser als Ballast. Billiger Füllstoff ohne Kalorienwerte. Die Darmaktivität des Rüden oder der Hündin wird kaum angeregt. "Das Essen kommt raus, wie es reingegangen ist. Unverzehrt. Ein Hundedarm ist nicht auf Getreide eingestellt", sagt Jos van der Linden.

"Energique" hat im Vergleich mit der üblichen Massenware einen großen Vorteil, aber preislich gesehen steht die Gefrierkost für Hunde an der Spitze. Zwölf Kilogramm "Energique" kosten im Fachhandel 40 Euro. Die Nobelmahlzeit ist damit viel teurer als die Produkte aus der Küche der großen Marken, die zwat auch Fleisch verwenden, allerdings billigere Sorten in kleineren Mengen. Für eine vergleichbare Menge Trockenbrocken würde man 20 Euro hinblättern. "Otto-Normalverbraucher wie ich, finden "Energique" scheißteuer, um es mal klar zu sagen", meint Sjanie Koenders aus Heelsum. "Aber ich habe immer ein paar Packungen in der Truhe für den Fall, dass mein Labrador sich krank meldet. Energique wirkt dann positiv". Die in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellte Verdauung von 90 Prozent des neuen Futters ist aber noch nicht eindeutig erwiesen. "Die Tests waren nicht ausführlich. Sie waren zu kurz und nur wenige Hunde wurden getestet", kritisiert Tierhändler Jan van de Ven. "Ich weiß nicht, ob Energique auf Dauer das halten kann, was es jetzt verspricht."

Nanette Waldorp sieht keine Probleme: "Zig tausende Hunde verspeisen Energique. Kein Kunde hat sich bisher beklagt." Und was die Preise anbelangt? "Pures Fleisch ist teurer als Getreide und Hähnchenabfälle bei der Industrienahrung. Ein Hund, der "Energique" frisst, nimmt viel weniger zu sich. Das hält den Preis in Grenzen".

Die Zufallsentdeckung wird zum Verkaufsschlager

Die Idee, ein neues Hundefutter herzustellen, entstand durch Zufall. Es war nicht beabsichtigt, die hausgemachte Hundespeise zu vermarkten. "Wir hatten kränkelnde Wolfshunde. Sie litten an Darmstörungen. Ein irischer Züchter gab mir den Tipp, sie nur mit Rindfleisch zu füttern", erläutert Van der Linden. Also fing er, unterstützt von Nanette, selbst an zu experimentieren. Und siehe da, ihre Lieblinge wurden nach dem Genuss der neuen Nahrung angeblich nicht nur energischer ("Energique"), sondern zeigten bald auch ein prächtig glänzendes Fell, ein Zeichen von Gesundheit.

Das Ergebnis sprach sich herum. Die Nachfrage von Freunden und Bekannten verdoppelte sich Monat für Monat. Die Hobbyproduzenten beschlossen deswegen, aus der privaten Freizeitbeschäftigung einen Beruf zu machen. In seinem Büro in der alten Molkerei, die als Produktionsstätte fungiert, erzählt Van der Linden über die Basis von "Energique". Das Geheimnis sei die Überlegung gewesen, dass sich Hunde nur von Fleisch ernähren würden, wären sie keine Haustiere.

Während Van der Linden spricht, kneten Maschinen frische Rindfleischstücke mit anderen Ingredienzien zu einer dicken Masse. Spezialgeräte portionieren die Substanz. Die Packungen wandern ins Gefrierlager, fertig zum tiefgekühlten Versand an hunderte Kunden, vor allem Tiergeschäfte und Profizüchter. Bei der Entwicklung seines Produktes versuchte Van der Linden zu imitieren, was Wölfe und wilde Hunde in der freien Natur fressen: rohes Fleisch, Kuhmägen und Organe. "Diese Grundstoffe und ein bisschen mehr stecken wir in Energique", sagt Van der Linden.

Die Idee wurde zum Welterfolg. Nach einer entsprechenden Meldung im Internet regnete es Bestellungen aus Alaska, Florida, Kanada, Israel und auch aus Deutschland. In der Bundesrepublik ist die Nachfrage schon so groß, dass der Wuppertaler Großhändler Hundt inzwischen hunderte Fachgeschäfte im ganzen Land beliefert. "So helfen wir überall, eine Dreckssache zu lösen", sagt Nanette Waldorp.

Keine Probleme mehr mit Hundehaufen

Deutsche Hunde hinterlassen jeden Tag im wahrsten Sinne des Wortes einen Riesenhaufen: rund 1400 Tonnen, ganze 54 Güterwaggons, berechnete der stern (Heft 31, 24.7.1997). Die Zahl wird sich nicht groß verändert haben. "Mit unserer Hilfe wird das peu à peu ein bisschen weniger", hofft Van der Linden. Pro Jahr verschmutzen eine halbe Million Tonnen Hundedreck Straßen, Rinnen und Grünanlagen. "Würde jeder Pudel und jeder Pekinese Energique verzehren, ginge es nur um 160.000 Tonnen", meint Nanette Waldorp. Eine Abnahme von 340.000 Tonnen - und eine entsprechende Verringerung des notwendigen Reinigungsbudgets der Städte. Frau Waldorp lächelt. "Das Geld kann man sparen. Doch deutsche Gemeinden sehen die Millionen Kackwürstel eher als eine tägliche, natürliche Plage, gegen die sie sich nicht mehr wehren können", meinen die zwei Neu-Unternehmer. "Das ist jedoch falscher Fatalismus".

Niederländische Gemeinden sind einen Schritt weiter. Ihr Dachverband hat die Vorteile des "friesischen Wunders" entdeckt und fordert Maßnahmen. Ein Ausschuss denkt darüber nach, Hundehalter zu verpflichten, ihre Vierbeiner mit "Energique" zu füttern. Das Produkt würde dann allerdings ein Monopol erhalten. Das wäre ein Verstoß gegen die Wettbewerbsspielregeln. Dies muss nun juristisch geklärt werden. Die Amsterdamer Straßenreinigung will darauf nicht warten. Hier will man den Gebrauch von "Energique" mit einer Informationskampagne stimulieren. Wo Hundetoiletten, Plastikbeutel, Schippchen, Sandbunker im Park nicht geholfen haben, könne "Energique" eine Wende bewirken. Der Beamte Evert van Duijn: "Wenn wir den Hundeherrchen einprägen, dass das Frischfleischmenü keine Reste hinterlässt, werden sie ihre geliebten Bestien hoffentlich damit füttern. Dann sind wir unsere Scheißprobleme los".

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