Kirsten K. ist verhungert. Mitten in Hamburg, unter staatlicher Obhut. Sie war schizophren, hatte jahrelang ihren Mann beschuldigt, die gemeinsamen Kinder missbraucht zu haben. Heinz K. wäre an den Vorwürfen beinahe zerbrochen. Auch weil eine selbsternannte Kinderschützerin eine Mission hatte. Von Kerstin Schneider (Text) und Marcus Vogel (Fotos)

Mittlerweile wiedervereint: Heinz K. mit seinen beiden Töchtern© Marcus Vogel
Als die Polizei gegen Mittag die Wohnungstür im zweiten Stock des rot geklinkerten Hochhauses in Hamburg-Farmsen aufbricht, kommt für Kirstin K. jede Hilfe zu spät. Die Leiche der 40-jährigen liegt, nur mit Unterwäsche bekleidet, auf zwei übereinander liegenden Matratzen im Kinderzimmer. Die Wohnung ist, abgesehen von einem Regal, einem alten Kinderfahrrad und ein paar Kartons, leer geräumt. Mindestens acht Wochen muss die Tote in ihrer Wohnung gelegen haben. Sie wiegt 31,5 Kilo. "Hochgradige Abzehrung des Körpers", diktiert der Gerichtsmediziner kurz darauf bei der Obduktion in sein Diktaphon. "Todesursache: Verhungern."
Nun, mehr als zweieinhalb Jahre nach dem Auffinden der Leiche im Dezember 2004, steht die 51-jährige Berufsbetreuerin Andrea S. in Hamburg wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht. Sie war 1999 als Betreuerin von Kirsten K. bestellt worden, weil die zweifache Mutter unter paranoider Schizophrenie litt. Schon damals aß Kirsten K. kaum und drohte zu verhungern. Obwohl sie von der Essstörung ihrer Klientin wusste, kümmerte sich die Betreuerin laut Anklage ein halbes Jahr lang nicht intensiv genug um Kirsten K., so dass die Betreute alleine in ihrer Wohnung verhungerte.
Doch der Fall von Kirsten K. erzählt mehr als nur die Geschichte einer kranken Frau, die unter staatlicher Obhut in der reichsten Stadt Deutschlands verhungerte. Der Fall erzählt auch die Geschichte eines Rufmordes, der fast die Existenz ihres Ehemannes Heinz K. ruiniert hätte. Ein Rufmord, der dafür sorgte, dass der Vater seine Kinder über fünf Jahre nicht sehen durfte.
Dass mit Kirsten "etwas nicht stimmt", merkt Heinz K. das erste Mal, als seine Freundin 1989 schwanger wird. "Sie wollte mich von einem auf den anderen Tag plötzlich nicht mehr sehen. Öffnete ihre Wohnungstür nicht. Als ich trotzdem zur Entbindung unserer Tochter Sandra ins Krankenhaus kam, tat sie, als wäre nichts geschehen."
Heinz K. schiebt das merkwürdige Verhalten seiner Freundin auf eine Schwangerschaftsdepression. Das Paar heiratet, zieht in einen Vorort von Hamburg, wo Heinz K., der gelernter Tischler ist, eine Anstellung als Hausmeister in einer Grundschule findet. Kirsten K. gibt ihren Job als Verkäuferin auf. Im November 1991 wird die zweite Tochter Jennifer geboren.
Nach der Geburt des zweiten Kindes, verhält sich Kirsten K. immer merkwürdiger. "Sie sprach ins Telefon, obwohl das Kabel gar nicht angeschlossen war", erinnert sich Heinz K.. Auch Christa B., die Mutter von Kirsten K., wundert sich darüber, dass ihre Tochter plötzlich "so wirres Zeugs redet". "Sie erzählte, dass sie im zweiten Weltkrieg gewesen sei, sagte: Mama, über Berge von Leichen bin ich gestiegen."
Doch weil sich Kirsten K. über lange Zeiträume normal verhält, glauben Ehemann und Mutter an einen "lästigen, aber harmlosen Spleen". Sie ahnen nicht, dass die seltsamen Geschichten, die Kirsten K. erfindet, erste Anzeichen einer schweren Nervenkrankheit sind: Schizophrenie. Bei dieser Stoffwechselerkrankung des Gehirns sind die so genannten Neurotransmitter, die die Nervensignale im Hirn weiter leiten, gestört. Deshalb können Schizophrene zeitweise nicht zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden. Sie sehen mitunter Menschen, die nicht existieren, hören Stimmen, nehmen Gerüche wahr, für die es keine Quelle gibt. Die Krankheit beginnt schleichend, bricht zwischen dem 20ten und 30ten Lebensjahr aus.
Als Heinz K. am 1. April 1995 am späten Nachmittag nach Hause kommt, ist seine Wohnung komplett ausgeräumt. Alle Möbel sind weg. Die Gardinen abgehängt. Seine Frau ist mit den Töchtern Sandra, 5 und Jennifer, 3, verschwunden. Fassungslos steht Heinz K. in seiner leeren Wohnung, glaubt erst an einen "schlechten Aprilscherz", als das Telefon klingelt. Seine Schwiegermutter ist am Apparat. "Kirsten hat sich heimlich eine Wohnung gesucht und ist ausgezogen. Sie behauptet, Du würdest die Kinder missbrauchen. Ich glaube ihr kein Wort. Das ist wieder eine ihrer Horrorgeschichten."