Erst Hamsterkäufe, dann Party mit "Sandy"

29. Oktober 2012, 19:52 Uhr

Die Medien, Wetterexperten und Präsident Obama warnen vor dem Sturm aller Stürme. Doch manche New Yorker bleiben trotz der Katastrophenstimmung völlig entspannt. Von Henrietta Reese

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Die Straßen New York sind leer gefegt. Die Bewohner warten auf Hurrikan "Sandy".©

New York, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, wo sich für gewöhnlich hupende Taxis durch die Menschenmassen schieben, ist zurzeit ziemlich leer. Die Einwohner bleiben zu Hause, die Arbeit muss ruhen genauso wie die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Metropole steht still und wartet gebannt auf Hurrikan "Sandy", der sich seinen Weg an die US-Ostküste bahnt.

Die Behörden haben alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, um die Einwohner zu schützen - Menschen in tiefer gelegenen Gegenden der Stadt wurden zur Evakuierung aufgerufen, der öffentliche Verkehr wurde eingestellt. "Das habe ich noch nie erlebt", erzählt die 26-jährige New Yorkerin Chloe Meyerson. "Sogar mein Büro hat heute geschlossen." Das ist in den drei Jahren, die sie inzwischen bei einer großen Hedgefonds-Firma arbeitet, noch nicht passiert. Bereits am Samstagabend schlossen viele der New Yorker Geschäfte und Restaurants - zuvor gab es einen großen Andrang auf die Supermärkte. Niemand weiß, wie lange der Ausnahmezustand anhalten wird, daher wird ordentlich gebunkert. "Das waren wirklich regelrechte Hamsterkäufe", bestätigt Meyerson. "In meinem Supermarkt standen gut 40 Leute vor mir an der Kasse. Die Regale waren zum Teil schon komplett leer geräumt." Ihre Freundin Jessica Laifer kann das bestätigen: "Es war wirklich verrückt im Supermarkt, als würde morgen die Welt untergehen." Besonders Brot, Milch, Eier, Fleisch und Wasser waren sehr gefragt. Ebenfalls Hygieneartikel, Batterien und offensichtlich auch Alkohol, wie Laifer berichtet, wurden in großen Mengen aus den Geschäften getragen.

Schon vor 14 Monaten war New York in Alarmbereitschaft, als der Hurrikan "Irene" im Anmarsch war – auch damals wurden etliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. "Aber es war nicht so extrem", erinnert sich die Finanzdienstleisterin, "das Verkehrssystem wurde nicht komplett lahm gelegt. Hamstereinkäufe gab es aber auch damals." Sie glaubt, dass die Menschen oft so panisch reagierten, weil die Medien das Thema aufbauschten. Sie wird einfach abwarten: "Vielleicht passiert ja gar nicht viel, so wie bei 'Irene'. Wenn doch, dann müssen wir warten, dass es vorübergeht."

Ablenkung statt Angst

Die Frage, ob sie nicht einmal ein klein wenig Angst vor dem bevorstehenden Sturm hat, verneint Meyerson, sie glaubt, dass ihre Generation ganz entspannt mit der Situation umgeht. "Meine Mutter ist allerdings sehr aufgeregt. Seit Freitagabend schickt sie mir alle paar Stunden eine Nachricht und informiert mich über Neuigkeiten. Sie sitzt den ganzen Tag nur noch vor dem Fernseher und wartet wie gebannt auf 'Sandy'." Sie hat Angst, dass ihre Tochter das Risiko unterschätzt und sich trotz der Warnungen aus dem Haus begiebt.

"Sie muss sich aber keine Sorgen machen. Ich habe zwar keine Panik, aber ich will mich auch nicht unnötig in Gefahr bringen. Ich bleibe den ganzen Tag in meiner Wohnung." Chloes Apartment befindet sich an der Upper East Side, liegt also nicht in der unmittelbaren Gefahrenzone. Möglich sind allerdings Überflutungen.

"Uns wurde geraten, die Badewanne mit Wasser zu füllen, falls irgendwann die Toilettenspülung nicht mehr geht, das hab ich dann auch gemacht." Viel mehr Vorbereitungen hat sie nicht getroffen. Jetzt wartet sie ab, was passiert, ob die großen Ankündigungen sich bewahrheiten. "Wenn ich aus dem Fenster schaue, ist es zwar grau und ungemütlich, aber nichts deutet auf einen so gefährlichen Sturm hin", sagt Meyerson. Mehr als der Hurrikan gruseln sie die leeren Straßen, die ungewöhnliche Ruhe vor ihrer Haustür: "Das gibt es sonst so nicht in New York. Die Stadt ist normalerweise rund um die Uhr in Bewegung."

Den unfreiwillig freien Tag wird sie ganz entspannt angehen, sie will im Bett bleiben und auf ihrem Laptop Filme schauen - ihre größte Sorge ist gerade, dass der Strom ausfallen könnte und ihr Akku nicht lange genug hält. "Ich werde den ganzen Tag im Bett liegen, essen und ein paar Bier trinken. Viele meiner Freunde haben sogar zu Hurrikan-Partys eingeladen. Wir gehen relativ entspannt mit der Situation um."

Auch Jessica wird zu Hause bleiben und versuchen, sich von dem Hurrikan abzulenken: "Ich war am Wochenende Äpfel pflücken, jetzt werde ich den ganzen Tag backen. Auf jeden Fall so lange, wie ich Strom habe."

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