. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
4. März 2009, 22:39 Uhr
Schriftgröße: A A A

Das Ableben des Hasen

Zwei Kaninchen sterben auf der Bühne einer Berliner Galerie und werden später verspeist. Ohne Töten kein "Kaninchen an Apricot" lautet die Botschaft der Performance. Die Botschaft zweier Gerichte lautet: Tiere dürfen nicht getötet werden - auch nicht um der Kunst willen. Es wird nicht das letzte Urteil sein.

Kunst, Performance, Künstlerfreiheit, Tierschutz

Zwei für die Kunst geopferte Kaninchen gaben in Berlin Anlass für einen Rechtsstreit© Winfried Rothemel/AP

Es geht um Kunst. Da muss man sich vielleicht auch bilden!", hält Falk Richwien dem Staatsanwalt entgegen. Der zitiert den Künstler seit drei Jahren wegen des Verstoßes gegen das Natur- und Tierschutzrecht auf die Anklagebank. Der schmale 46-Jährige mit dem kleinen Kinn-Bärtchen und dem rötlich-strähnigen Haar, das er gern mit einem Hut bedeckt, hat zwei Kaninchen töten lassen und das als Kunst deklariert.

Berlin-Mitte, Hackesche Höfe im Februar 2006, gegen 22 Uhr. Eine Hinterhofgalerie namens "Monsterkeller" lädt zur Performance. Zwanzig, dreißig Schaulustige interessieren sich für das Spektakel unter dem Titel "Das Ableben des Hasen", welches in den Stadtmagazinen kundgetan wurde. Unter ihnen befindet sich der Reporter Jens Reinhard*.

Im Hinterzimmer der Galerie warten bereits zwei weiße Kaninchen in einem Karton auf ihre Hinrichtung. Der Künstler nimmt das erste Tier und überreicht es dem Bio-Fleischer Robert Nussbaum*. Der schlägt dem Kaninchen mit einem Knüppel ins Genick. Es soll dadurch betäubt werden. Die in einen schwarzen Ledermantel gehüllte Peggy Bundschuh* präsentiert das zuckende Tier auf einem silbernen Tablett. Dann greift der Metzger das Kaninchen, hält dessen Pfoten fest, während die "Protagonistin" ihm den Hals umdreht.

Geköpfte Kaninchen für die Kunst

Auf einem Holzklotz schneidet sie dem Tier den Kopf ab. Falk Richwien bindet diesen an einen Nylonfaden und legt ihn in ein mit Formaldehyd gefülltes Glas. Dem zweiten Kaninchen ergeht es kurz danach nicht besser. Während der gesamten Performance wird kein Wort gesprochen. Erst im Anschluss kann Reporter Jens Reinhard seine Sinnfragen an den Künstler stellen.

Dessen Antworten klingen mystisch. Falk Richwien sagt, dass man die "spirituell überhöhte Reflexion ins Gleichgewicht bringen, dass man die geistige Ebene überhöht betrachten müsse und dass wir nicht so göttlich sind, wie wir zu glauben scheinen." Die Boulevardzeitung vereinfacht seine Antworten und schreibt, der Künstler wolle beweisen, dass wir alle vom Raubtier abstammen.

Jens Reinhard fragte den Künstler auch, ob er Angst vor den Konsequenzen seiner Show habe. Richwien antwortete: "Ich bin kein ängstlicher Mensch." Anschließend wurde der Kaninchenskandal von Berlins Boulevardpresse ausgeschlachtet. Die Zeitungsberichte bildeten den Anstoß zu einem mehrjährigen juristischen Tauziehen, das wohl erst vom Verfassungsgericht beendet wird.

Noch im Februar 2006 zeigte Claudia Hämmerling, Mitglied des Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/Die Grünen Falk Richwien, Robert Nußbaum und Peggy Bundschuh an. Sie war nicht die einzige: "Die Akte strotzt vor Anzeigen", sagt Richwiens Verteidiger.

"Kunstfreiheit ist nicht schrankenlos"

Ein Jahr später verurteilte das Amtsgericht Tiergarten die drei Performer zu Geldstrafen: Der Künstler soll 2400 Euro (80 Tagessätze), der Fleischer 1000 Euro (50 Tagessätze) und die "Protagonistin" 600 Euro (20 Tagessätze) zahlen. "Kunstfreiheit ist nicht schrankenlos und findet seine Grenzen, wenn Dritte verletzt werden", urteilte der Richter. Er stellte nicht in Frage, dass prominente Künstler des "Wiener Aktionismus" in den sechziger und siebziger Jahren Tiere für die Kunst getötet hätten. "Das mag so gewesen sein, damals hatten wir noch nicht den Paragrafen 20a." Der wurde im Juli 2002 ins Grundgesetz aufgenommen und erklärt den Tierschutz zum Staatsziel. "Unsere Einstellung gegenüber Tieren hat sich geändert", argumentierte der Richter. Mit dem neuen Paragrafen habe man "solche Sachen wie hier verhindern wollen."

Peggy Bundschuh nahm ihr Urteil an. Ihre Mitstreiter dagegen zogen vor das Berliner Landgericht. Ob man nicht das Verfahren wegen geringer Schuld einstellen könne, lautet der erste Vorschlag, den Richwiens Verteidiger dort macht. Doch diesem muss neben dem Richter auch der Staatsanwalt zustimmen. Und der schüttelt den Kopf.

So darf der Künstler sich erneut erklären. Dies tut er wesentlich verständlicher als vor drei Jahren gegenüber dem Reporter. Er könne nicht verstehen, warum er sich strafbar gemacht habe, sagt Richwien. Kunst solle bilden, sie sei spirituell und arbeite mit Emotionen. "Ich habe, um eine Aussage zu machen, die wachrüttelt, gemeinsam mit einem Fleischer zwei Kaninchen geschlachtet und später mit zwölf Leuten verspeist. Ich habe versucht, etwas bewusst zu machen und darum das Bewusstsein gequält - das Bewusstsein der vor sich hin fressenden Konsumenten. Diesen Vorgang grausam zu nennen ist naiv, denn er findet tagtäglich in unseren Schlachthöfen statt - er wird nur verdrängt."

Uta Eisenhardt

Uta Eisenhardt Uta Eisenhardt ist Berlinerin in dritter Generation. Seit fünf Jahren ist sie Gerichtsreporterin. In der stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet sie aus dem Berliner Amtsgericht, einem der größten Deutschlands. Jede Woche schreibt Eisenhardt über einen Prozess mit dem gewissen Etwas: manchmal traurig, manchmal kurios - immer spannend.

  zurück
1 2
KOMMENTARE (10 von 23)
 
Nostradamus (06.03.2009, 19:18 Uhr)
@peterpan1001: Recht
Wenn es dazu kommt, dann wird jedes Recht gekippt, da die Gesetzgebung unser Überleben in einer Ausnahmesituation mittlerweile unmöglich machen würde.
.
Dazu werden die Bürger ziemlich resolut gegen die sogenannte Staatsmacht vorgehen müssen und das nur, um ihr eigenes Überleben vor staatlicher Regulierungswut zu schützen.
.
Das könnte spaßig werden.
andreadobrick (05.03.2009, 22:27 Uhr)
ich glaubs bald nicht mehr
Wie krank muss jemand sein der seine Fantasien auf der Buehne vor publikum ausspielen muss? Ist es ok wenn demnaechst Pedophile oeffentlich Kinder missbrauchen, Eintrittsgeld verlangen und es "Kunst" labeln? Sind die Deutschen denn jetzt total verrueckt?
peterpan1001 (05.03.2009, 13:38 Uhr)
beamten irrsinn
mit diesem schwachsinn ist eh bald schluß wenn der staat pleite ist, und unsere beamten keine kohle mehr bekommen.
ich freu mich schon drauf.
MarthaMuse (05.03.2009, 12:48 Uhr)
Hinweis
Wiederholter Hinweis an die Redaktion: Es gibt kein "Berliner Amtsgericht" und es erstaunt mich immer noch, dass Frau Eisenhardt angeblich den Gerichtsterminen beiwohnt, aber offenbar nicht weiß, in welchem Gericht sie sich befindet. Strafsachen werden in Berlin im Amtsgericht Tiergarten verhandelt. Was ist denn daran so schwierig zu verstehen, dass Sie seit Monaten diesen Hinweis ignorieren?
Lou123 (05.03.2009, 12:39 Uhr)
@Romanticker
So ein Quatsch. Ob ich Zuhause meine Kaninchen schlachte, oder dies vor Zuschauern mache, noch dazu mit einem gelerntem Schlachter, ist doch wohl egal. Blutig ist beides und wird nur zu gerne von dem plastikverpacktem Fleisch kaufendem Konsumenten vergessen. Womöglich hat das Tier in/vor der normalen Schlachterei sogar mehr gelitten. Grundsätzlich wird nur das Produkt Fleisch gesehen und der Geschmack der sich hinter dem Produktnamen verbirgt. Das "Kalbfleisch" aus süßen kleinen Kälbchen besteht, wollen nur die wenigsten sich bewusst machen. Wenn man solchen Leuten ein Kälbchen zeigt, heisst es nur "Wie niedlich!", aber selbst dem kleinen Kerl den Garaus machen, möchte kaum einer. Ebenso wie Milch und Käse Produkte. Hier kommt die Milch von den Kühen. Und wieso haben Kühe Milch? Weil Sie Kälber haben. Um die Milchproduktion am Laufen zu halten muss die Kuh also ständig kalben und wohin dann mit dem Kalb? In die Wurst. Wirtschaftlich kann man sogar noch was rausholen, um das Lab für den Käse herzustelllen. Das findet sich nämlich glücklicherweise in den Kälbermägen. Und wenn die Kuh nicht mehr kann: Auch in die Wurst.
grossbuerger (05.03.2009, 11:58 Uhr)
Die Zuschauer sollten verurteilt werden !
Hier wird wieder an Sympthomen gedoktert, anstatt die Ursache anzugehen ... ohne Zuschauer kein öffentliches Sterben von Kaninchen, die ja täglich in diversen Küchen eh sterben ! Die Menschen, die sich soetwas ansehen, die gehören verurteilt ! Und für den Rest von Euch langweiligen Kommentatoren: backebacke Kuchen !
feldsalat (05.03.2009, 11:31 Uhr)
Verlogene Aufregung
Kaninchenbraten gefällig? Aber gern - an der Fleischtheke oder in der Kühltruhe finden Sie davon massenhaft.
Ach stimmt, dazu muss man die Tiere ja töten ... Hm ...
Das Töten? Bitte im Verborgenen, führt es uns JA nicht vor!
F.Friedel (05.03.2009, 11:19 Uhr)
@acitapple
wohl vergessen, dass es geplant war die Kaninchen anschließend auch zu verzehren. Sicherlich war der Grundgedanke das "Benutzen" der Tiere für die Kunst. Dennoch wurden sie nicht weggeschmissen, sondern verzehrt. Somit sehe ich erstmal keine eindeutige Straftat.
Und ob diese Art von Kunst sich durchsetzen soll, lasse ich mal dahingestellt. Ich finde sie nicht schön. Aber den Menschen sollte dennoch mal wieder bewusst gemacht werden, woher das Essen stammt, das wir täglich auf unseren Tellern liegen haben. Meine Tochter wusste bis zu ihrem 6. Lebensjahr nicht, woher das Rindersteak stammt und das dafür eine Kuh sterben musste. Und ich denke, dass es vielen so geht.
RomanTicker (05.03.2009, 10:36 Uhr)
Man muss unterscheiden
Anscheinend haben hier bisher nur Mupfeline und acitapple richtig verstanden, worum es geht. Es ist erlaubt und auch legitim, Tiere nach bestimmten Regeln zu halten und zu töten, wenn sie verzehrt werden sollen. Es ist aber nicht erlaubt, Tiere zu töten, um mit dem Töten an sich Kunst zu betreiben oder Geld zu verdienen. In Metztgereien werden Tiere eben nur deshalb getötet, damit die Menschen sich davon ernähren können und natürlich auch manche Haustiere, z.B. Hund oder Katze. Die Richter haben auch vollkommen Recht, dass man auf die angeblich bezweckte Wirkung erzielen könnte, ohne ein Tier zu töten. Man könnte es nachspielen oder Filme und Fotos aus echten Schlachtbetrieben zeigen.
acitapple (05.03.2009, 10:06 Uhr)
bravo mupfeline
der erste kommentator, der verstanden hat worum es hier geht ! hier werden keine tiere getötet, um jemanden zu ernähren, sondern der akt des tötens wird einfach zur schau gestellt. die motive sind hier zweitrangig, wenn auch lobenswert. wie wäre es z.b. wenn der kinderschutzbund einfach mal zwei kinder öffentlich verhungern lässt um auf die situation vernachlässigter kinder aufmerksam zu machen ??
tiere zu töten, die als nahrung dienen ist eine sache, sie auf der bühne für die eigene kunst zu schlachten, ist was anderes !
"Icke muss vor Jericht"

Ob Kneipenschlägerei oder Ehekrach: Die Prozesse am Amtsgericht Berlin spiegeln das pure Leben wider. In "Icke muss vor Jericht" berichtet Uta Eisenhardt über Prozesse mit dem gewissen Etwas.

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
"Icke muss vor Jericht" Der Schatz vom Zweistromland

Eine Frau will unbedingt ihr Auto verkaufen. Doch statt eines Interessenten meldet sich ein Mann, der ihr von einer Kiste voller Millionen erzählt. Gemeinsam könnte man diese aus dem Irak nach Europa holen. In ihrer Verzweiflung fällt die Frau auf dieses Märchen herein. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Immer Ärger mit den Auftragskillern

Ein Mann sucht einen Killer für seine Frau. Der erste potenzielle Täter brennt mit dem Vorschuss durch, der zweite versucht den Auftraggeber zu erpressen, der dritte denunziert ihn. Den vierten und bislang letzten Versuch startet der Mann im Gefängnis. Doch selbst ein Schwerverbrecher kann nicht helfen. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Warum ein Mann zehn Jahre schwarzfuhr

Im guten Glauben, einen gültigen Führerschein zu besitzen, ist ein Brandenburger zehn Jahre lang Auto gefahren. Doch dann fiel er bei einer Verkehrskontrolle auf - nun ermittelten plötzlich vier Staatsanwaltschaften gegen ihn. Über jemanden, der sich unschuldig fühlt. mehr...

 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...