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25. Februar 2010, 10:29 Uhr

Das Drama der Gerichtsvollzieherin

Sie war eine Vorzeige-Gerichtsvollzieherin. Engagiert. Akkurat. Bis zu jenem Tag, an dem sie vergewaltigt wurde. Danach zweigte sie Geld für sich ab. In Berlin stand die Beamtin deshalb nun vor Gericht - und offenbarte eine dramatische Geschichte. Von Uta Eisenhardt

 
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Mehrere tausend Euro vershoppte die Angeklagte an einem Tag, um ihren Ängsten zu entfliehen© Frank Augstein/AP

Wenn der Gerichtsvollzieher klingelt, werden manche Schuldner aggressiv. "Eine 90-Jährige schmiss mir einen schweren Eichentisch entgegen. Ein Mann drohte, mich umzubringen. Und ein zehnköpfiger Familienclan warf mir Menschenrechtsverletzung vor", sagte Christina Ilias* zu Journalisten, ein Jahr bevor sie Opfer eines Verbrechens wurde. Seit diesem Erlebnis begann sich eine Spirale zu drehen, an deren Ende aus der resoluten, fröhlichen Beamtin eine weinende Angeklagte mit ungepflegten, strähnigen Haaren wurde, die sich wegen Untreue von rund 22.500 Euro verantworten muss.

Zweimal soll sie knapp 2500 Euro, die ihr Wohnungseigentümer für Zwangsräumungen gaben, nicht an das Umzugsunternehmen weiter geleitet haben. Außerdem wies ihre Kasse ein Minus von etwa 17.700 Euro auf. Möglicherweise handelt es sich dabei um das Geld Hunderter Gläubiger und Schuldner, genau herausfinden ließ sich das nicht. Zugunsten der Angeklagten betrachtet die Staatsanwaltschaft diese Summe nur als einen Fall der Untreue.

5000 Euro an einem Tag vershoppt

Es muss schlimm gewesen sein, was Christina Ilias im Frühjahr 2006 in ihrem Büro widerfuhr. Der Schock saß wohl so tief, dass sie erst Jahre später Einbruch und Vergewaltigung anzeigte. Über weitere Einzelheiten hüllen sich alle in Schweigen: Die Angeklagte, das Gericht, der Vorgesetzte, die Kollegen. Der Gutachter, ein Psychiater aus dem Bundeswehrkrankenhaus, sagt lediglich, das Geschehene sei vergleichbar mit einem lebensbedrohlichen Kriegserlebnis.

Danach war nichts mehr wie zuvor. Nur noch in Begleitung habe sie ihr Büro betreten können, habe nicht mehr arbeiten können und schon bald den Überblick verloren. Was sie in der Zeit nach dem schrecklichen Erlebnis tat, weiß die 39-jährige Frühpensionärin nicht. Erst anhand von Kontoabrechnungen begriff sie, dass sie exzessiv eingekauft hatte: "Schuhe, Hosen, belanglosen Kram." Vier-, fünftausend Euro gab sie an einem Tag aus. "Ich habe das Geld benutzt, damit ich irgendwie beschäftigt bin", sagt die dicke Brillenträgerin heulend und schniefend. Von ihrem privaten Konto verschwanden 30.000 Euro: "Ich habe mich völlig ruiniert." Doch sie bezahlte auch mit Geld, für das sie als Amtsträgerin verantwortlich war.

"Ich habe meinen Job geliebt"

Vier Jahre lang hatte sie mit Leib und Seele als Gerichtsvollzieherin gearbeitet. Sie schätzte den Kontakt zu Menschen, nachdem sie zuvor im Verkehrsgericht, "dröge Akten" bearbeitet hatte. "Ich habe meinen Job geliebt", sagt die Angeklagte. Es sind die einzigen Worte, die ihr ohne Schluchzen über die Lippen gehen. Worte über eine vergangene, eine bessere Zeit. "Klar gab's stressige Faktoren. Ich war aber stolz auf mich, dass ich das so gut hinkriege."

Dann geschah das Verbrechen in ihrem Büro. Als ob damit das Maß des Unglücks nicht voll genug sei, erkrankte Christina Ilias auch noch an Krebs. Zwei Mal brach die Krankheit bei ihr aus, momentan sei sie "in Schach", wie die Angeklagte sagt.

Im Herbst 2007 bemerkten die Vorgesetzten die Fehlbestände in der Kasse ihrer einstmals so tüchtigen Kollegin. Sie stellten eine Strafanzeige, schickten Christina Ilias aber auch ins Bundeswehrkrankenhaus zu einem Psychiater. Der sollte sagen, ob ihre Straftat im Zusammenhang mit einer psychischen Krankheit steht und ob die Gerichtsvollzieherin jemals wieder in den Dienst integriert werden kann.

Seine Erkenntnisse referiert der Arzt auch vor Gericht. Er spricht von einer posttraumatischen Belastungsstörung. Diese führt zu Ängsten, gegen die sich die Betroffenen nicht wehren können: "Es ist eine Fehlverarbeitung im Gehirn, die verhindert, dass die Ereignisse sortiert werden können." So bleibt das lebensbedrohliche Erlebnis präsent und unverarbeitet. "Man ist immer nervös, auf dem Sprung - das kostet Kraft."

"Sie konnte die Ehe nicht mehr ertragen"

Hinzu käme, dass Christina Ilias, jüngstes von fünf Kindern, in ihrem Elternhaus wenig Fürsorge erlebte. "Deshalb hat sie Schwierigkeiten, Fürsorge anzunehmen", meint der Gutachter. Sie habe sich zurückgezogen, sich sogar von ihrem Mann getrennt: "Sie konnte die Ehe nicht mehr ertragen." Um sich nicht das Leben zu nehmen, wollte sie sich etwas Gutes tun - koste es, was es wolle. Den Kaufdrang habe sie nicht steuern können, ähnlich einem quengelnden Kind, das sich zu beruhigen sucht, indem es sich Süßigkeiten in den Mund stopft, meint der Psychiater.

Fünf Monate war Christina Ilias in der Psychiatrie, bis heute geht sie zur Therapie. Stockend und unter Tränen sagt sie: "Ich steh vor dem Scherbenhaufen meines Lebens." Betroffenheit im Gerichtssaal. Wie kann ein einziger Mensch nur so viel Tragik auf sich ziehen? Liebloses Elternhaus, Verbrechensopfer, Krebserkrankung, Schulden, Scheidung, Jobverlust und Strafverfahren?

Selbst die Richterin, sonst eher schroff zu den Angeklagten, schlägt eine mitfühlende Tonart an. "Bei Ihnen hat das Schicksal zugeschlagen", sagt sie zu Christina Ilias, die sie soeben zu einer Bewährungsstrafe von zehn Monaten verurteilte. Mit diesem Schuldspruch ist eine weitere Beschäftigung als Beamte nicht ausgeschlossen: "Aber nie mehr als Gerichtsvollzieherin", sagt die Richterin. "Dieser Job, den Sie mochten, ist weg."

* Name von der Redaktion geändert

Von Uta Eisenhardt
 
 
KOMMENTARE (4 von 4)
 
eurozocker (27.02.2010, 14:32 Uhr)
oh wie erbärmlich...
sie hat Ihren Job geliebt, wer also den Leuten die eh nix mehr haben das "letzte" nimmt und auf dem Rest Kuckus verteilt ist für sich allein gesehen schon pervers. Aber jetzt die arme Heulsuse vor Gericht zu spielen ist das allerletzte - ich gönne ihr von Herzems das ihre ehemaligen Kollegen jetzt ständig bei ihr ein und ausgehen und das die ihren Job auch so sehr lieben, denn Liebe soll ja so schöööön sein !!! Ich wünsche diese Dame alles schlechte !!!
Andreas2010 (26.02.2010, 18:05 Uhr)
Hätte sich lieber einen anständigen Beruf suchen sollen.
So einen Unsinn habe ich selten gelesen:

"Eine 90-Jährige schmiss mir einen schweren Eichentisch entgegen."
steinhaus (26.02.2010, 17:47 Uhr)
@endbenutzer
Die Flapsigkeit hat ihre guten Seiten, so kann man den "Mist" ertragen. Die Symptome bei einer posttraumatischen Belastung sind immer gleich. Meine Tochter ist auch traumatisiert. Sie ist nur normal morgens in die Schule gegangen - und wir durften unsere Tochter dann am späten Vormittag mit Trauma wieder abholen. Seitdem sind wir am "kämpfen". Heute habe ich eine Stellungnahme einer Klinik gelesen. Da stand auf dem Papier "wir empfehlen intensive Elternarbeit". Zu meiner Frau habe ich nur gesagt: "damit ist wohl gemeint, dass wir intensiv an unserer Tochter arbeiten...." Gegenwärtig sind wir noch die "einzigen" Therapeuten, die ihr helfen... (Es hat uns über Monate niemand geglaubt, dass unsere Tochter ein Trauma hat.)
Ihr Beitrag ist gut gemeint. Aus unserer Sicht kam man den "Wahnsinn" nur mit Humor ertragen..., falls man den Wahnsinn überhaupt ertragen kann. Ich sage es ganz ehrlich, ich bin jetzt reichlich fertig. Wir halten das nun schon etliche Monate aus. Und ohne den Glauben an unseren Herrn Jesus wäre wir wohl schon alle verrückt geworden. Ein Phänomen beim Trauma besteht darin, dass man keine menschliche Nähe mehr erträgt. Unsere Tochter ist viel gereizter und aggressiver als sie je war. Sie hat einen Amoklauf in der Schule mitbekommen.
endbenutzer (26.02.2010, 16:30 Uhr)
Langsam wird es...
...peinlich mit dem Titel "Icke muss vor Jericht." Das sind doch alles keine Fälle aus dem "königlich bayerischen Amtsgericht". Ein wenig mehr Ernsthaftigkeit würde stern.de guttun. Ihr seid doch sonst immer so dünnhäutig, wenn jemand einen etwas flapsigen Kommentar zu einem Artikel abgibt. Weshalb gelten für Euch andere Maßstäbe?
"Icke muss vor Jericht"

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