stern.de für unterwegs
. .
Panorama-Nachrichten
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

 
1. Juli 2009, 19:12 Uhr

Der Holzkreuz-Hasser

In Berlin gibt ein Mann Rätsel auf. Er zieht gegen Mahnmale zu Felde, die an tödlich Verunglückte erinnern. Am helllichten Tage entfernt er das, was die Hinterbliebenen liebevoll arrangiert haben - gnadenlos und ohne Rücksicht auf deren Trauer. Was aber treibt ihn dazu? Von Uta Eisenhardt

Zoom
Gericht, Gerichtsreportage, Gerichtsreportagen, Gerichts-Report, Gerichtsreport

Für die Trauernden ist es ein Ort des Erinnerns, für Peter Kummer nur Müll© Jens Schlueter/DDP

Im Februar 2008 stirbt im Nordwesten Berlins ein 18-Jähriger in seinem Auto. Den Baum, an dem sein Leben endete, schmücken seine Eltern und Freunde mit Fotos, Plüschtieren und einem schmiedeeisernen Kreuz. "Da ist er gestorben, da ist seine Seele", sagt seine Mutter Christiane Ferrara*. Kein halbes Jahr später verunglückt im Süden der Stadt ein 24-jähriger Motorradfahrer. Auf dem Mittelstreifen der Argentinischen Allee pflanzen seine Freundin und deren Schwester Camilla Kirsch* Stiefmütterchen und rammen ein Holzkreuz mit den Lebensdaten des Getöteten in den Boden. Beide Mahnmale werden zum Entsetzen der Hinterbliebenen regelmäßig entfernt. Aber warum?

Kreuzraub am hellichten Tag

Christiane Ferrara, die Mutter des getöteten 18-Jährigen, fragt sich durch alle Behörden. Niemand hat etwas gegen ihr Mahnmal. Gleiches erfährt auch Camilla Kirsch. Das Bezirksamt versichert ihr sogar schriftlich, man werde das Mahnmal dulden, "solange es gepflegt wird". Wer aber stört sich daran? Drei Nächte verbringt die junge Frau in ihrem Auto und beobachtet den Mittelstreifen der Argentinischen Allee. Als sie zu einer Dienstreise fährt, lässt sie sich von einem Privatdetektiv vertreten. Der sieht, wie Peter Kummer* am helllichten Tag das Holzkreuz nebst Blumen in eine mitgebrachte Tüte stopft.

Drei Monate später erwischt ihn auch Christiane Ferrara und stellt ihn zur Rede. Der Mann mit der orangefarbenen Warnweste sagt, er sei vom Forstamt. Das glaubt die Trauernde nicht, sie weiß um die stillschweigende Duldung dieser Behörde. Ein herbeigerufener Polizist fragt, wieso Kummer das Mahnmal entfernt habe. Dieser entgegnet selbstbewusst, es handele sich nach dem Abfallgesetz um Müll. Bereitwillig übergibt er den Angehörigen die Tüte mit den entfernten Erinnerungsstücken. Der Polizist begnügt sich mit einem Platzverweis, Camilla Kirsch und Christiane Ferrara zeigen ihn an.

"Für mich ist das Müll"

Monate später betritt Peter Kummer den Verhandlungssaal des Amtsgerichts in Begleitung einiger Wachtmeister. Der vielfach Vorbestrafte kommt direkt aus dem Gefängnis, wo er erstmals eine Haftstrafe verbüßt: Acht Monate wegen Nötigung. Schon während der Richter zu Prozessbeginn die beiden Zeuginnen auf ihre Wahrheitspflicht hinweist, kullern bei Camilla Kirsch die Tränen - ausgelöst vom Anblick des Mannes, der ihr schlaflose Nächte bereitete: Ein schlanker Brillenträger mit schmalem Mund und dünnem, wirren Blondhaar. Zweifache Sachbeschädigung wird dem 43-Jährigen vorgeworfen. Dabei ist der materielle Schaden von 230 Euro das Letzte, was die Betroffenen beschäftigt. Nur dafür kann der Angeklagte bestraft werden.

Der bestreitet, überhaupt einen Schaden angerichtet zu haben: "Für mich ist das Müll." Den habe er ehrenamtlich entfernt. "Ich war der Meinung, etwas Sinnvolles zu tun", sagt der Arbeitslose. "Ich habe den, wie es juristisch heißt, status quo ante, den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt. Da lagen zentnerweise Blumen, die haben sich da richtig ausgebreitet." Immer wieder habe er zur Tat schreiten müssen, ständig wurden die Mahnmäler neu errichtet: "Die waren ein bisschen hartnäckig", sagt Kummer. "Die waren so hartnäckig, dass die sogar einen Privatdetektiv engagiert haben."

Zurück zu gesitteten mitteleuropäischen Verhältnissen

"Mir geht es um Recht und Gesetz", sagt der Angeklagte und spricht von verkehrter Welt: "Sie klagen mich an und die Aufsteller nicht. Wer hat denn in den öffentlichen Raum eingegriffen? Das ist ein Eingriff in die Rechte von den Leuten, die da vorbei fahren. Die müssen sich damit konfrontieren lassen, obwohl es nur eine private Sache ist!" Man könne nicht irgendwo private Denkmäler aufstellen. Er habe die Trauernden wegen Nötigung angezeigt und sich bei der Polizei sowie beim Bezirksamt beschwert. Niemand habe sich für sein Anliegen interessiert.

Haben Sie die Daten auf dem Kreuz in der Argentinischen Allee gelesen, fragt die Staatsanwältin. "22. Juni 2008 stand dort. Es hat Ihnen nichts ausgemacht, das Kreuz einen Monat später zu entfernen?" Nein, hat es nicht. "Jeden Tag sterben Menschen im Straßenverkehr", sagt Kummer. So ein Mahnmal sei für ein paar Tage in Ordnung. "Aber dann muss man zu gesitteten mitteleuropäischen Verhältnissen zurückkehren."

Querulatorisch-fanatisch-paranoid veranlagt

Schließlich gäbe es das Kruzifix-Urteil, welches das Aufstellen von Kreuzen im öffentlichen Raum verbietet. Das Bezirksamt hätte Frau Kirsch gar keine Erlaubnis erteilen dürfen! Und gaben die Hinterbliebenen nicht ihr Recht am Eigentum auf, indem sie ihre Sachen in den öffentlichen Raum stellten, argumentiert der Angeklagte, während er im Strafgesetzbuch blättert. Das wäre ja genauso, als würde er eine Wodka-Flasche auf die Straße stellen, sich hinter einen Busch legen und hinterher darüber beschweren, wenn jemand die Flasche an sich nimmt.

Uta Eisenhardt

Uta Eisenhardt Uta Eisenhardt ist Berlinerin in dritter Generation. Seit fünf Jahren ist sie Gerichtsreporterin. In der stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet sie aus dem Berliner Amtsgericht, einem der größten Deutschlands. Jede Woche schreibt Eisenhardt über einen Prozess mit dem gewissen Etwas: manchmal traurig, manchmal kurios - immer spannend.

  zurück
1 2
KOMMENTARE (10 von 52)
 
Kleiner-Meister (02.07.2009, 15:01 Uhr)
Dagegen
Das der Typ ne Klatsche hat steht ausser Frage. Aber so einen Trottel hat jedes Dorf. Trotzdem bin ich der Meinung die Kreuze haben an den Straßenrändern nichst zu suchen. Ein Großteil der Verunglückten sterben irgendwo zwischen Baum und Krankenhaus. Ich halte diese Kreuze einfach für einen Trend der Überhand nimmt. Die Hinterbliebenen wollen dem Rest der Welt und damit allen völlig Unbeteiligten mitteilen das sie ganz besonders trauern. Als Gegenbeispiel denke ich an die diversen "Lukas im Opel" oder "Lena-Sophie im Auto" Aufkleber an diversen Heckscheiben. Wen ausser den verständlicher Weise stolzen Eltern interessiert das?
Übrigens vor Jahren starb meine Großmutter nach einem Schlaganfall den sie beim Einkaufen im Supermarkt erlitt. Ich hätte gern ein Kreuz in der Obst-und Gemüseabteilung aufgestellt. Ging nicht, jetzt fahr ich ab und zu auf den städtischen Friedhof. So ist es immer gewesen und so soll es bleiben.
giantroXx (02.07.2009, 14:28 Uhr)
@gormiti
Ein Bäumchen Pflanzen ist eine gute Idee, ein paar Jahre später klebt bestimmt ein Motorradfahrer dran ;)
gman537 (02.07.2009, 13:08 Uhr)
Vollschatten
Ist momentan Welt-Vollschatten-Woche oder was ?
Nicht nur dass ein entlassener Häftling
keine anderen Sorgen hat als an 2 Holzkreuzen seine vermeintliche Bürgerpflicht auszuüben; nein hier wird das auch noch munter, teils wohlwollend diskutiert:
- Ist ein Mahnmal am Strassenrand Müll ?
- Deprimiert es die Vorbeifahrenden ?
- Darf es überhaupt ein Kreuz sein oder besser nur Blumen ?
- Wenn es dort stehen darf, dann wie lange ?
- Wenn es entfernt wird, wer darf,soll das dann und wer bezahlt die Kosten ?
Das klingt doch alles schon im Ansatz bescheuert.
Wohl dem, der solche Sorgen hat.
Heavenscream (02.07.2009, 12:59 Uhr)
Aufschlußreiche Kommentare.
Daß hier ein fachärztlich beglaubigterweise emotionell Schwerbeschädigter derartige Unterstützung findet, sagt über diese Gesellschaft alles, was man wissen muß.
mebxl (02.07.2009, 12:51 Uhr)
Alles roger oder was ??
Sagt' mal, was ist denn hier los ???
Ich lebe ja nun seit einigen Jahren nicht mehr in Deutschland, aber wenn ich so etwas lese, bin ich darueber auch echt froh.
Warum es ausgerechnet Kreuze sein muessen (ich denke mal, diese Familien habe eine Kirche seit langem nicht mehr von innen gesehen) kann man diskutieren.
Ein Strauss Blumen reicht. Der ist neutral, kein Mensch stoert sich daran und fuer die Hinterbliebenen ist es Teil der Aufarbeitung.
Das aber so ein Fall vor Gericht kommt, ist schlicht und einfach fuer'n 'A....' .
gormiti (02.07.2009, 12:15 Uhr)
Ich bin kein Christ
und auch sonst habe ich kein Religion. Aber so zu trauern sollte doch möglich sein? Ich würde da vielelicht wennes ging irgendwie ein Bäumchen pflanzen..ich will gar nicht dran denken. Ich meine die Leute die da trauern sind doch auch Bewohner desLandes, das gehört ihnen ja auch irgendwie. Denn jede Bewohner eines Landes, Gebietes machen das Gebiet ja aus. Das sollte man dürfen! Darf man ja auch
So ein Typ wie der ..kann man den nicht einfach in die Klapse stecken. Da kan ner dann Mülls sammeln und falsch parkende Ärzte aufschreiben. Man könnte ihm zur Warnweste noch einen Sheriffstern anheften?
Leider gibt es so Typen überall. Krank..total krank.
rofl70 (02.07.2009, 12:12 Uhr)
Stilblüten
Lasst die Mahnmale stehen, sie müssen ja nicht nur deprimierend sein!
Jedesmal muss ich schmunzeln über eine grimmig - stolze Plakette an der Ausfallstraße, welche verkündet, dass hier ein Hell's Angel verunglückt sei. Diese Inschrift prangt nämlich auf einem kunstvoll geschmiedeten, äußerst christlichen KREUZ! Nicht sehr konsequent von den toughen Jungs, oder?
Rubicon (02.07.2009, 12:01 Uhr)
Herrlich! :)
Im Prinzip habe ich alles bestätigt bekommen, was ich geschrieben hab. Mitleid wird erst gezeigt, wenn es schon längst zu spät ist. Dadurch kann man ja prima die Illusion schaffen, ein guter Mensch zu sein.
-
Zu Lebzeiten sind Menschen allerdings nur Ballast. Komplexe sind etwas verabscheuungswürdiges. Probleme der Menschen ebenso. Hauptsache man lässt die Leute damit in Ruhe.
-
Dass es auch andere Gründe geben kann, nachts um vier noch zu wachen, ist total albern. Muss ein arbeitsloser Sozialschmarotzer sein, den man eigentlich aus der Gesellschaft entfernen sollte. Jaja.. Aber diejenigen, die hier so vehement die angreifen, die sich noch trauen, ihre Meinung zu sagen, wissen es ja: Es liegt an der unserer Erbschuld. Wir >müssen< so tun, als wären wir bessere Menschen geworden! Und Ihr seid es! =) Ich wäre gern so wie Ihr. Das ist in der Tat weniger anstrengend. Und ich geh jetzt meine imaginäre Sozialkohle versaufen! Herrlich!
Crossbow (02.07.2009, 11:51 Uhr)
Das stille Gedenken sollte...
...an dem Ort stattfinden wo der Verstorbene begraben liegt. Ich verstehe die Motivation, halte aber auch nichts von diesen Mahnmalen am Straßenrand. Das Recht zum Entfernen sollten aber nur die zuständigen Behörden haben, nicht solche durchgeknallten Querulanten.
ambio (02.07.2009, 11:31 Uhr)
Man...
was haben wird Deutschen doch für einen exorbitanten Dachschaden !!!!
"Icke muss vor Jericht"

Ob Kneipenschlägerei oder Ehekrach: Die Prozesse am Amtsgericht Berlin spiegeln das pure Leben wider. In "Icke muss vor Jericht" berichtet Uta Eisenhardt über Prozesse mit dem gewissen Etwas.

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
"Icke muss vor Jericht" Die Party-Schnorrer

Wenn in Berlin die Prominenten feiern, geht es exklusiv zu. Wer nicht berühmt ist, schafft es nur mit Tricks auf Bälle und Empfänge. Ein älteres Ehepaar trieb es besonders bunt: Journalisten berichteten, wie sie sich im Windschatten eines bekannten Politikers auf eine Party schlichen. Und das offenbar nicht zum ersten Mal. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Meine Oma fährt betrunken Motorrad

Die Beamten glaubten an eine bösartige Falle der "Versteckten Kamera": An einem warmen Tag im Juli kam eine sturzbetrunkene Frau direkt auf die Wache - auf ihrem Mofa. Nun wurde der Fall vor einem Berliner Gericht verhandelt - und die 63-Jährige brachte eine kuriose Erklärung. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Leben auf Kosten einer Leiche

Eine alte Dame liegt jahrelang tot in ihrer Wohnung, ihr Nachbar will davon nichts mitbekommen haben. Als er aber Zugang zu den Bankdaten der Frau erhält, scheut er sich nicht, ihr Konto zu plündern. Die Idee dazu sei jedoch nicht von ihm gekommen, rechtfertigt sich der Arbeitslose vor Gericht. mehr...