In Berlin gibt ein Mann Rätsel auf. Er zieht gegen Mahnmale zu Felde, die an tödlich Verunglückte erinnern. Am helllichten Tage entfernt er das, was die Hinterbliebenen liebevoll arrangiert haben - gnadenlos und ohne Rücksicht auf deren Trauer. Was aber treibt ihn dazu? Von Uta Eisenhardt

Für die Trauernden ist es ein Ort des Erinnerns, für Peter Kummer nur Müll© Jens Schlueter/DDP
Im Februar 2008 stirbt im Nordwesten Berlins ein 18-Jähriger in seinem Auto. Den Baum, an dem sein Leben endete, schmücken seine Eltern und Freunde mit Fotos, Plüschtieren und einem schmiedeeisernen Kreuz. "Da ist er gestorben, da ist seine Seele", sagt seine Mutter Christiane Ferrara*. Kein halbes Jahr später verunglückt im Süden der Stadt ein 24-jähriger Motorradfahrer. Auf dem Mittelstreifen der Argentinischen Allee pflanzen seine Freundin und deren Schwester Camilla Kirsch* Stiefmütterchen und rammen ein Holzkreuz mit den Lebensdaten des Getöteten in den Boden. Beide Mahnmale werden zum Entsetzen der Hinterbliebenen regelmäßig entfernt. Aber warum?
Christiane Ferrara, die Mutter des getöteten 18-Jährigen, fragt sich durch alle Behörden. Niemand hat etwas gegen ihr Mahnmal. Gleiches erfährt auch Camilla Kirsch. Das Bezirksamt versichert ihr sogar schriftlich, man werde das Mahnmal dulden, "solange es gepflegt wird". Wer aber stört sich daran? Drei Nächte verbringt die junge Frau in ihrem Auto und beobachtet den Mittelstreifen der Argentinischen Allee. Als sie zu einer Dienstreise fährt, lässt sie sich von einem Privatdetektiv vertreten. Der sieht, wie Peter Kummer* am helllichten Tag das Holzkreuz nebst Blumen in eine mitgebrachte Tüte stopft.
Drei Monate später erwischt ihn auch Christiane Ferrara und stellt ihn zur Rede. Der Mann mit der orangefarbenen Warnweste sagt, er sei vom Forstamt. Das glaubt die Trauernde nicht, sie weiß um die stillschweigende Duldung dieser Behörde. Ein herbeigerufener Polizist fragt, wieso Kummer das Mahnmal entfernt habe. Dieser entgegnet selbstbewusst, es handele sich nach dem Abfallgesetz um Müll. Bereitwillig übergibt er den Angehörigen die Tüte mit den entfernten Erinnerungsstücken. Der Polizist begnügt sich mit einem Platzverweis, Camilla Kirsch und Christiane Ferrara zeigen ihn an.
Monate später betritt Peter Kummer den Verhandlungssaal des Amtsgerichts in Begleitung einiger Wachtmeister. Der vielfach Vorbestrafte kommt direkt aus dem Gefängnis, wo er erstmals eine Haftstrafe verbüßt: Acht Monate wegen Nötigung. Schon während der Richter zu Prozessbeginn die beiden Zeuginnen auf ihre Wahrheitspflicht hinweist, kullern bei Camilla Kirsch die Tränen - ausgelöst vom Anblick des Mannes, der ihr schlaflose Nächte bereitete: Ein schlanker Brillenträger mit schmalem Mund und dünnem, wirren Blondhaar. Zweifache Sachbeschädigung wird dem 43-Jährigen vorgeworfen. Dabei ist der materielle Schaden von 230 Euro das Letzte, was die Betroffenen beschäftigt. Nur dafür kann der Angeklagte bestraft werden.
Der bestreitet, überhaupt einen Schaden angerichtet zu haben: "Für mich ist das Müll." Den habe er ehrenamtlich entfernt. "Ich war der Meinung, etwas Sinnvolles zu tun", sagt der Arbeitslose. "Ich habe den, wie es juristisch heißt, status quo ante, den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt. Da lagen zentnerweise Blumen, die haben sich da richtig ausgebreitet." Immer wieder habe er zur Tat schreiten müssen, ständig wurden die Mahnmäler neu errichtet: "Die waren ein bisschen hartnäckig", sagt Kummer. "Die waren so hartnäckig, dass die sogar einen Privatdetektiv engagiert haben."
"Mir geht es um Recht und Gesetz", sagt der Angeklagte und spricht von verkehrter Welt: "Sie klagen mich an und die Aufsteller nicht. Wer hat denn in den öffentlichen Raum eingegriffen? Das ist ein Eingriff in die Rechte von den Leuten, die da vorbei fahren. Die müssen sich damit konfrontieren lassen, obwohl es nur eine private Sache ist!" Man könne nicht irgendwo private Denkmäler aufstellen. Er habe die Trauernden wegen Nötigung angezeigt und sich bei der Polizei sowie beim Bezirksamt beschwert. Niemand habe sich für sein Anliegen interessiert.
Haben Sie die Daten auf dem Kreuz in der Argentinischen Allee gelesen, fragt die Staatsanwältin. "22. Juni 2008 stand dort. Es hat Ihnen nichts ausgemacht, das Kreuz einen Monat später zu entfernen?" Nein, hat es nicht. "Jeden Tag sterben Menschen im Straßenverkehr", sagt Kummer. So ein Mahnmal sei für ein paar Tage in Ordnung. "Aber dann muss man zu gesitteten mitteleuropäischen Verhältnissen zurückkehren."
Schließlich gäbe es das Kruzifix-Urteil, welches das Aufstellen von Kreuzen im öffentlichen Raum verbietet. Das Bezirksamt hätte Frau Kirsch gar keine Erlaubnis erteilen dürfen! Und gaben die Hinterbliebenen nicht ihr Recht am Eigentum auf, indem sie ihre Sachen in den öffentlichen Raum stellten, argumentiert der Angeklagte, während er im Strafgesetzbuch blättert. Das wäre ja genauso, als würde er eine Wodka-Flasche auf die Straße stellen, sich hinter einen Busch legen und hinterher darüber beschweren, wenn jemand die Flasche an sich nimmt.
Uta Eisenhardt Uta Eisenhardt ist Berlinerin in dritter Generation. Seit fünf Jahren ist sie Gerichtsreporterin. In der stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet sie aus dem Berliner Amtsgericht, einem der größten Deutschlands. Jede Woche schreibt Eisenhardt über einen Prozess mit dem gewissen Etwas: manchmal traurig, manchmal kurios - immer spannend.