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14. Oktober 2008, 10:06 Uhr

Der Schniedelwutz

Ein Badegast fühlte sich beim Duschen von einer aufräumenden Schwimmbad-Angestellten gestört. Als er sie deswegen laut und in Gegenwart vieler kichernder Frauen zur Rede stellte, meinte er, einen Satz aus ihrem Mund zu hören, der sich unschmeichelhaft auf die Größe seines Genitals bezog. Der Fall ging vor Gericht. Von Uta Eisenhardt

 

Vorsicht in Schwimmhallen: Mit einem falschen Blick und einer losen Bemerkung kann man leicht vor dem Gericht landen© Picture Alliance

Mädchenhaft wirkt die 62-jährige Angeklagte, wenn sie beflissen ihrem Verteidiger auf dem Gerichtsflur hinterher eilt. Seit der Wende ist die Chefarzt-Gattin als "Badewart" in einer Schwimmhalle am nördlichen Berliner Stadtrand beschäftigt. Nein, sie habe niemanden beleidigt, beteuert Vera Josten* dem Richter. Und sie gucke den nackten Badegästen stets ins Gesicht. "Ich schaue nirgendwo anders hin". Seit 18 Jahren arbeite sie in allen Bereichen der Schwimmhalle, bei den Frauen, bei den Männern, in der Sauna. Noch nie habe sich jemand beschwert - bis es vor einem halben Jahr zu jener Auseinandersetzung mit Jens Panowski* kam.

Auf dicken Plateau-Sohlen betritt der Zeuge der Anklage den Verhandlungssaal. Ein Mann so hoch wie breit. Er sei ein regelmäßiger Besucher jener Schwimmhalle gewesen, erzählt der arbeitslose Bauer aus Brandenburg. An jenem Nachmittag befand er sich demnach ganz allein in der Männerumkleide. Er stand gerade unter der Dusche, da lief Vera Josten an ihm vorbei. Das war ihm unangenehm. Als sie noch ein zweites Mal in die Umkleide kam, stellte er sie zur Rede. Was sie hier zu suchen hätte, wollte er wissen. "Ich mache sauber", antwortete sie. Das glaubte er ihr nicht, sie hätte doch gar keine Putzmittel dabei. Sie würde den Müll einsammeln und vergessene Dinge aus den Schränken räumen, rechtfertigte sich die Angestellte.

Ein köstliches Spektakel

Doch so schnell war der Badegast nicht zu besänftigen. Er zog sich an und schritt Richtung Ausgang, wo er sich eine Entschuldigung von Josten abholen wollte. Die saß nun an der Kasse und kümmerte sich um die Frauengruppe, deren Aqua-Fitness-Kurs gleich beginnen sollte. Schon von weitem brüllte er die zwanzig Jahre ältere Frau an: "Es ist eine Frechheit, dass sie dort durchlaufen!" Ob das nicht die männlichen Angestellten machen könnten, die er in der Schwimmhalle gesehen hätte. Nein, das seien die Bademeister und die hätten andere Aufgaben, rechtfertigte sich die Servicekraft. Den Tränen nahe versicherte sie ihm: "Ich mache doch nur meine Arbeit!" Aber mit Worten war Panowski nicht mehr zu überzeugen. Was sie sich einbilden würde, das sei Nötigung, und er wolle die Polizei holen.

Die lautstarke Auseinandersetzung blieb den Frauen des Aqua-Fitness-Kurses nicht verborgen: "Wir haben uns köstlich über das laute Spektakel amüsiert, weil wir den Grund seiner Aufregung gar nicht verstanden haben", sagt eine der Frauen, eine 57-jährige Sachbearbeiterin, dem Richter. "Wissen Sie", erklärt die Zeugin, "der Kurs dient uns dazu, die Seele baumeln zu lassen. Wir gackern schon im Wasser ziemlich viel. Da bedarf es keines großen Anlasses zum Kichern." Das Gelächter der vielen Frauen muss den kleinen, untersetzten Mann völlig verunsichert haben. Plötzlich meinte er, einen Satz aus Jostens Mund zu vernehmen: "Bei Ihnen gibt es gar nichts abzugucken, doch nicht etwa diesen kleinen Schniedelwutz!"

Uta Eisenhardt

Uta Eisenhardt Uta Eisenhardt ist Berlinerin in dritter Generation. Seit fünf Jahren ist sie Gerichtsreporterin. In der stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet sie aus dem Berliner Amtsgericht, einem der größten Deutschlands. Jede Woche schreibt Eisenhardt über einen Prozess mit dem gewissen Etwas: manchmal traurig, manchmal kurios - immer spannend.

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KOMMENTARE (10 von 13)
 
erichmonika (16.10.2008, 12:41 Uhr)
Man muss sich wundern
Wieso kommt so eine Mist vor ein Gericht, haben die nichts besseres zu tun? Richter, Staatsanwältin, Verteitiger von der armen Frau gar nicht zu sprechen, alle müssen Zeit opfern, um für so einen verklemmten Zeitgenossen für Genugtuung zu sorgen. Muss die Staatsanwaltschaft so einen Mist überhaupt aufgreifen?
Gisella (15.10.2008, 15:00 Uhr)
Als
täglicher Nutzer des Schwimmbads reicht es mir schon, wenn ich die knappen , deutschen Badehosen der Männer sehe- was da alles drin "versteckt"ist-ist erstaunlich.so, Männer, jetzt könnt Ihr mich zerreissen.
abendstrom (15.10.2008, 06:04 Uhr)
deutsche schwimmbaeder sind eben ein Hort der Lockerheit
Als Jugendlicher in meiner sueddeutschen Heimatstadt - die Putzfrauen sind andauernd durch die Kabinen durchgehuscht, ohne irgendwelche Putzmittel. Fuer uns maennliche Badbesucher war es klar wie Bohne, dass die sich einfach gratis ein paar nackte Maenner angeschaut haben.
In meinem derzeitigen Fitnesscenter in Japan werden immer nur "gleichgeschlechtliche" durch die jeweiligen Kabinen und Duschen geschickt, das ist doch selbstverstaendlich.
Naja, eigentlich sprichts ja fuer die Lockerheit der Deutschen...
hei_zen (15.10.2008, 03:55 Uhr)
Was für Minderwertigkeitskomplexe muss man haben?
Echt unfassbar, wegen was in Deutschland Gerichte bemüht werden. Außerdem sollte man den Angeklagten die Gerichtskosten tragen lassen, alleine schon seine Aussage er wolle die Angeklagte "nicht wirklich" bestraft sehen, rechtfertigt dies.
@auenschwob
Wie alt? 12? Oder einfach nur keine Ahnung von Frauen? ;)
Leseratte79 (14.10.2008, 22:42 Uhr)
Komische Gedanken
haben hier einige Kommentatoren. Wenn die Servicekraft ein Mann wäre...ist doch klar deswegen sind da nur Frauen damit es einen umgekehrten Fall nicht geben kann. Eine Freundin arbeitet im Service im Fitnessstudio und muss auch mal in die Männerumkleide (Klopapier, Müll, usw) und da ist immer Theater weil keiner rein will. Entweder werden die Männer anzüglich oder man bekommt Dinge zu sehen die man nicht sehen will. Die Mädels schauen alle auf den Boden wenn sie durch gehen und klopfen vorher an...wirklich Männer glauben oft das man denkt wie sie. Aber in Wirklichkeit wollen nur die Männer mal in die Damenduschen umgekehrt will sich das oft keiner "antun"!
peterlaaser (14.10.2008, 21:42 Uhr)
Selbst wenn: Die Wahrheit wird man ja noch sagen dürfen.
Der gute Herr sollte bei so etwas in Zukunft etwas entspannter sein.
In Westeuropa ist das nicht angebracht.
jockel_us (14.10.2008, 20:43 Uhr)
Klarnamen, bitte!!!
Wenn sich's um Kinder oder Jugendliche handlet, nun gut. Aber wer solche Anzeigen stellt, muss mit der Öffentlichkeit leben können.
Oder, ohne rumzujammern, mit seinem ach-Gottchen-ist-der-niedlich winzigen - Ego.
JoeSkeleton (14.10.2008, 20:30 Uhr)
oh man,
als wenn die Richter hierzulande so eine Beschäftigungstherapie nötig hätten.Armes Deutschland
M1L0 (14.10.2008, 19:12 Uhr)
wegen
so nem bull-shit sind die gerichte überlastet - und werden mittel verbraten. wenn er sie nicht wirklich bestraft sehen will, was will er dann eigentlich ????
StefanT. (14.10.2008, 18:23 Uhr)
Natürlich finanziell
Kenne mich da nicht genau aus, aber wenn die frau arbeitet kann die doch die höhere Steuerklasse nehmen. Wir hatten damals inner Schule auch ne Sekretärin die nur 3 oder 4 Stunden gearbeitet hat, aber immer mitm schmucken SLK zur Arbeit kam :)
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