Ein Badegast fühlte sich beim Duschen von einer aufräumenden Schwimmbad-Angestellten gestört. Als er sie deswegen laut und in Gegenwart vieler kichernder Frauen zur Rede stellte, meinte er, einen Satz aus ihrem Mund zu hören, der sich unschmeichelhaft auf die Größe seines Genitals bezog. Der Fall ging vor Gericht. Von Uta Eisenhardt

Vorsicht in Schwimmhallen: Mit einem falschen Blick und einer losen Bemerkung kann man leicht vor dem Gericht landen© Picture Alliance
Mädchenhaft wirkt die 62-jährige Angeklagte, wenn sie beflissen ihrem Verteidiger auf dem Gerichtsflur hinterher eilt. Seit der Wende ist die Chefarzt-Gattin als "Badewart" in einer Schwimmhalle am nördlichen Berliner Stadtrand beschäftigt. Nein, sie habe niemanden beleidigt, beteuert Vera Josten* dem Richter. Und sie gucke den nackten Badegästen stets ins Gesicht. "Ich schaue nirgendwo anders hin". Seit 18 Jahren arbeite sie in allen Bereichen der Schwimmhalle, bei den Frauen, bei den Männern, in der Sauna. Noch nie habe sich jemand beschwert - bis es vor einem halben Jahr zu jener Auseinandersetzung mit Jens Panowski* kam.
Auf dicken Plateau-Sohlen betritt der Zeuge der Anklage den Verhandlungssaal. Ein Mann so hoch wie breit. Er sei ein regelmäßiger Besucher jener Schwimmhalle gewesen, erzählt der arbeitslose Bauer aus Brandenburg. An jenem Nachmittag befand er sich demnach ganz allein in der Männerumkleide. Er stand gerade unter der Dusche, da lief Vera Josten an ihm vorbei. Das war ihm unangenehm. Als sie noch ein zweites Mal in die Umkleide kam, stellte er sie zur Rede. Was sie hier zu suchen hätte, wollte er wissen. "Ich mache sauber", antwortete sie. Das glaubte er ihr nicht, sie hätte doch gar keine Putzmittel dabei. Sie würde den Müll einsammeln und vergessene Dinge aus den Schränken räumen, rechtfertigte sich die Angestellte.
Doch so schnell war der Badegast nicht zu besänftigen. Er zog sich an und schritt Richtung Ausgang, wo er sich eine Entschuldigung von Josten abholen wollte. Die saß nun an der Kasse und kümmerte sich um die Frauengruppe, deren Aqua-Fitness-Kurs gleich beginnen sollte. Schon von weitem brüllte er die zwanzig Jahre ältere Frau an: "Es ist eine Frechheit, dass sie dort durchlaufen!" Ob das nicht die männlichen Angestellten machen könnten, die er in der Schwimmhalle gesehen hätte. Nein, das seien die Bademeister und die hätten andere Aufgaben, rechtfertigte sich die Servicekraft. Den Tränen nahe versicherte sie ihm: "Ich mache doch nur meine Arbeit!" Aber mit Worten war Panowski nicht mehr zu überzeugen. Was sie sich einbilden würde, das sei Nötigung, und er wolle die Polizei holen.
Die lautstarke Auseinandersetzung blieb den Frauen des Aqua-Fitness-Kurses nicht verborgen: "Wir haben uns köstlich über das laute Spektakel amüsiert, weil wir den Grund seiner Aufregung gar nicht verstanden haben", sagt eine der Frauen, eine 57-jährige Sachbearbeiterin, dem Richter. "Wissen Sie", erklärt die Zeugin, "der Kurs dient uns dazu, die Seele baumeln zu lassen. Wir gackern schon im Wasser ziemlich viel. Da bedarf es keines großen Anlasses zum Kichern." Das Gelächter der vielen Frauen muss den kleinen, untersetzten Mann völlig verunsichert haben. Plötzlich meinte er, einen Satz aus Jostens Mund zu vernehmen: "Bei Ihnen gibt es gar nichts abzugucken, doch nicht etwa diesen kleinen Schniedelwutz!"
Uta Eisenhardt Uta Eisenhardt ist Berlinerin in dritter Generation. Seit fünf Jahren ist sie Gerichtsreporterin. In der stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet sie aus dem Berliner Amtsgericht, einem der größten Deutschlands. Jede Woche schreibt Eisenhardt über einen Prozess mit dem gewissen Etwas: manchmal traurig, manchmal kurios - immer spannend.