. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
26. August 2008, 09:43 Uhr

"Es juckt so fürcherlich, Herr Richter"

Die Nachbarinnen sagen, der Mann habe die Hand in der Hose gehabt und sie belästigt. Der Angeklagte sagt, stimmt nicht, er sei krank. Was folgte, war eine detailreiche Schilderung eines Genitalleidens, die stern.de-Gerichtskolumnistin Uta Eisenhardt nun mit anhören musste.

 

Auch wenn es juckt: Im Schritt kratzen sollte sich nur, wer wirklich unbeobachtet ist© Colourbox

Nachts soll der dreifache Familienvater im beleuchteten Zimmer seiner Erdgeschosswohnung gestanden haben, vor dem Fernseher, in dem gerade gestöhnt wurde. Nackt sei er dabei gewesen und habe seinen Penis in der Hand gehalten, die sich hin und her bewegt haben soll. Bei seiner Beschäftigung habe der Angeklagte den mit ihren Hunden vorbeispazierenden Nachbarinnen provozierende Blicke zugeworfen. "Manchmal hat er getanzt", sagt Nachbarin Silvia. Sie will nur kurz ins Fenster von Hakan Sönmez* geschaut haben und sei sofort weitergegangen, als sie sein Treiben mitbekam.

Auch Nachbarin Kerstin beobachtete den 35-Jährigen beim Spielen an seinem Geschlechtsteil. "Die Gardinen waren beiseite gezogen, im Zimmer war volle Beleuchtung - er wollte gesehen werden", sagt die U-Bahn-Fahrerin vor Gericht. Ob der Penis steif gewesen sei, will der Richter von der Zeugin wissen. "Das möchte ich nicht beurteilen", sagt die blondierte Mittvierzigerin. "Ich hatte das Gefühl, er zieht den lang." Zunächst habe sie sich mit einer befreundeten Hundebesitzerin darüber amüsiert. Doch als ihr zeigefreudiger Nachbar eines Tages mit dem Fahrrad hinter ihr her fuhr, bekam sie Angst. "Da hat er bei mir eine Grenze überschritten. Ich musste etwas unternehmen", erklärt die füllige Blondine dem Richter. Sie zeigte Sönmez bei der Polizei an. Daraufhin verklebte der seine Fenster mit Folie. "Seitdem war auch wirklich Ruhe", sagt seine Nachbarin.

"Es juckt fürchterlich"

"Ich war mir nicht bewusst, dass ich beobachtet werde", sagt Sönmez vor Gericht. Er hätte sich sonst abgewandt. "Diese exotische Handlung", sagt der kleine, dünne Mann mit dem langen, lockigen Zopf, habe er nicht begangen. Verschwörerisch beugt sich der Angeklagte zum Richtertisch: Er sage dies hier zum ersten Mal, aber er habe seit sechs Jahren ein Problem. "Nach einem Besuch im Freibad sind da unten komische Sachen gewachsen." Seitdem würde ihn seine Frau bitten, sich behandeln zu lassen. "Das muss operiert werden, damit die Dinger abgeschnitten werden." Doch er habe Angst, "dass das dann nicht mehr funktioniert". Darum sei er noch nicht beim Arzt gewesen. "Aber wenn Sie sagen, ich muss gehen, dann gehe ich!", versichert der schmächtige, türkischstämmige Deutsche dem Richter. Doch der skeptische Jurist kann die Scheu vorm Arztbesuch nicht verstehen, das Gericht jedenfalls könne diesen nicht anordnen.

Beschwörend redet der in Fahrt gekommene Mann auf den Richter ein. "Es juckt, es juckt fürchterlich", sagt Sönmez. Es würde sich nicht ständig bemerkbar machen, aber manchmal müsse er sich so sehr kratzen, dass es bluten würde. "Das bringt einen zum Weinen dieses Jucken." Um seinen Körper zu betäuben, würde er jeden Morgen eine Schmerztablette nehmen. Dadurch habe er bereits Magenschmerzen bekommen und zehn Kilo abgenommen. Abends sei der Drang zum Kratzen am stärksten. "Auf einmal kommt es, dann muss ich jucken. Und dann sieht es aus, als ob ich da was runterhole, als ob man exotische Sachen macht. Man sieht ja nicht, dass ich krank bin."

Ein überraschendes Attest

Der Richter glaubt ihm kein Wort. Warum habe er die Frauen angeschaut, als er sich kratzen musste? Er habe nicht gewusst, dass ihn jemand beobachten würde, sagt der Angeklagte. Wenn er sich heute kratzen müsste, würde er sich ins Bad zurückziehen. Und warum habe er Pornos geschaut, bohrt der Richter weiter. Er schaue abends lange Fernsehen und spät nachts würden in den Privatsendern eben solche "komischen Sachen" laufen, lautet die schlüssige Antwort. Und warum sei er nackt gewesen, interveniert der Richter ein drittes Mal. Er sei nicht nackt in der Wohnung umhergelaufen, sagt Sönmez. Er habe wenigstens Unterhose und Shorts getragen. Im Übrigen sei er noch nie einer Frau hinterhergegangen. "Noch nicht einmal meiner eigenen Frau. Die ist mir hinterhergegangen."

Hakan Sönmez hält die Vorwürfe für eine Verschwörung seiner Nachbarinnen. Es habe mit ihnen immer wieder Streit wegen der Hunde gegeben - die seien aggressiv gegenüber Kindern. Er räumt ein: "Meine Schuld ist, dass ich so eine Krankheit habe und rangegangen bin, ohne Licht auszumachen." Ob der Richter ihn nicht doch zum Arzt schicken könnte? "Ich will mich eigentlich behandeln lassen", sagt Sönmez. "Aber jemand muss mich zwingen." In diese Rolle möchte der Richter sich nicht drängen lassen: "Ihre Geschichte mit der Krankheit glaube ich Ihnen nicht", sagt er. Verzweifelt beteuert der Angeklagte: "Ich würde es Ihnen gern zeigen. Das ist so ein großes Ding!" Mit einem gequälten Lächeln lehnt der Richter die Offerte ab. Doch er will Sönmez nun doch zum Arzt schicken, damit der beim nächsten Verhandlungstermin ein Attest vorlegen kann.

Zehn Tage später erscheint der Angeklagte tatsächlich mit der ärztlichen Diagnose über ein ausgeprägtes Penis- und Hodengeschwür. Trotzdem möchte der Richter ihn nicht freisprechen. Wenigstens die provozierenden Blicke, die Sönmez den Frauen zugeworfen haben soll, müssen geahndet werden. Der Richter schlägt vor, das Verfahren einzustellen, wenn der arbeitslose Familienvater binnen eines halben Jahres 150 Euro an "Ärzte ohne Grenzen" zahlt. Sönmez willigt sofort ein, schimpft noch ein bisschen über seine Nachbarinnen und verlässt zufrieden den Saal.

*Name von der Redaktion geändert

Uta Eisenhardt

Uta Eisenhardt Uta Eisenhardt ist Berlinerin in dritter Generation. Seit fünf Jahren ist sie Gerichtsreporterin. In der stern.de-Kolumne "Icke muss vor Jericht" berichtet sie aus dem Berliner Amtsgericht, einem der größten Deutschlands. Jede Woche schreibt Eisenhardt über einen Prozess mit dem gewissen Etwas: manchmal traurig, manchmal kurios - immer spannend.

 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
kette1 (27.08.2008, 16:34 Uhr)
@rued
Du weisst doch, bei Freispruch müsste der staat für die Gerichtskosten aufkommen....
MarthaMuse (27.08.2008, 13:15 Uhr)
SPON?
Zitat: faustjucken_de (26.8.2008, 12:16 Uhr)
Warum steht das in SPON?
Verstehe ich nicht. Zitatende
Sie sind hier nicht bei SPON, sondern beim STERN. Lesen zu können ist oft von Vorteil
rued (27.08.2008, 09:46 Uhr)
Unglaublich
Naja, wir leben ja nicht mehr im Mittelater und ich komm einfach nicht umhin mal wieder ein bischen Klug zu scheissen.
Da das ganze ja in Berlin oder Umgebung stattgefunden hat, muss man bedenken das an Strassen mittlerweile Laternen stehen und auch wenns draussen dunkel und drinnen hell ist, kann man Leute auf der Strasse und den Fußwegen gut erkennen.
Also wenn ich nackt in meinem Wohnzimmer mit meinem Penis in der Hand vor dem Fernseher stehe und unvermittelt zwei Damen vor dem Fenster sehe, die mich beobachten, würde ich auch erstmal etwas sonderlich gucken denke ich.
In so einem Fall gleich Kinder ins Spiel zu bringen ist vielleicht nen bischen zu vorschnell, denn nicht jeder dem der Sack juckt ist gleich ein Triebtäter :D
Ich denke mit der öffentlichen Schilderung seines Problems sollte der Gute eigentlich genug gestraft sein.
Jetzt berichtigt mich bitte wenn ich falsch liege, aber der Mann hat doch alle fragen ehrlich beantwortet und gute Gründe geliefert. Ich zumindest konnte da keine absichtliche sexuelle Belästigung erkennen und auch keine Stichhaltigen Beweise. Ist man dann nicht eigentlich frei zu sprechen?
Josh67 (26.08.2008, 22:15 Uhr)
guinness.1
Danke für den Hinweis.
:) Jetzt verstehe ich ...
mona.lisa (26.08.2008, 21:04 Uhr)
@guinness.1 - leider vergebliche Mühe ....
... bei all den mitfühlenden Kommentaren, aber vielleicht klappts ja morgen mit dem Denken wieder, wenn sich alles wieder "abgeregt" hat???
Heute sind zuviele Gleichgesinnte unterwegs...
S.T.72 (26.08.2008, 20:58 Uhr)
@guinness.1
Es hat sich hier aber offensichtlich nicht um minderjährige gehandelt, die zum Fenster reingeglotzt haben. Aber, wenn die Argumente ausgehen, müssen ja immer minderjährige herhalten...damit kann man ja so ziemlich alles rechtfertigen, sogar eine Einschränkung der Privatsphäre in der eigenen Wohnung. Wohlgemerkt ging es hier lediglich um Nacktheit und den Juckreiz eines kranken Mannes.Es wurde im Prozess auch nicht von einem erigierten Glied gesprochen. Also bevor Sie andere beleidigen erstmal selber die Gehirnzellen anwerfen. Dann klapts auch mit dem Nachbarn...
guinness.1 (26.08.2008, 20:38 Uhr)
@Josh67 - Leider nichts verstanden...
... daher ein Hinweis:
das Organ zum Denken sitzt im Kopf,
die Anzahl der Gehirnzellen ist allerdings bei allen Menschen unterschiedlich.
Josh67 (26.08.2008, 20:26 Uhr)
guinness.1
Spießer!!!
:)=
Josh67 (26.08.2008, 20:22 Uhr)
unglaubwürdig
ist der ganze Bericht.
Wie schon gesagt wurde, wenn es draußen dunkel ist und Licht im Zimmer brennt, dann sieht man nicht nach draußen, kann also auch niemandem ins Gesicht schauen. Das müsste jeder Anwalt auseinander nehmen.
Außerdem, frage ich mich auch was die Leute ins Zimmer zu glotzen haben.
Wen es stört der schaut weg, aber die zeugen konnten genaue Angaben machen, warum haben Sie so lange hingeschaut?
guinness.1 (26.08.2008, 20:10 Uhr)
Schon erstaunlich, die vielen verständnisvollen....
...Kommentare.
.
Bis dann mal die minderjährige Tochter von einem dieser Verständnisvollen abends nochmal mit dem Hund an diesen wohl gut einsehbaren Erdgeschoss-Fenstern vorbeigeht und die Spielerei vor laufenden Pornofilmen sieht.
Und ihr dieser "Jucke-Hakan" dann auch noch hinterherläuft, wie das der Nachbarin passiert ist.
.
Ich kann nur hoffen, daß zumindest dann das Gehirn der Verständnisvollen wieder aktiviert wird, und sie begreifen, daß genau das in einer gut einsehbaren EG-Wohnung gar nicht geht.
.
Natürlich kann jeder in seiner Wohnung nackt herumhüpfen, soviel er will - vorausgesetzt, er belästigt dabei niemanden.
Das heißt im Erdgeschoss:
Vorhänge oder Rolläden zu!
"Icke muss vor Jericht"

Ob Kneipenschlägerei oder Ehekrach: Die Prozesse am Amtsgericht Berlin spiegeln das pure Leben wider. In "Icke muss vor Jericht" berichtet Uta Eisenhardt über Prozesse mit dem gewissen Etwas.

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
"Icke muss vor Jericht" Verurteilung eines Ahnungslosen

Ein Professor für Kunstgeschichte und seine Frau nehmen einen Kredit auf. Sie geraten an einen Betrüger, kommen mit der Rückzahlung in Schwierigkeiten und werden des Kreditbetrugs bezichtigt. Vor Gericht erscheint die Frau allein. Warum, das erklärt Uta Eisenhardt in ihrer Gerichtskolumne. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Ebay, Frau W. und die illegalen Pelze

Eine Frau kauft und verkauft bei Ebay Kleidungsstücke aus dem Fell einer bedrohten Katzenart - eine Genehmigung für ihre Offerten hat sie nicht. Von den schönen Pelzen bleibt am Ende eine drastische Strafe wegen des Verstoßes gegen das Bundesnaturschutzgesetz, berichtet Uta Eisenhardt in ihrer Gerichtskolumne. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Misshandelt wegen falscher Schuhe

Eine Frau wird von einem Türsteher und dessen Chef aus dem Lokal geworfen und auf dem Bürgersteig liegengelassen. Der Grund: Ihre Freundin trug Turnschuhe. Nun stehen die Männer wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht. Uta Eisenhardt berichtet, was beim Prozess geschah. mehr...