Ein junger Mann begeht vier Brandanschläge in seinem Kiez. Seine Mutter assistiert ihm dabei. Er habe sich rächen wollen, sagt der Brandstifter. Er wollte Macht, sagt der Psychiater. Er wollte Angst vor Terror verbreiten, urteilen die Richter jetzt in Berlin. Von Uta Eisenhardt

Um sich an Gott und der Welt zu rächen, zündelt Simon Kunde© DPA-Bildfunk
Hoch und schrill klingt die Stimme des Jugendlichen: "Mein zweiter Brandanschlag!" "Dritter schon", korrigiert eine mürrische, weibliche Stimme. In dem verwackelten Bekenner-Video steht eine Pizzeria in Flammen. "Da sehen sie, wie machtlos sie sind!", sagt die hohe Stimme. Als die Fensterscheiben bersten, schnauft sie vor Erregung: "Das Finale, das Finale!"
Vier Brandanschläge verübte Simon Kunde* in seinem Kiez. Nervös zuckt die Augenpartie im hübschen Kindergesicht des 22-Jährigen. Vor Gericht gibt er sich ausnehmend höflich. Sein Gesicht verfinstert sich nur, wenn er zuweilen in Richtung seiner Mutter blickt, die ihm bei drei Taten assistierte. Die kleine 49-Jährige ist eine Jammergestalt auf dicken, krummen Beinen. "Ja" und "Nein" sind ihre Lieblingsantworten. Mit angezogener Jacke und einer Tasche, die sie nicht aus der Hand legt, scheint sie das Ende der Verhandlung zu ersehnen.
Den ersten Anschlag beging der Angeklagte allein: Am Fenster einer Grundschule befestigte er eine Literflasche Benzin und entzündete sie. Die Flammen brachten das Fenster zum Bersten, etwas Rauch quoll in den Raum, dann erlosch das Feuer. Es war ein jämmerlicher Auftakt, das finden auch die Richter und stellen diesen Anklagevorwurf ein.
Für die nächste Tat holte sich der Jugendliche Unterstützung. Freunde hatte er keine, nur seine Mutter kam infrage. Die hatte ihm zehn Mal zu helfen, weil sie ein Ratespiel nicht heraus bekam: Sie konnte einen Satz nicht lesen, den Simon buchstabenweise in ein Video montiert hatte. Darum musste Roswitha Kunde* Benzin schleppen, Schmiere stehen und Anschläge filmen.
"Bestenfalls hält eine Mutter ihren Sohn von so einem Plan ab, sie gibt ihm Stubenarrest, aber geht nicht noch mit", wundert sich der Richter. Da kennt er die Kundeschen Verhältnisse nicht. Schon lange habe sie nicht mehr mit ihrem Sohn zusammen wohnen wollen, sagt die Angeklagte. "Das Sozialamt hat mich dazu gezwungen", sagt sie - möglicherweise prallte dieser nachvollziehbare Wunsch einfach nur am zuständigen Sachbearbeiter ab.
So lebten die beiden wie Geschwister, die sich mit lauter Musik provozieren und um Geld, Besitz und gegenseitige Anrede streiten. Ob sie ihren Sohn geschlagen habe, erkundigt sich der Richter bei der Angeklagten. "Als Kind bekam er den Hintern voll oder eine Ohrfeige, wenn er nicht gehört hat", so die Antwort. "Und hat es was gebracht", wird Roswitha Kunde gefragt. "Na, sehen Sie ja..."
Simon habe sie und ihre Tiere bedroht, behauptet die Angeklagte. Darum habe sie ihm gehorcht, habe mit ihm im Park geübt, wie man ein Walkie Talkie bedient und ihn im März 2008 zur Pizzeria begleitet. Dort zertrat ihr Sohn ein Fenster und entfachte ein Feuer mit vier Litern Benzin. Der Wirt, der die Nacht auf einer Matratze im Lager verbringen wollte, entkam dem Inferno nur knapp. Über 200.000 Euro soll der Wiederaufbau des Restaurants kosten, bis dato Arbeitsplatz einer ganzen Familie. Tage später fand die Polizei in der Ruine ein Bekennerschreiben mit RAF-Logo. Darauf stand: "Wir wissen, was Sie denken: Die RAF gibt es nicht mehr. Doch wir sind wieder da. Weitere Brandanschläge werden folgen."
Simon Kunde hielt Wort. Im April 2008 erklomm er erneut die Hauswand der Grundschule. Diesmal zerschlug er das Fenster zum Naturwissenschafts-Raum, legte fünf Flaschen ab, von denen er eine entzündete. Weil sich das Feuer nicht auf andere Räume ausbreitete, blieb es bei 21 000 Euro Sachschaden.