Ein junges Unternehmen wird von einem ehemaligen Mitarbeiter drangsaliert. Der frustrierte Mann will über sechs Millionen Euro von seinem ehemaligen Arbeitgeber erpressen und schmiedet detaillierte Mordpläne. Zur selben Zeit steht er vor Gericht: Wegen Erpressung eines weiteren ehemaligen Brötchengebers. Von Uta Eisenhardt

Der Richter entscheidet gegen den Angeklagten und die Opfer hoffen, endlich Ruhe zu finden© Picture Alliance
Im Oktober hätte die Amtsrichterin auch anders entscheiden können. Doch ihr reichten die Beweise nicht aus, um Ulrich Tänzer* wegen der angeklagten Erpressung seines Ex-Ex-Chefs, des Steuerberaters Hans-Georg Odenfeld*, schuldig zu sprechen. 250.000 Euro sollte das Opfer zahlen, dafür wollte der gekündigte Mitarbeiter über eine strafbare Beihilfe zur Steuerverkürzung schweigen, so die Vorwürfe vor dem Amtsgericht. Der Richter mochte jedoch nicht ausschließen, dass Ulrich Tänzer in eine Falle seines ehemaligen Arbeitgebers tappte und sprach ihn "in dubio pro reo" frei.
Neun Monate später wird in Moabit wieder eine Strafsache "Tänzer" aufgerufen. Dabei geht es nicht nur um eine weitere Chef-Erpressung. Diesmal verhandelt das Berliner Landgericht auch noch eine versuchte Anstiftung zum Menschenraub und zum Mord. Vehement bestreitet der 40-Jährige ein solches Ansinnen und beschreibt die Anklage als nunmehr zweiten Komplott seines Ex-Ex-Chefs Hans-Georg Odenfeld. Für jeden Punkt der Anklage präsentiert er eine harmlose Erklärung, welche die Richter am Ende des Prozesses jedoch als "reines Märchen" bezeichnen.
Die Geschichte beginnt im September 2007. Da fing der stämmige Blonde bei der Immobiliendienstgesellschaft Immodi AG* an. Eine Personalvermittlungsagentur hatte ihn empfohlen, allerdings ohne sich die Mühe zu machen, die Angaben des Bewerbers zu prüfen - das aber stellte sich erst einige Monate später heraus. Im Einstellungsgespräch gab der diplomierte Volkswirt mit Doktortitel an, beim Steuerberater Hans-Georg Odenfeld selbst gekündigt zu haben. Bei der Immodi AG wurde Dr. Tänzer als Finanzcontroller beschäftigt. Etwa 100 Mitarbeiter arbeiteten damals in dem Unternehmen, das erst vor kurzem an die Börse gegangen war. Vor Gericht spricht der Vorstandsvorsitzende Rudolf Schatz* von einem familiären Unternehmen, in dem ebensolche Umgangsformen gepflegt werden.
Schon bald wurde klar, dass der neue Mitarbeiter nicht in die Firmenkultur des familiären Unternehmens passte. Er benahm sich anmaßend, spielte sich als Chef auf, surfte während der Arbeit auf Porno-Seiten und die Arbeit hatte er auch nicht gerade erfunden, schildern seine damaligen Vorgesetzten dem Gericht. Der Vorstand beschloss, den Finanzcontroller nicht über die Probezeit hinaus zu beschäftigen.
Dieser Entschluss sollte nicht sofort umgesetzt werden. Doch im Dezember 2007 traf der Immodi-Vorstand auf Hans-Georg Odenfeld. Der berichtete ausführlich von der Kündigung und den Erpressungsversuchen seines früheren Angestellten.
Außerdem hatte der Ex-Ex-Chef heraus gefunden, dass Tänzers in St. Gallen erworbener Doktortitel in Deutschland gar nicht geführt werden darf. Dieses plötzlich sichtbare kriminelle Potential war dem Immodi-Vorstand Anlass genug, den dubiosen Mitarbeiter zwei Tage vor Weihnachten sofort frei zu stellen. "Da saß er nun mit Ende 30, ohne Job, ohne Partnerin, ohne Aussichten", schildert der psychiatrische Gutachter dem Gericht diese demütigende Situation. Einmal noch bettelte Tänzer bei der Immodi AG um Wiedereinstellung. Er erhielt keine Antwort.
Vier Monate nach der Kündigung wandte er sich per Mail an den Vorstandsvorsitzenden Rudolf Schatz*: "Erbitte kurzfristigen Rückruf von Ihnen, um über die nicht gemachten Angaben zum Kundenrisiko und die sich sicherlich daraus ergebenen katastrophalen Auswirkungen für Sie persönlich und die Immodi AG unter vier Augen zu sprechen."
Tänzer meinte, beim Börsengang hätte die Immodi AG falsche Angaben zu ihren Risiken gemacht. Sie hätte verschwiegen, dass sie nur einen Großkunden habe. Außerdem sei die letzte Bilanz falsch. In weiteren Mails drohte Ulrich Tänzer dem Unternehmen mit der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin), der Presse und einer Diskussion mit den Aktionären auf der nächsten Hauptversammlung.
Man habe die Vorwürfe des Ex-Mitarbeiters ernst genommen und mit den Wirtschaftsprüfern sowie der Rechtsabteilung besprochen, sagt Rudolf Schatz. Man wollte mögliche Fehler nicht erst nach öffentlicher Diskussion korrigieren müssen: "Jeder Sachverhalt hinterlässt ein Geschmäckle." Nachdem sich die Kritik als haltlos erwiesen hatte, "war die Sache für uns erledigt", sagt der 49-jährige Anzugträger, dem die Aufregung im Zeugenstand anzumerken ist.
Bis in die Gegenwart würden die Erpressung und geplante Entführung seine Arbeitskraft beeinträchtigen. Er habe darum auch seinen Vorstands-Dienstvertrag nicht verlängert: "Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand so einen Hass entwickeln kann. Ich bemühe mich, meine Mitarbeiter sehr fair zu behandeln." Mit Ulrich Tänzer habe er in vier Monaten nur eine längere Unterhaltung geführt: Über die steuerliche Betrachtung eines Immobilienprojektes.
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