Nachdem die Flucht aus der DDR gescheitert war, kam er in eine Besserungsanstalt. Das ist 24 Jahre her, nun verdingt sich Matthias Wensior als Kunstdieb. Er selbst sieht sich als Gescheiterten und erklärte jetzt in einem erstaunlichen Monolog, warum. Von Uta Eisenhardt

In einem Antiquitätenladen findet eine pensionierte Oberstaatsanwältin ihre gestohlene Buddha-Figur. Dieser Fund ist der Beginn eines Prozesses der besonderen Art© Tim Brakemeier/DPA
Kaum hatte Matthias Wensior* vor drei Jahren das Gefängnis verlassen, brach er wieder in Wohnungen ein. Der 37-jährige hat sich auf Kunst spezialisiert: Er entwendete Ölgemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Skulpturen, darunter Arno Brekers "Erwartung". Zu den Bestohlenen gehört auch eine pensionierte Oberstaatsanwältin. Die entdeckte in einem Antiquitätenladen eine ihrer fünf Buddha-Figuren. Umgehend begann sie mit den Ermittlungen in eigener Sache. Der Dieb hatte es ihr nicht besonders schwer gemacht: Im Laden erfuhr die Oberstaatsanwältin a. D. seine Adresse.
Eineinhalb Jahre später sitzt der Glatzkopf mit dem unrasierten Bart vor einem Schöffengericht. Aufmerksam schaut er mit seinen runden Kinderaugen zum Richter, während sein Anwalt die Vorwürfe der Anklage bestätigt. Die Verhandlung könnte nun sehr schnell zu Ende gehen, doch der Kunstdieb hat noch ein Anliegen. "Mein Mandant möchte, dass ihm geholfen wird", sagt sein Verteidiger. Matthias Wensior will wissen, wie weit der Einfluss des Richters reicht. Der sagt: "Wir haben Einfluss." Es ist der Startschuss für einen Monolog, wie man ihn im Moabiter Kriminalgericht nur selten hört:
"Ich bin im brandenburgischen Strausberg geboren. Als ich 13 Jahre alt war, wollte mein Vater mit mir in den Westen fliehen. Meine Mutter verriet ihn an meinen Stiefvater - der war bei der Stasi. Auf der Flucht wurde ich in die Hüfte geschossen. Wegen meiner Verletzung gab mein Vater auf. Ich kam in ein Militärkrankenhaus, mein Vater in den Knast. Sechs Jahre später starb er dort. Meine Mutter musste unterschreiben, dass sie zu mir keinen Kontakt mehr hat. Ich war dann sozusagen staatenlos und kam in den Jugendwerkhof.**
Als ich 18 Jahre alt war, brach die DDR zusammen. Ich hatte Wut auf die ehemaligen Pädagogen vom Jugendwerkhof. Ein Leben lang habe ich Hass auf dieses Volk, diese Regierung, dieses System. Ich hatte Probleme, mich einzuordnen. In meiner Jugend war ich, wen wundert es, rechtsradikal eingestellt. Ich habe nicht gewusst, was Demokratie, was Toleranz gegenüber Ausländern ist.
Seit meinem 13. Lebensjahr bin ich eingesperrt. 13 Jahre meines Lebens habe ich in Haft verbracht. Freunde habe ich nur im Knast. Wenn ich entlassen war, konnte ich die nicht besuchen und sagen: Es ist schön, im Kino zu sein. Oder: Es ist toll, am Baggersee zu liegen. Ich habe den Druck nicht ausgehalten. Darum habe ich lieber Leute in Gaststätten eingeladen, habe so versucht, Eingang in unsere Gesellschaft zu finden.
Ich hatte mal einen Bewährungshelfer, der wurde mein Kumpel. Er brachte mir Achtung und Respekt entgegen. Ich habe ihm bei der Dachreparatur seines Hauses geholfen. Für meine Hilfe hat er mir Taschengeld gegeben. Davon habe ich gelebt.
1990 habe ich erfahren, dass ich ein Kind habe. Seine Mutter brachte es zu mir. Auf einem Zettel stand: ‚Es ist dein Kind. Kümmere Dich darum!' Eine Woche lang habe ich Philipp gewindelt und gefüttert. Dann kam seine Oma, also die Mutter seiner Mutter, mit der Jugendhilfe und hat mir das Kind weggenommen. Da war ich sauer - am liebsten hätte ich die Stadt in Brand gesteckt.
Später habe ich aus der Zeitung erfahren, dass die Mutter meines Kindes unter Drogen ihren Typen zerstückelt hat. Sie hat den Mann aufs Bett gelegt, ihn gefesselt und mit einer Machete in tausend Stücke zerhackt. Philipp saß daneben. Seine Oma hat die tausend Teile eingesammelt. Philipps Mutter wurde wegen Totschlags verurteilt. Damals habe ich gedacht: Was läuft hier? Warum ist nicht alles so, wie man es sich wünscht? Warum tritt man immer nur in Scheiße?
Nach der letzten Haftentlassung haben sie mir bei der Arbeitsagentur eine Tätigkeit vermittelt: Ich sollte mit behinderten Kindern Vogelhäuschen bauen. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass man mich braucht. Da sind andere, die sind nicht kriminell, die sind vorher dran.