. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
23. Dezember 2009, 20:40 Uhr

Tödliches Sex-Pulver im Tee

Ein alter Mann schüttet seiner Frau Pulver in den Tee und deutet an, es sei ein Aphrodisiakum. Die Verwandtschaft amüsiert sich über den liebestollen Rentner - bis die Wahrheit ans Licht kommt. Von Uta Eisenhardt

 
Gericht, Jericht, Eisenhardt, Rattengift, Sexpulver, Sex, Rentner, dement, Enkel, vorbestraft, Leiche, Geld, Schlafzimmer, Tee

Eine Tasse Tee: Für eine Rentnerin aus Berlin wurde sie fast zum Verhängnis© Larry Crowe/AP

Der Tee schmeckte wie immer. Doch wie kamen diese pinkfarbenen Krümel in die Tasse? Ilse Kandt* stellte ihren Mann zur Rede, der ihr das Getränk gebracht hatte. Vage soll dieser etwas von einem Sex-Pulver gemurmelt haben. Vielleicht aber reimte sich Ilse auch nur einen Zusammenhang zwischen dem Pulver und entsprechenden Avancen ihres Mannes zusammen. "Ich habe ihm gesagt, dass ich zu alt und zu krank für so etwas bin. Wenn du was willst, dann such dir was", berichtet die dicke, resolute 79-Jährige vor dem Gericht. Im April 2009 lüftete sich das Geheimnis der ominösen Krümel: Es waren Rückstände von "Ratron" - einem Rattengift.

Dies soll der 78-jährige Günter Kandt* mindestens sechs Mal seiner Frau verabreicht haben. Krumm sitzt der kleine Mann mit dem verwitterten Gesicht neben seinem Verteidiger. Wenn er zu seinem Platz läuft, schlurft er. Seine Tat bestreitet er nicht. "Ja, wollt ick", antwortete er, als ihn ein Polizist bei seiner Verhaftung fragte, ob er seine Frau umbringen wollte. Der Rentner verriet dem Beamten noch mehr: "Dit Zeug hat ja nich jewirkt. Ick hab's selber probiert!" Der in Waisenheimen aufgewachsene Analphabet, dem der psychiatrische Gutachter einen immens niedrigen IQ attestiert, wusste nicht, dass Rattengift die Blutgerinnung hemmt und seine tödliche Wirkung erst Tage später entfaltet.

"Schuld hat die Frau!"

Nun sitzt er das erste Mal in seinem Leben vor Gericht - wegen versuchten Mordes. Schluchzend ruft er am ersten Verhandlungstag in den Saal: "Schuld hat die Frau!" Zweimal gab er Ilse Kandt das Ja-Wort: Ihre erste Ehe - für Günter war es bereits die vierte - wurde nach sieben Jahren geschieden. Danach sahen sie sich drei Jahre lang nicht, bis die Rentnerin vom Fahrrad stürzte und sich den Oberschenkel brach. Günter begann seine gehbehinderte Ex-Frau zu pflegen, die sich bald bei ihm einnistete, so erzählen es Ilses Töchter. Im November 2004 heirateten die beiden erneut - wegen der Hinterbliebenen-Rente.

Bis Dezember 2007 funktionierte die Zweckgemeinschaft. Dann wurde Ilses Enkel und Ziehsohn Nico aus dem Gefängnis entlassen. Der damals 26-Jährige mit dem betont lässigen Gang und dem furchteinflößend tätowierten Hals lebte bei seiner Freundin. Wenn er Streit hatte, quartierte er sich in der verwahrlosten Zwei-Zimmer-Wohnung der Alten ein - zuweilen mehrere Wochen lang.

Ein Krimineller lebt auf großem Fuß

Er entzog den Senioren auch Geld. "Oma hat mir immer was gegeben - jeden Monat ein paar Hundert Euro. Ich habe schon immer auf großem Fuß gelebt", gesteht der Kriminelle ungeniert. 600 Euro Rente bekam die ehemalige Toilettenfrau, 200 bis 300 Euro gab sie davon ihrem geliebten Enkel, der sie täglich um Geld anging. Aber selbst an Günters Konto soll Nico sich vergriffen haben: Nachdem Ilse Kandt ihm die Scheckkarte ihres Mannes samt PIN gegeben hatte, damit er nachsehe, wie viel der Alte auf dem Konto habe, fehlten 500 Euro.

Das war ein schwerer Schlag für die Kandts. Immer heftiger stritten sie über das fehlende Geld. Sie hungerten und magerten ab. Den Enkel störte das nicht. Günter Kandt verzweifelte in dieser ihm ausweglos erscheinenden Situation: Beide empfanden große Angst vor Nico, den Ilse aber nicht aus der Wohnung werfen wollte: "Sonst geht der wieder ins Gefängnis", sagte sie ihrem Mann. "Ick wusste nich mehr, wat ick machen sollte", sagt der Angeklagte dem Gericht. Er muss gedacht haben: Der Weg in ein Leben ohne Nico führte nur über Ilses Leiche.

Seite 1: Tödliches Sex-Pulver im Tee
Seite 2: Gift in der Kaffeemühle gemahlen
 
 
"Icke muss vor Jericht"

Ob Kneipenschlägerei oder Ehekrach: Die Prozesse am Amtsgericht Berlin spiegeln das pure Leben wider. In "Icke muss vor Jericht" berichtet Uta Eisenhardt über Prozesse mit dem gewissen Etwas.

WEITERE ARTIKEL DER KOLUMNE
MEHR ZUM ARTIKEL
"Icke muss vor Jericht" Der Fernseher des Anstoßes

Ein alter Mann zieht in ein Pflegeheim, dabei wird sein Fernseher ausgetauscht. Dies missfällt dem Stiefsohn des Heimbewohners. Doch anstatt sich direkt mit dem vermeintlichen Dieb auseinander zu setzen, täuscht er polizeilichen Ermittlungen vor. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Der selbstbewusste Exhibitionist

Seit 50 Jahren beschäftigt ein Exhibitionist die Justiz: Zweimal saß er im Gefängnis, nun droht ihm wieder eine Haftstrafe. Helfen, das weiß der selbstkritische Rentner, wird der Knast ihm nicht - im Gegenteil. mehr...

"Icke muss vor Jericht" Du sollst deinen Nächsten nicht begrabschen

Eine junge Frau wird von einem Transvestiten sexuell belästigt. Er bedrängt sie im Hausflur, wird handgreiflich. Unter der Perücke versteckt sich ausgerechnet ein Theologe. mehr...