Ein alter Mann schüttet seiner Frau Pulver in den Tee und deutet an, es sei ein Aphrodisiakum. Die Verwandtschaft amüsiert sich über den liebestollen Rentner - bis die Wahrheit ans Licht kommt. Von Uta Eisenhardt

Eine Tasse Tee: Für eine Rentnerin aus Berlin wurde sie fast zum Verhängnis© Larry Crowe/AP
Der Tee schmeckte wie immer. Doch wie kamen diese pinkfarbenen Krümel in die Tasse? Ilse Kandt* stellte ihren Mann zur Rede, der ihr das Getränk gebracht hatte. Vage soll dieser etwas von einem Sex-Pulver gemurmelt haben. Vielleicht aber reimte sich Ilse auch nur einen Zusammenhang zwischen dem Pulver und entsprechenden Avancen ihres Mannes zusammen. "Ich habe ihm gesagt, dass ich zu alt und zu krank für so etwas bin. Wenn du was willst, dann such dir was", berichtet die dicke, resolute 79-Jährige vor dem Gericht. Im April 2009 lüftete sich das Geheimnis der ominösen Krümel: Es waren Rückstände von "Ratron" - einem Rattengift.
Dies soll der 78-jährige Günter Kandt* mindestens sechs Mal seiner Frau verabreicht haben. Krumm sitzt der kleine Mann mit dem verwitterten Gesicht neben seinem Verteidiger. Wenn er zu seinem Platz läuft, schlurft er. Seine Tat bestreitet er nicht. "Ja, wollt ick", antwortete er, als ihn ein Polizist bei seiner Verhaftung fragte, ob er seine Frau umbringen wollte. Der Rentner verriet dem Beamten noch mehr: "Dit Zeug hat ja nich jewirkt. Ick hab's selber probiert!" Der in Waisenheimen aufgewachsene Analphabet, dem der psychiatrische Gutachter einen immens niedrigen IQ attestiert, wusste nicht, dass Rattengift die Blutgerinnung hemmt und seine tödliche Wirkung erst Tage später entfaltet.
Nun sitzt er das erste Mal in seinem Leben vor Gericht - wegen versuchten Mordes. Schluchzend ruft er am ersten Verhandlungstag in den Saal: "Schuld hat die Frau!" Zweimal gab er Ilse Kandt das Ja-Wort: Ihre erste Ehe - für Günter war es bereits die vierte - wurde nach sieben Jahren geschieden. Danach sahen sie sich drei Jahre lang nicht, bis die Rentnerin vom Fahrrad stürzte und sich den Oberschenkel brach. Günter begann seine gehbehinderte Ex-Frau zu pflegen, die sich bald bei ihm einnistete, so erzählen es Ilses Töchter. Im November 2004 heirateten die beiden erneut - wegen der Hinterbliebenen-Rente.
Bis Dezember 2007 funktionierte die Zweckgemeinschaft. Dann wurde Ilses Enkel und Ziehsohn Nico aus dem Gefängnis entlassen. Der damals 26-Jährige mit dem betont lässigen Gang und dem furchteinflößend tätowierten Hals lebte bei seiner Freundin. Wenn er Streit hatte, quartierte er sich in der verwahrlosten Zwei-Zimmer-Wohnung der Alten ein - zuweilen mehrere Wochen lang.
Er entzog den Senioren auch Geld. "Oma hat mir immer was gegeben - jeden Monat ein paar Hundert Euro. Ich habe schon immer auf großem Fuß gelebt", gesteht der Kriminelle ungeniert. 600 Euro Rente bekam die ehemalige Toilettenfrau, 200 bis 300 Euro gab sie davon ihrem geliebten Enkel, der sie täglich um Geld anging. Aber selbst an Günters Konto soll Nico sich vergriffen haben: Nachdem Ilse Kandt ihm die Scheckkarte ihres Mannes samt PIN gegeben hatte, damit er nachsehe, wie viel der Alte auf dem Konto habe, fehlten 500 Euro.
Das war ein schwerer Schlag für die Kandts. Immer heftiger stritten sie über das fehlende Geld. Sie hungerten und magerten ab. Den Enkel störte das nicht. Günter Kandt verzweifelte in dieser ihm ausweglos erscheinenden Situation: Beide empfanden große Angst vor Nico, den Ilse aber nicht aus der Wohnung werfen wollte: "Sonst geht der wieder ins Gefängnis", sagte sie ihrem Mann. "Ick wusste nich mehr, wat ick machen sollte", sagt der Angeklagte dem Gericht. Er muss gedacht haben: Der Weg in ein Leben ohne Nico führte nur über Ilses Leiche.