Zwei Jahre lang flieht ein Mann vor der Polizei und lebt von Kunst-Diebstählen. Dann überkommt ihn die Reue, er stellt sich. Vor Gericht ringt der religiöse Mann um Vergebung vom himmlischen und vom irdischen Richter. Von Uta Eisenhardt

Der Angeklagte betet im Gefängnis um Vergebung© Colourbox
Es sei eigentlich ein Tag wie jeder andere gewesen, sagt Peter Arlberger* über jenen Tag im März, als er unweit von seinem Hostel auf einer Parkbank saß. Er sinnierte über sein Leben, das vor 36 Jahren in Graz begonnen hatte, in einem Elternhaus mit einem trinkenden Vater und einer Mutter, "die zwoa gute Buben haotte." 2002 verließ er sein "ordentliches, bürgerliches Leben mit Arbeit, Auto und einem kleinen Plus auf dem Giro-Konto", wie er es beschreibt. Dem jungen Bäckermeister verlangte es nach einem "Toapetenwechsel". Er zog Richtung Wien und tauchte dort in die Homosexuellen- und Drogenszene ein. Obendrein wurde er spielsüchtig und fing an zu klauen, was ihn seinen Job und etliche Freunde kostete. Von Österreichs Polizei gesucht und Berlins liberaler Haltung gegenüber Schwulen gelockt, beschloss er vor zwei Jahren, in die Hauptstadt zu ziehen. Geld hatte er keins. Seine Unterkunft in billigen Hostels und seinen Kokain-Konsum finanzierte er mit dem Diebstahl von Figuren, Statuen und Ikonen. Doch ein gutes Jahr nach seiner Ankunft in Berlin beschloss der Katholik, reinen Tisch zu machen: "Ich hielt es seit längerer Zeit nicht mehr aus, so mit meinem Mitmenschen umzugehen", lässt er von seinem Verteidiger vortragen.
In Konsequenz dieser Entscheidung sitzt er nun vor dem Schöffengericht. Scheu und aufgeregt wirkt der schmächtige Mann, der von zwei Wachtmeistern in den Verhandlungssaal gebracht wird. Vor Beginn der Verhandlung dreht er sich zu den Zuhörern um. Er nickt einem untersetzten Mann zu, der freundlich durch seine Brille schaut. Es ist der Pfarrer der Gemeinde St. Ludwig: Hier stahl der Angeklagte einen Messkelch, den er für 20 Euro verkaufte. An jenem Märztag, an dem Peter Arlberger seinen persönlichen Schlussstrich ziehen wollte, erkundigte er sich bei einer "Würstelbude" nach dem Weg zur nächsten Polizeidienststelle. Vor deren Eingang rauchte er noch ein, zwei Zigaretten. Dann gab er sich einen Ruck und bekundete dem erstaunten Beamten sein Anliegen. "Der Polizist hoat auf die Schnelle nur einen Toankbetrug in seinem Computer gefunden", erinnert sich der Angeklagte.
Diesen hatte er vor zwei Jahren in Münster begangen, da war ihm das Geld für die Heimfahrt nach Wien ausgegangen. Mehr lag gegen den Österreicher nicht vor. Um dem Beamten seine Ernsthaftigkeit zu verdeutlichen, berichtete der Reumütige vom entwendeten "Triton mit Muschelhorn" aus der Königlichen Porzellan Manufaktur. Die Figur im Wert von 6500 Euro war sein größter Coup gewesen. Bei einer späteren Ausfahrt zeigte er den Beamten die Läden, in denen er gestohlen hatte und diejenigen, in die er das Diebesgut mit der Erklärung gebracht hatte, es sei geerbt oder stamme aus Haushaltsauflösungen. Von den meisten Straftaten hörte die Polizei zum ersten Mal, denn viele Besitzer hatten auf eine Anzeige verzichtet. Zu 21 Kunstdiebstählen bekannte sich Peter Arlberger, in meisten Fällen konnte das Diebesgut wieder zurück gegeben werden. "Ich hoffe, dass ich mit meinem Verhalten zur Gerechtigkeit beitragen kann", verliest der Verteidiger für seinen aufgeregten Mandanten.
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