Säure-Anschlagsopfer gewinnt bei "Wer wird Millionär?"

25. Dezember 2012, 15:31 Uhr

Vor neun Jahren wurde die Inderin Sonali Mukherjee mit Säure attackiert. 22 Operationen musste sie seither über sich ergehen lassen, neun werden folgen. Der Gewinn wird dafür nicht reichen. Von Thomas Schmoll

Indien, Säure-Opfer, Wer wird Millionär

Sonali Mukherjee betet in einem Tempel in Neu Dehli.©

Ihr Gesicht ist für den Rest ihres Lebens verstellt und furchtbares Zeugnis einer schrecklichen Tat. Die junge Frau ist wieder in der Lage zu sprechen und zu hören, wenn auch nur eingeschränkt. Blind wird sie wohl für immer bleiben. 2003 schütteten drei Männer aus der Nachbarschaft Sonali Mukherjee Säure in ihr damals noch schönes Gesicht. Sie brachen nachts in ihr Haus ein und verrichteten ihre Schandtat. Einer der Angreifer wollte ihr "eine Lektion erteilen". Die Säure war extrem ätzend. Es ist eine, die normalerweise dazu verwendet wird, Rost zu beseitigen. Der indische Staat kam nicht für die Kosten für kosmetische Operationen auf. Die Familie der Geschändeten gab für die notwendigsten ärztlichen Eingriffe all ihre Ersparnisse aus, verkaufte Land und Gold dafür. Damals erlosch in Mukheerjee der Lebenswille. Das Säure-Opfer bat um Sterbehilfe, die ihr verweigert wurde. Dann erwachte ihr Kampfgeist und sie machte ihre bewegende Geschichte öffentlich. Sie ging um die ganze Welt.

Zeugnis des Lebenswillens

Jetzt zeigte die 27-Jährige der indischen Nation, wie sehr sie am Leben teilnimmt und dass sie keines Falls gewillt ist, sich unterkriegen zu lassen. Als Kandidatin in der indischen Ausgabe von "Wer wird Millionär?" holte sie den Supergewinn von 2,5 Millonen Rupien, ungefähr 34.000 Euro. Von ihrer Freude konnte der Zuschauer mehr ahnen als sehen. Obwohl sich Mukherjee in jüngerer Zeit nicht mehr scheute, ihr enstelltes Antlitz zu zeigen, hüllte die junge Frau ihr Gesicht in ein rotes Tuch und verdeckte ihre Augen mit einer Sonnenbrille. Im Hintergrund waren Fotos von Mukherjee zu sehen, wie sie vor dem Anschlag aussah, aber auch Bilder, die ihr heutiges Gesicht zeigen. "Meine Eltern sagten, ich sollte mein Gesicht unverdeckt lassen, aber das ging gerade nicht." Sie habe über Jahre ihre Wohnung nur verlassen, um ins Krankenhaus zur Behandlung zu gehen. "Mein Heim war wie ein Gefängnis."

Stars zeigen sich solidarisch

Als Helferin hatte Mukherjee in der Show die frühere "Miss Universe" Lara Dutta an ihrer Seite - nicht für die Antworten, sondern damit sie die Fragen besser versteht. Lara Dutta klatschte gemeinsam mit Moderator Amitabh Bachchan Beifall nach der letzten richtigen Antwort. Das Publikum - zahlreiche Zuschauer hatten Tränen in den Augen - feierte die Gewinnerin mit stehenden Ovationen. Millionen Inder verfolgten die Sendung an den TV-Geräten. Bachchan, in seiner Heimat ein Superstar aus der Bollywood-Szene und der erste Inder, der zu Lebzeiten in Madame Tussauds Wachsfigurenmuseum "aufgenommen" wurde, zeigte sich tief bewegt. Der Schauspieler sprach von einem "sehr traumatischen und beunruhigenden Abend", als die Sendung unter dem Titel "eine zweite Chance für diejenigen, die von schrecklichen Gewalttaten betroffen sind", aufgenommen wurde. "Sie ist jetzt in der Lage zu sprechen, zu hören, aber nicht zu sehen. Ihre Geschichte ist eine Geschichte von immensem Mut und Tapferkeit." Die Nation würdige das, "legt aber den Kopf in Scham für diese heimtückische Tat", stellte "Big B" fest, wie ihn die Inder nennen.

Die Hochachtung beruhte auf Gegenseitigkeit. "Ich konnte mir nicht vorstellen, solche großartigen Menschen zu treffen. Big B zu treffen, war ein tolles Ding. Er ist ein Superstar, aber trotzdem bescheiden und bodenständig. Er hielt meine Hand und führte mich zum heißen Stuhl", sagte Mukherjee laut "Times of India". Und was macht sie mit dem Gewinn? Die junge Frau braucht noch viel Geld für die Behandlung ihrer Verletzungen und zur Rehabilitation. "22 Operationen habe ich hinter mir, neun werden noch folgen." Denn es besteht Hoffnung, dass ihr Gehör verbessert werden und sie vielleicht sogar wieder etwas sehen kann. Nach Angaben ihres Vaters kosten die anstehenden Eingriffe mehr, als seine Tochter in der Sendung gewonnen hat. "Ich habe alles verkauft", sagte er dem Politikmagazin "Tehelka". "Eine Menge Leute haben uns Geld versprochen. Sogar Ärzte wollten zur Behandlung beitragen. Aber nichts davon wurde wahr."

Kein Einzelfall in Indien

Sonali Mukherjee ist jedenfalls fest entschlossen, ihren Weg weiterzugehen. Sie will gesund werden, um anderen Opfern helfen zu können. Nachdem sie sich über Jahre weitgehend verkrochen hatte, gibt sie neuerdings wieder Interviews. Auch vor der Kamera - mal mit verhülltem Gesicht, mal ohne Schleier. Anfang November berichtete Mukherjee über die Zeit nach dem Anschlag, als sie in tiefe Depression verfiel und nur noch sterben wollte. "Ich kann das Geschehene nicht so einfach vergessen. Aber ich fühle mich gut, weil die Behandlung dem Ende zugeht", sagte sie "Halabol TV", ein Sender, der sich via YouTube für sozial Entrechtete und Gewaltopfer einsetzt.

Noch im Sommer klang sie verzweifelt: "Die letzten neun Jahre lang habe ich gelitten, ohne Hoffnung gelebt, ohne Zukunft. Wenn ich keine Gerechtigkeit erhalte, ist der einzige Ausweg zu sterben. Ich will kein halbes Leben leben mit einem halben Gesicht." Nun erklärte Mukherjee der Nachrichtenagentur AFP: "Wenn Sie sich ein Bild von einer schönen Frau anschauen können, dann können Sie auch auf mein verbranntes Gesicht schauen.“ Einfach wäre es gewesen, Gift zu schlucken und sich umzubringen. „Aber ich habe mich dafür entschieden aufzustehen und zu schreien und gegen die Gewalt anzukämpfen."

Denn ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Erst im November wurde eine 23-jährige Inderin mit Säure attackiert. 40 Prozent ihres Körpers erlitten Schäden. Auch sie wird vermutlich den Rest ihres Lebens in Blindheit verbringen. Mukherjee, bei der sogar 72 Prozent ihres Leibes geschädigt wurden, sagte: "Ich will ein Gesetz für einen effektiven Schutz für Frauen, damit Männer nicht das Leben einer Frau zerstören. Nur ein strenges Gesetz wird für Abschreckung sorgen." Die junge Frau weiß, worüber sie spricht. Sie kämpft auch in eigener Sache gegen die Justiz. Ihre Peiniger mussten längst nicht ihre gesamte Haftstrafe absitzen. Über einen Berufungsantrag ist bis heute nicht entschieden. In Indien mahlen die Mühlen der Justiz sehr langsam. "Ich habe noch Hoffnung. Aber ich weiß nicht, wie lange es dauern wird", sagte das Säure-Opfer. "Meine Angreifer wurden freigelassen, nachdem sie drei ihrer neunjährigen Haftstrafe verbüßt hatten, während meine seelischen Qualen nicht enden."

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