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Wie eine Jobsuche in der Todeszelle endete

Mary Jane Veloso entkam in letzter Sekunde der Todesstrafe in Indonesien. Die Frau beteuerte stets, als Drogenschmugglerin missbraucht worden zu sein. Ihr Schicksal erzählt von Armut und Verzweiflung.

  Mary Jane Veloso bei einem Gerichtsverfahren im indonesischen Yogyakarta im März

Mary Jane Veloso bei einem Gerichtsverfahren im indonesischen Yogyakarta im März

Mary Jane Veloso hatte sich bereits von ihren Söhnen, sechs und zwölf Jahre, verabschiedet. Es sollten die letzten gemeinsamen Stunden der kleinen Familie sein. Veloso, eine Philippinerin, war die letzte von neun wegen Drogenhandels Verurteilten, die auf der indonesischen Insel Nusakambangan hingerichtet werden sollten. Die Familienmitglieder der Todeskandidaten waren zu der Gefängnisinsel gereist, um ihren Verwandten in den letzten Stunden beizustehen. Das Erschießungskommando wartete bereits.

Die Haushälterin war im April 2010 am Flughafen von Yogyakarta auf Java mit 2,6 Kilogramm Heroin festgenommen worden. Veloso hatte bis zum Schluss ihre Unschuld beteuert.

Hinrichtung in letzter Sekunde gestoppt

Wochenlang protestierten Familienmitglieder und Freunde der 30-Jährigen in der philippinischen Hauptstadt gegen Velosos Verurteilung. Auch am Tage der geplanten Exekution demonstrierten noch Hunderte vor der indonesischen Botschaft in Manila. Sie hielten Fotos der jungen Frau und Plakate hoch, auf denen Sätze wie "Gerechtigkeit für Mary Jane Veloso" standen. Viele weinten.

Die Hinrichtung sollte nach indonesischer Zeit kurz nach Mitternacht erfolgen. Doch wenige Stunden vorher stellte sich auf den Philippinen eine Frau der Polizei. Sie steht im Verdacht, Veloso als Drogenschmugglerin missbraucht zu haben. Im letzten Moment wurde die Exekution der Frau gestoppt.

Wer ist die Frau, die der Todesstrafe – zumindest vorläufig – entkommen ist?

  Demonstranten protestierten am Tag der geplanten Hinrichtung in Makati, südlich von Manila, gegen die Exekution von Mary Jane Veloso

Demonstranten protestierten am Tag der geplanten Hinrichtung in Makati, südlich von Manila, gegen die Exekution von Mary Jane Veloso

Traum von einem besseren Leben

Die Organisation "Migrante International", die sich für die Rechte philippinischer Arbeiter im Ausland einsetzt und auch Mary Jane Veloso unterstützt, hat Details über das Leben der Frau veröffentlicht. Demnach stammt Veloso aus armen Verhältnissen, sie ist das jüngste von fünf Kindern. Die Familie sammelte Müll, da das Gehalt des Vaters, einem Saisonarbeiter, nicht ausreichte. Schon früh heiratete Veloso und bekam mit 18 ihr erstes Kind.

Um ihre Familie zu unterstützen, verließ Veloso im Jahr 2009 ihre Heimat und ging nach Dubai, um als Haushälterin zu arbeiten. Doch schon kurz darauf kehrte sie zurück – ihr Arbeitgeber soll versucht haben, sie zu vergewaltigen. Ein Jahr später zog es Veloso nach Malaysia, eine dort lebende Freundin hatte ihr einen gut bezahlten Job versprochen. Doch als Veloso dort eintraf, sagte ihre Freundin, dass der Job schon besetzt sei. Sie kümmerte sich einige Tage um die junge Philippinerin und sagte ihr dann, dass Veloso für ein Jobangebot nach Indonesien reisen müsse.

2,6 Kilogramm Heroin im Gepäck

Veloso zögerte, doch die Freundin sprach ihr gut zu, gab ihr Geld – und einen leeren Koffer, in dem sie Velosos Kleidung verstaute. Als die Philippinerin am 25. April 2010 am Flughafen von Yogiakarta eintraf, wurde sie durch eine Röntgenmaschine geschickt. Die identifizierte 2,6 Kilogramm Heroin im Gepäck der Frau – Drogen im Wert von einer halben Million US-Dollar. Veloso wurde festgenommen und kam ins Gefängnis. So schildert die Organisation die Geschichte der jungen Frau.

Veloso sagt, dass ihr die Drogen in die Reisetasche gesteckt worden seien – sie will davon nichts gewusst haben. Die Behörden glaubten ihr jedoch nicht. Im August 2011 bat der philippinische Präsident Benigno Aquino III. "CNN Philippines" zufolge höchstpersönlich bei dem damaligen indonesischen Präsidenten Yudhoyono um Gnade für die Frau. Doch es kam keine Reaktion. Yudhoyono Nachfolger Joko Widodo lehnte den Gnadenappell ab – er hatte dem Drogenhandel in seinem Land den Krieg erklärt und wollte mit aller Härte gegen die Schmuggler vorgehen.

  Mary Jane Veloso in traditioneller Kleidung während eines Feiertages in Yogyakarta

Mary Jane Veloso in traditioneller Kleidung während eines Feiertages in Yogyakarta

Veloso blieb den Angaben zufolge nur noch eine rechtliche Möglichkeit: eine richterliche Überprüfung. Doch das höchste indonesische Gericht wies am 25. März dieses Jahres den Antrag zurück, dass der Fall neu aufgerollt wird – das endgültige Todesurteil für Mary Jane Veloso.

Gemeinsam mit acht weiteren Verurteilten, darunter Australier, Brasilianer und Nigerianer, wurde die Frau wenige Tage vor dem geplanten Hinrichtungstermin in das Hochsicherheitsgefängnis auf der Insel Nusakambangan gebracht. Die acht anderen Verurteilten sind inzwischen tot – Veloso lebt.

"Mama wird leben"

"Wunder werden wahr", sagte Velosos Mutter Celia einem philippinischen Radiosender. Die beiden Söhne ihrer Tochter seien wach und riefen: "Ja, ja, Mama wird leben." Der philippinische Staatschef Benigno Aquino ließ erklären, sein Land sei Indonesien dankbar.

"Es ist ein Aufschub, keine Aufhebung", betonte ein hochrangiger indonesischer Offizier der "Jakarta Post" zufolge. Veloso soll nun als Zeugin in einem neuen Gerichtsverfahren aussagen. Maria Kristina Sergio – die Frau, die Veloso rekrutierte und sich nun der Polizei stellte – rettete Veloso das Leben. Fürs erste – denn nach Angaben von "CNN Philippines" soll Sergio verdächtigt werden, in mehreren Fälle von Drogenschmuggel den Auftrag erteilt zu haben. Im Fall der Philippinerin soll sie die Vorwürfe von sich gewiesen haben.

kis
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