"Die Ermittler wurden von der Aktualität eingeholt", verteidigt Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech die Ermittlungspanne beim Amoklauf von Winnenden. Im stern.de-Interview spricht er über die Psyche des Täters, das Waffenrecht in Deutschland und erste Ergebnisse aus der Vernehmung der Eltern.

Der Innenminister von Baden-Württemberg, Heribert Rech (CDU), verteidigt die Ermittlungspanne im stern.de-Interview© Lennart Preiss/DDP
Die Fragen nach dem Wie sind weithin beantwortet, bei der Frage nach Warum ist vieles noch unklar.
Wir haben gestern nur den aktuellen Stand der Ermittlungen mitgeteilt. Ermittlungen sind, während sie laufen, immer Momentaufnahmen. Insofern wurden die Ermittler von der Aktualität eingeholt.
Mit dem, was wir in seinem Zimmer gefunden haben, was seine Eltern und die Lehrer über ihn sagen, gewinnen wir das Bild eines sehr zurück gezogenen jungen Mannes, der auch schon einmal in psychiatrischer Behandlung war wegen Depressionen, der offenbar Probleme hatte, soziale Kontakte aufzubauen.
Das ist ungeklärt. Bei der Durchsuchung seines Zimmers wurde eine Bescheinigung im Blick auf seine Wehrtauglichkeit gefunden. Darin steht, dass er sich schon seit dem Jahr 2008 in psychiatrischer Behandlung befinde wegen Depressionen. Wir wissen dazu, dass er deswegen in einer Klinik in der Nähe von Heilbronn stationär behandelt worden ist. Diese Therapie sollte er beim psychiatrischen Krankenhaus in Winnenden fortsetzen. Das geschah nicht, weshalb, wissen wir noch nicht.
Das haben sie. Aber die Eltern waren schon nach relativ kurzer Zeit nicht mehr in der Lage, Fragen zu beantworten. Die Vernehmung musste abgebrochen werden. Das kann man nachvollziehen. Eine vertiefende Vernehmung wird stattfinden, wenn die Eltern wieder können.
Dass er ein sehr zurückgezogenes, isoliertes Leben geführt hat. Sie haben ihn häufig zum Tischtennis gefahren und wieder abgeholt. Nie ging er hinterher mit seinen Sportfreunden noch auf ein Bier.
Diese Frage muss die Staatsanwaltschaft klären. Nach dem Waffenrecht ist es schon so, dass Waffen und Munition absolut gesichert aufzubewahren sind. Es gab ja auch zwei Stahlschränke im Keller mit Zahlenschlössern. 15 Waffen hatte der Vater, eine war nicht gesichert, die lag im Schlafzimmer.
Er hatte in der Tat weit mehr als 200 Schuss Munition bei sich, Kaliber 9 mm, von denen er etwas über 100 abgefeuert hat. Wir vermuten, dass er sich diese Munition beschafft haben dürfte, weil er die Zahlenkombination der Stahlschränke kannte.
Wir haben bereits das schärfste Waffenrecht in Europa, aber es hat diese Tat in Winnenden nicht verhindert. Das Waffenrecht ist scharf genug. Was nützt es denn, wenn dann die eine Waffe nicht ordnungsgemäß gesichert ist vor Missbrauch.
Jeder Sportschütze muss wissen, dass er seine Waffe aufbewahren muss und wie das zu geschehen hat.
Genau so ist es leider. Das verbleibende Restrisiko können wir durch keine Verschärfung der Gesetze auf Null reduzieren.
Man muss darüber nachdenken. Aber ein Argument spricht dagegen: Wenn etwa das organisierte Verbrechen an einen dieser Räume denkt und ihn knackt, was man nicht ausschließen kann, dürfte der Schaden noch größer sein. Wir können diese Räume, die dann noch eine hohe Anziehungskraft haben, weil sie oft am Ortsrand oder im Wald liegen, doch nicht wie Hochsicherheitstrakte schützen.
Das scheint leider der Fall zu sein, wie man das jetzt auch in diesem aktuellen Fall beklagen muss. Die Zuverlässigkeit der legalen Waffenbesitzer muss daher auf jeden Fall noch erheblich gesteigert werden. Das setzt auch entsprechende Strafen voraus, wenn dies nicht der Fall ist. Eine hundertprozentige Sicherheit werden wir leider dennoch nicht erreichen.
Ich warne vor reflexartigen vorschnellen Forderungen, die aus der emotionell aufgeheizten Situation heraus formuliert werden. Jetzt steht anderes im Vordergrund.
Es muss zunächst alles getan werden, um die Betroffenen des jüngsten Amoklaufs zu stabilisieren. Die Kinder der Schule, die Lehrer, die Gemeinde stehen unter einem seelischen Schock. Auch die Einsatzkräfte bekommen Hilfestellung.