"Das Waffenrecht ist scharf genug"

13. März 2009, 11:58 Uhr

"Die Ermittler wurden von der Aktualität eingeholt", verteidigt Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech die Ermittlungspanne beim Amoklauf von Winnenden. Im stern.de-Interview spricht er über die Psyche des Täters, das Waffenrecht in Deutschland und erste Ergebnisse aus der Vernehmung der Eltern.

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Der Innenminister von Baden-Württemberg, Heribert Rech (CDU), verteidigt die Ermittlungspanne im stern.de-Interview©

Herr Minister, sind Sie den Antworten nach dem Wie und Warum des Amoklaufs von Winnenden, des zweiblutigsten der Nachkriegsgeschichte, näher gekommen?

Die Fragen nach dem Wie sind weithin beantwortet, bei der Frage nach Warum ist vieles noch unklar.

Es scheint allerdings eine schwere Panne gegeben zu haben. Die Bekanntgabe, dass Tim K. seinen Amoklauf im Internet angekündigt habe, war offensichtlich falsch.

Wir haben gestern nur den aktuellen Stand der Ermittlungen mitgeteilt. Ermittlungen sind, während sie laufen, immer Momentaufnahmen. Insofern wurden die Ermittler von der Aktualität eingeholt.

Wie sehen Sie die Persönlichkeit des Täters inzwischen?

Mit dem, was wir in seinem Zimmer gefunden haben, was seine Eltern und die Lehrer über ihn sagen, gewinnen wir das Bild eines sehr zurück gezogenen jungen Mannes, der auch schon einmal in psychiatrischer Behandlung war wegen Depressionen, der offenbar Probleme hatte, soziale Kontakte aufzubauen.

Die Behandlung wegen seiner Depressionen ist abgebrochen worden. Weshalb? Hat man die Eltern danach gefragt?

Das ist ungeklärt. Bei der Durchsuchung seines Zimmers wurde eine Bescheinigung im Blick auf seine Wehrtauglichkeit gefunden. Darin steht, dass er sich schon seit dem Jahr 2008 in psychiatrischer Behandlung befinde wegen Depressionen. Wir wissen dazu, dass er deswegen in einer Klinik in der Nähe von Heilbronn stationär behandelt worden ist. Diese Therapie sollte er beim psychiatrischen Krankenhaus in Winnenden fortsetzen. Das geschah nicht, weshalb, wissen wir noch nicht.

Die Ermittler müssen doch schon mit seinen Eltern darüber gesprochen haben.

Das haben sie. Aber die Eltern waren schon nach relativ kurzer Zeit nicht mehr in der Lage, Fragen zu beantworten. Die Vernehmung musste abgebrochen werden. Das kann man nachvollziehen. Eine vertiefende Vernehmung wird stattfinden, wenn die Eltern wieder können.

Was haben die Eltern bisher gesagt?

Dass er ein sehr zurückgezogenes, isoliertes Leben geführt hat. Sie haben ihn häufig zum Tischtennis gefahren und wieder abgeholt. Nie ging er hinterher mit seinen Sportfreunden noch auf ein Bier.

Trifft den Vater eine Mitschuld, weil er die eine Waffe, die sein Sohn benutzte, nicht auch im Waffenschrank weggeschlossen hatte?

Diese Frage muss die Staatsanwaltschaft klären. Nach dem Waffenrecht ist es schon so, dass Waffen und Munition absolut gesichert aufzubewahren sind. Es gab ja auch zwei Stahlschränke im Keller mit Zahlenschlössern. 15 Waffen hatte der Vater, eine war nicht gesichert, die lag im Schlafzimmer.

Aber woher hatte er die enorme Munitionierung? Auch aus dem Schlafzimmer?

Er hatte in der Tat weit mehr als 200 Schuss Munition bei sich, Kaliber 9 mm, von denen er etwas über 100 abgefeuert hat. Wir vermuten, dass er sich diese Munition beschafft haben dürfte, weil er die Zahlenkombination der Stahlschränke kannte.

Kann aus der Sicht eines Innenministers überhaupt etwas vorbeugend getan werden, um solche Amokläufe zu verhindern? Muss das Waffenrecht noch weiter verschärft werden?

Wir haben bereits das schärfste Waffenrecht in Europa, aber es hat diese Tat in Winnenden nicht verhindert. Das Waffenrecht ist scharf genug. Was nützt es denn, wenn dann die eine Waffe nicht ordnungsgemäß gesichert ist vor Missbrauch.

Vielleicht sollte das bei Sportschützen regelmäßig und unangekündigt kontrolliert werden. Beim Vater von Tim K. hätte man dann die Pistole im Nachttisch gefunden.

Jeder Sportschütze muss wissen, dass er seine Waffe aufbewahren muss und wie das zu geschehen hat.

Stimmen Sie der These zu, dass jedem, der sich in Deutschland illegal eine Waffe beschaffen will, dieses auch gelingt?

Genau so ist es leider. Das verbleibende Restrisiko können wir durch keine Verschärfung der Gesetze auf Null reduzieren.

Sollte man nicht beschließen, dass die enormen Waffenmengen von Schützenvereinen strikt in deren Räumen bleiben müssen?

Man muss darüber nachdenken. Aber ein Argument spricht dagegen: Wenn etwa das organisierte Verbrechen an einen dieser Räume denkt und ihn knackt, was man nicht ausschließen kann, dürfte der Schaden noch größer sein. Wir können diese Räume, die dann noch eine hohe Anziehungskraft haben, weil sie oft am Ortsrand oder im Wald liegen, doch nicht wie Hochsicherheitstrakte schützen.

Es ist bekannt, dass auch die legalen Waffenbesitzer längst nicht immer so sorgfältig mit ihren Waffen umgehen, wie es sein sollte.

Das scheint leider der Fall zu sein, wie man das jetzt auch in diesem aktuellen Fall beklagen muss. Die Zuverlässigkeit der legalen Waffenbesitzer muss daher auf jeden Fall noch erheblich gesteigert werden. Das setzt auch entsprechende Strafen voraus, wenn dies nicht der Fall ist. Eine hundertprozentige Sicherheit werden wir leider dennoch nicht erreichen.

Das klingt sehr resignativ für einen CDU-Innenminister.

Ich warne vor reflexartigen vorschnellen Forderungen, die aus der emotionell aufgeheizten Situation heraus formuliert werden. Jetzt steht anderes im Vordergrund.

Was?

Es muss zunächst alles getan werden, um die Betroffenen des jüngsten Amoklaufs zu stabilisieren. Die Kinder der Schule, die Lehrer, die Gemeinde stehen unter einem seelischen Schock. Auch die Einsatzkräfte bekommen Hilfestellung.

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KOMMENTARE (10 von 99)
 
Countryjoe (18.03.2009, 10:14 Uhr)
@lazarus06
Solche bornierten und aufgeblasenen Sprüche wie ihrer strotzen von Ahnungslosigkeit und Ignoranz! Wer keine Ahnung hat...
Countryjoe (18.03.2009, 10:12 Uhr)
Wahre Worte
Endlich mal vernünftige Aussagen eines Politikers! Meine Stimme hat er bei der nächsten Wahl!
doubelbarrelpete (15.03.2009, 15:31 Uhr)
freiheit
freiheit ist wenn man ohne grenzen existiert. Wir akzeptiern flugzeug unfaelle, autobahn raserei, krankheit etc etc.
War es nicht Hitler der wafeenbesitz verbot und dann das unbewaffnete volk diktaurisch gleichschaltete ?
Deutschland hat eine wundervolle geschichte des schuetzensports. Es waehre schade wenn das auch noch verboten wuerde.
Watschdog39 (15.03.2009, 12:14 Uhr)
Nachtrag
Die US -Army meldet eine deutlich erhöhte Zahl von Selbstmorden in den Reihen junger Soldaten.
Von Amok Läufen wird aber nicht berichtet. Wo bleibt da die Logik der Medien und der Politiker, eine verfügbare Waffe wird auch benutzt??
Und die Us-Army hat doch bei Gott Waffen genug und ein sehr laxes Sicherheitssystem was Waffen anbelangt.
Watschdog39 (15.03.2009, 12:10 Uhr)
Da wird, wie immer ,
das verkehrte Schwein geschlachtet. Es war nicht die Pistole, die den Jungen animiert hat. Wäre die nicht da gewesen und der Druck bei ihm groß genug, hätte er ein langes Küchenmesser genommen. Oder die Autoschlüssel der Eltern und wäre in eine Gruppe Schüler gerast.
Sich jetzt an der Waffe festzubeissen ist so typische Politiker und Medienart.
Da gab es doch mal einen Film"Full Metal Jacket".
Wenn der Druck zu groß wird und man sich mit den Zielen nicht identifizieren kann flieht man; wie auch immer.
Und wenn man die Chance hat nach dem Tode eine Menge Aufmerksamkeit zu erlangen nimmt man eine Menge Leute mit.
Die Presse wäre gut beraten bei Amokläufen nur über die Opfer zu berichten und kein Wort über den Täter; dann wird es für zukünftige Loser uninteressant noch andere zu töten. Sie machen ihren Tod dann im stillen Kämmerchen ab.
Erst die Nachahmung macht das so tragisch; und die Angst vor weiteren "Helden", die als Loser nicht leben wollen und dann, so denken sie mit Recht, im Tode unsterblich sind.
H.P. (15.03.2009, 09:14 Uhr)
@Lazarus06
Lazarus06, Du kannst mich gerne ein Ego- Arschloch nennen nur weil gerne geschossen habe, heute denke ich darüber anders. Egal was Du machst, Du bist immer das Arschloch, nur wer sind die, die sich an allem stören, die guten Menschen, die alles richtig machen, die Besserwisser, die nicht schnell Auto und Motorradfahren, die keine Killerspiele spielen, die nicht reich sein wollen weil das was schlechtes ist, die alles immer richtig machen wollen und sich dabei total überfordern und dann auf alles schimpfen und am Ende voller Hass und einem verbissenen Gesicht herumlaufen. Es recht zu machen jedermann ist eine Kunst die niemand kann!
Lazarus06, ich bin bestimmt kein Engel der alles richtig macht, was ich versuche ist halt die Menschen zu verstehen, es gibt nichts perfektes, auch nicht den perfekten Menschen, ich bin gerne unter Menschen, so kann ich lernen mit ihnen zu leben, auch mich selbst zu verändern!
Um einen anderen Menschen friedvoll zu stimmen – um seine Gedanken, seine Weltanschauung nachhaltig zu verändern –, müssen wir sein Herz berühren. Und das tun wir mit dem zartesten aller Gefühle: mit der Liebe. Mit ihr bereiten wir den Boden, auf dem Logik und intellektuelle Annäherung überhaupt erst gedeihen können.
Das alte Sprichwort „Liebe überwindet alle Hindernisse“ ist absolut wahr.
Denn Liebe überwindet sogar das feinste und stärkste Bollwerk, das wir kennen – den menschlichen Intellekt.
Die Liebe versagt nie.
1.KORINTHER 13:8
http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/pages/Wie_man_den_Feind_besiegt-823638.html
lazarus06 (14.03.2009, 23:33 Uhr)
Lebenslang fuer fuer den Aufgeblasenen Waffennarr
Immer das selbe,das kleine Ego wird durch viele und grosscalibrische Waffen kompenziert. Aus dieser Sorte Arschloecher rekrutieren sich die meisten Schuetzenvereine... ich kenne genug Beispiele.Waffen gehoeren nicht in Privathand und Privathaushalt egal ob Polizei,Jaeger oder " Sport Idiot Schuetze " .
H.P. (14.03.2009, 17:41 Uhr)
Studie zur Jugendgesundheit Immer mehr Kinder sind psychisch auffällig
Studie zur Jugendgesundheit
Immer mehr Kinder sind psychisch auffällig.
Beinahe jedes fünfte Kind in Deutschland zeigt Hinweise auf psychische Auffälligkeiten. Das ist das Ergebnis einer Kinder- und Jugendstudie, die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zusammen mit dem Robert-Koch-Institut vorgestellt hat. So gebe es bei 17,8 Prozent der Jungen und 11,5 Prozent der Mädchen Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten. Zu den häufigsten Problemen zählen die Experten emotionale Schwierigkeiten und Hyperaktivität.
Zehn Prozent der Kinder leiden laut Robert-Koch-Institut unter Ängsten, 7,6 Prozent unter Störungen des Sozialverhaltens und 5,4 Prozent unter Depressionen. Familiäre Schwierigkeiten und Armut sind der Studie zufolge die wichtigsten Risikofaktoren für Verhaltensauffälligkeiten. Längst nicht alle betroffenen Kinder würden behandelt.
http://www.tagesschau.de/inland/meldung31012.html
H.P. (14.03.2009, 17:20 Uhr)
@DasBertl
Hallo DasBertl,
wie ich schon sagte, ich wäre bereit diese Sportart freiwillig aufzugeben wenn es uns helfen würde, dass wäre schon mal einen Anfang, nur damit alleine ist es nicht getan, warum wird ein Mensch psychisch krank, vor allem ein junger Mensch?
Warum schießt ein junger Mensch mit brachialer Gewalt junge Menschen tot? All das ist nicht normal, all das hat eine Ursache, es ist unsere heutige Lebensweise und Erziehung, unser Stress und Überforderung. Wie viele Jugendliche sind heute psychisch auffällig, all das kannten wir früher nicht, wir haben uns geschlagen, doch wir kannten noch die Grenzen die man heute überschreitet und das kann einem Angst machen, wir ernten was gesät wurde, damit müssen wir heute leben oder wir wollen eine andere Welt, ich habe die Welt nicht so gewollt wie sie heute ist.
H.Brand (14.03.2009, 17:09 Uhr)
Schusswaffen gehören nicht in Privathand ...
Das derzeitige Waffenrecht ist scharf genug, meint der Herr Innenminister. Ich bin genau gegenteiliger Ansicht! -
Schusswaffen gehören nicht in private Hände, sondern nur in die Hände von staatlichen Sicherheitsleuten, Förstern und Jägern, sowie allenfalls geschäftlichen Sicherheitsdiensten.
Schießen als Sport könnte und sollte man verbieten. Es gibt genug andere Sportarten - wir brauchen keine Sportschützen.
Außerdem müsste der unerlaubte Waffenverkauf, Waffenerwerb und Waffenbesitz von Schusswaffen mit mindestens 10 Jahren Gefängnis geahndet werden. So ließen sich zwar nicht alle Probleme lösen, aber die Sicherheit erheblich erhöhen.
Die Taten, wie sie geschehen sind, lassen sich natürlich niemals absolut verhindern. Auch ohne Schusswaffen haben die Menschen schon immer Möglichkeiten gefunden, andere zu töten. Das Leben ist leider manchmal sehr grausam.
- Horst Brand - www.H-Brand.de
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