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29. April 2008, 06:27 Uhr

"Die Kinder haben kaum eine Chance"

Die Inzest-Tat von Amstetten ist ein schweres und ein schwer fassbares Verbrechen. Kann man die Handlungen des Täters überhaupt psychologisch erklären? Und was für Folgen erwarten die Opfer? Im stern.de-Interview nähert sich Familientherapeut Andreas Böhmelt dem Ungeheuerlichen.

Hinter den Fenstern dieses Hauses im niederösterreichischen Amstetten spielte sich das Inzest-Drama ab - über Jahrzehnte hinweg© Johannes Simon/Getty Images

Welche Persönlichkeitsstruktur hat der Täter?

Bei diesem Mann müssen mehrere Persönlichkeitsstörungen zusammenkommen. In der Psychiatrie wird für solche Charaktere der Fachbegriff "schwere andere seelische Abartigkeit" verwendet. In solchen Fällen beruht die seelische Fehlentwicklung auf einem schwachen Selbstwertgefühl und tief greifenden Persönlichkeitskonflikten, die durch Machtphantasien- und Größenwahnvorstellungen kompensiert werden sollen. Zu diesem ausgeprägten narzisstischen Verhalten kommt eine Triebstörung, eventuell gepaart mit sadistischen Zügen.

Der Vater hat seine perversen Phantasien ausgelebt. Da er anfing seine Tochter zu missbrauchen, als sie elf Jahre alt war, hat er sich dafür als Opfer das Familienmitglied ausgesucht, das am leichtesten verfügbar war. Als das Mädchen 18 Jahre wurde, sperrte er sie in den Keller ein, weil er befürchten musste, dass sie ihn verlässt.

Müssten solche Menschen nicht irgendwann auffallen?

Nein, ganz im Gegenteil. Narzissten sind oft charmant und einnehmend und deshalb auch in der Regel sehr gut gesellschaftlich integriert. Weil sie Macht über andere Menschen ausüben wollen, haben sie sehr gute Fähigkeiten, andere Menschen zu manipulieren und sie dazu zu bringen, sich für die Befriedigung ihrer Triebe und Bedürfnisse zu engagieren. In diesem Fall ist es dem Täter offenbar hervorragend gelungen, Nachbarn, Jugendamt und Polizei bezüglich dem Verschwinden seiner Tochter perfekt zu täuschen.

Wird ein solcher Täter jemals begreifen, was er getan hat?

Narzissmus ist eine Verhaltensform, die von den Betroffenen nicht reflektierbar und deshalb auch im Rahmen einer Psychotherapie kaum behandelbar ist. Narzissten suchen die Fehler immer im Gegenüber beziehungsweise in der Außenwelt. Es würde mich nicht wundern, wenn der beschuldigte Vater bei der Polizei aussagt, dass die Tochter selber Schuld an der Situation hatte, oder dass sie ihn provoziert hätte.

Wie ist das Verhalten der Ehefrau des Täters zu erklären, die die Mutter der eingekerkerten Tochter und die Großmutter der Kinder ist?

Narzissten wählen gerne Partnerinnen, die sehr abhängig sind und meinen, ohne den Mann nicht leben zu können. Der Narzisst fühlt sich dadurch in seinem Machtbestreben bestätigt. Die Ehefrau des Täters wird nach diesem Muster gelebt haben. Es ist nicht vorstellbar, dass sie nichts von dem Martyrium gewusst hat. Sie hat die grausame Situation vielmehr verdrängt. Sie wird sich eingeredet haben, dass der Ehemann seine Gründe dafür hat, so zu handeln und die Tochter eine Möglichkeit gefunden hat, damit umzugehen. Zugleich wird sie sehr starke Schuldgefühle gehabt haben.

Aber wie konnte diese Situation über so viele Jahre möglich sein?

Je länger solche Schuldgefühle anhalten, desto schlimmer wird es für die betreffende Person, sie überhaupt noch zuzulassen. Sie hat Angst, von der Situation überwältigt zu werden. Es gibt eine Reihe von Inzest-Fällen, wo die Ehefrau und Mutter dann doch nach einer gewissen Zeit eingreift, auch wenn sie es vielleicht am Anfang nicht getan hat. Aber das ist hier nicht passiert. Das ist schon ein sehr krasser Fall.

Nach vielen Jahren ist es der Tochter gelungen raus zu kommen, weil ihre Tochter ins Krankenhaus musste. Offenbar hat sie den Täter dazu überreden können.

Das ist sehr erstaunlich, zumal die Tochter körperlich und psychisch in einem sehr schlechten Zustand ist. Ich denke auch, dass es nicht die erste medizinische Krisensituation für die Tochter in all den Jahren war, schließlich hat sie alle ihre Kinder in dem Keller geboren. Es kann aber sein, dass es die erste Situation war, in der Todesgefahr für ein Familienmitglied bestanden hat. Ich halte es trotzdem für ein Wunder, dass der Täter es nach so langer Zeit zugelassen hat, dass seine Tochter ihr Mädchen in ein Krankenhaus bringen konnte.

Zur Person

Zur Person Dr. Andreas Böhmelt (45) arbeitet als psychologischer Psychotherapeut für das Rechtspsychologische Forum Münster. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist Missbrauch und Gewalt in Familien.

Ihre Meinung

Josef Fritzl hat seine schrecklichen Taten gestanden, jetzt liegt der Fall in den Händen der Justiz. Was halten Sie von der Tat und den Umständen? Wie konnte das Drama so lange unentdeckt bleiben?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (14)
Interview: Inga Niermann
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Anysi (01.05.2008, 22:47 Uhr)
@ecomoc4u
Es ist ohne Frage ein abscheuliches Verbrechen, das hier geschehen ist. Und es grenzt an ein Wunder, dass Menschen das überleben. Aber ich glaube schon, dass es keiner mitbekommen hat. Wissen Sie denn ganz genau, was jeder ihrer Nachbarn den ganzen Tag macht? Interessieren Sie sich dafür, was hinter geschlossenen Türen vorgeht? Und ich glaube nicht, dass so etwas nur in Österreich oder Belgien passieren kann.
Ich wünsche den Opfern alles erdenklich Gute für ihre Zukunft. Leider kann so ein Verbrechen durch keine Strafe der Welt wirklich gesühnt werden...
magic88wand (30.04.2008, 22:57 Uhr)
Stimme Herrn Böhmelt zu ...
... die Frau des Täters muss es gewusst bzw. die massenhaften Hinweise nach dem Motto verarbeitet haben „Da ist was Schreckliches im Gange, das nicht sein darf. Es ist so schrecklich, dass ich es gar nicht wissen will.“ Der Alte saß offenbar in den 70ern monatelang im Gefängnis wegen Vergewaltigung – nicht mitbekommen? Sie hat miterlebt, wie und wo das Verließ gebaut wurde – in 24 Jahren nie gefragt, wie es genutzt wird? Dann die Versorgungslieferungen, der Müll aus dem Verließ, das häufige Verschwinden des Ehemanns ... ganz zu schweigen von den Findelkindern. Dass es für den Klinikchef aufgrund der emotionalen Umarmung von Opfer und Täter-Ehefrau „ganz klar“ sei, dass Letztere nichts gewusst habe, hat wohl eher therapeutische Hintergründe ... er wird es besser wissen.
ecomoc4u (30.04.2008, 17:05 Uhr)
Alle haben alles gewusst.
Das ist das schlimme. Natürlich wusste seine Frau von seinem kranken Hobby. Bestimmt wussten auch die unmittelbaren Nachbarn davon, und viele mehr haben es wahrscheinlich geahnt.
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Keiner will 24 Jahre mitten in der Stadt was gewusst haben, lächerlich. Das glaubt nur ein Österreicher oder Belgier.
Frei_Talk (29.04.2008, 14:27 Uhr)
jedifreund82
Hallo
Doch. Ich habe im Zusamenhang mit Internet etc nicht das Verbrechen an sich gemeint. Wenn sie genauer lesen werden sie verstehen was ich meinte. Nämlich warum es niemand sah und bemerkte. Schon wieder nicht. Irgend etwas ist hier faul. Grundsätzlich. Und mit Schuld daran haben die neuen Medien. Da bin ich mir ganz sicher.
jedifreund82 (29.04.2008, 13:25 Uhr)
@Frei_Talk
Naja, ich würd mich nicht soweit aus dem Fenster lehnen und sagen das es an den genannten Dingen wie Internet, PC etc. liegt. Er hat seine Tochter vor 24 Jahren eingekerkert, da träumte man nichtmal von solchen Sachen. Also ein wenig sachlich bleiben und nicht alles verteufeln.
simie (29.04.2008, 11:40 Uhr)
@Georges13437
Haben Sie das Interview überhaupt gelesen? Wenn ja, wo wird der Vater als Täter dargestellt? Es wird eine Erklärung für das abnorme Verhalten geliefert - keine Entschuldigung.
dieMeinung (29.04.2008, 10:55 Uhr)
endlich sagt es auch...
ein Psychotherapeut, dass die Mutter davon gewusst hat. Fragt sie aus. Die soll raus mit der Wahrheit. Es wurde gesagt "Sie hat sich fürsorglich um die Kinder gekümmert" Klar - weil sie ein schlechtest Gewissen gehabt hat. Frauen (und natürlich unsere guten Männer) wacht auf, wir dürfen doch diese Ungeheuer nicht machen lassen, was sie wollen.
Xennia (29.04.2008, 10:47 Uhr)
Perverse lauern überall!
Amstetten ist ein besonders krasser Fall, aber Bestien mit narzistischer Persönlichkeitsstörung lautern überall, in der Familie und am Arbeitsplatz bringen sie fürchterliches Unheil und amüsieren sich selbst dabei köstlich.
Deshalb sollte dieser grauenhafte Fall eine Mahnung sein, perverse Menschen im eigenen Umfeld zu entlarven und die Menschen, die bereits ihre Opfer sind, aus den Manipulationen und dem Sadismus dieser schwerst Gestörten zu befreien.
Badmax (29.04.2008, 10:37 Uhr)
Hätte irgend jemand in Hollywood
es gewagt, einen Film über eine solche Tat zu drehen, man hätte diesen Film zerissen (Kritiker) und als B-Movie abgetan. Die schlimmsten Horror-Geschichten schreibt wohl noch immer das reale Leben.
Was ich mich gerade frage: Wieviele Menschen erleben jetzt gerade ein ähnliches Schicksal und wann wird diese abschäuliche Tat durch eine noch viel schlimmere in den Schatten gestell?
Frei_Talk (29.04.2008, 10:32 Uhr)
Traurig
Was soll man hier kommentieren? So schlimm das auch ist, ist es doch auch Teil des Menschen. Ob wir das wollen oder nicht. Es gab schon immer sehr schlimme Verbrechen und es wird sie immer geben, solange Menschen ihren Fuß auf diese Erde setzen. Sehr Traurig aber wahr...
Was anderes ist aus meiner Sicht die Frage warum es keiner bemerkt hat. Warum es nie jemand merkt. Und Das macht mir Angst. Liegt es vlt auch unserem modernen Leben? Die Kommunikation über Computer, Anträge über Computer, tägliche Überflutung der Sinnesorgane mit Sex, Gewalt und purer Dummheit. Abschaffung jeglicher Tabus. Das menschliche Leben verkommt dabei zu einem virtuellen Spiel, in dem jeder glaubt alles machen zu können. Und das ist nicht traurig aber wahr sondern traurig und änderbar. Oder hat die Dummheit und die Gewalt schon gewonnen?
 
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