Der plötzliche Tod von Michael Jackson hat die Verkäufe von "Jacko"-Produkten weltweit in astronomische Höhen schnellen lassen. Seine Alben besetzen wieder Spitzenpositionen in den Verkaufscharts. Mögliche Erben streiten bereits über den Nachlass, obwohl noch nicht einmal klar ist, wem der King of Pop überhaupt wie viel hinterlässt. Von Karsten Lemm

Die Marke Jackson scheint nach seinem Tod begehrter denn je© AFP
Wenn Könige sterben, sind in der Geschichte oft Erbfolgekriege ausgebrochen. Wer bekommt was und wie viel? Das scheint beim King of Pop nicht anders zu sein: Während Michael Jacksons Fans noch damit beschäftigt sind, mit Moonwalk-Marathons und Kerzen-Umzügen ihr Idol zu betrauern, streiten Angehörige und Gläubiger des vorige Woche verstorbenen Musikers bereits um seinen Nachlass. Um welche Summen es dabei geht, ist derzeit ähnlich ungewiss wie die Antwort auf die Frage, wer ein Anrecht auf die versammelten Besitztümer des einstmals weltgrößten Popstars hat. Sicher scheint nur: Die Gerichte werden Arbeit bekommen, und viele Anwälte werden gut verdienen - egal, wer am Ende das Erbe des Königs antritt.
Im Augenblick ist nicht einmal klar, ob der Musiker ein Testament hinterlassen hat. Jacksons Eltern haben beantragt, treuhänderisch als Erben eingesetzt zu werden, weil ihr Sohn ohne letzten Willen gestorben sei. Am Dienstag erhielten sie zumindest begrenzte Kontrolle über Gegenstände aus dem Besitz von Jackson und das vorrübergehende Sorgerecht für die drei Kinder.
Die Klatsch-und-Tratsch-Webseite TMZ.com, die sich schon mehrfach als gut informierte Quelle erwiesen hat, berichtete dagegen, es gebe sehr wohl ein Testament (mit bisher unbekanntem Inhalt). Mindestens ein Testament, denn andere Gerüchte, die durchs Netz schwirren, besagen, Jackson habe gleich mehrere Dokumente mit seinem mit seinem letzten Willen verfasst.
Den oder die Erben - wer auch immer es am Ende sein mag - erwartet keine angenehme Aufgabe: Zum einen muss geklärt werden, wer langfristig und dauerhaft das Sorgerecht für die drei Kinder erhält - Prince Michael junior, 12; Paris Michael Katherine, 11; und Prince Michael II, 7. Zum anderen versinkt das Imperium des früheren Pop-Regenten schon seit Jahren finanziell im Chaos: Obwohl Jackson zu den reichsten Männern der Musikwelt zählte, gelang es ihm fortwährend, mehr auszugeben, als er einnahm. "Er hatte den Ruf, ein Millionär zu sein, der wie ein Milliardär lebte", sagt Bill Werde, Chefredakteur der Branchenzeitschrift "Billboard".
Einkaufstouren, bei denen Jackson in wenigen Stunden Hunderttausende ausgab, verschlangen ebenso sein Vermögen wie Sammlungen von Bentleys und Rolls Royce, Schmuck und Gemälde sowie Luxusreisen mit Familie, Leibwächtern und dem Affen Bubbles. Das größte Geldgrab allerdings dürfte die "Neverland"-Ranch im kalifornischen Santa Barbara gewesen sein, die Jackson 1988 für knapp 15 Millionen Dollar kaufte. Der Unterhalt des zehn Quadratkilometer großen Anwesens mit Privatzoo, Eisenbahn und Rummelplatz, auf dem bis zu 150 Menschen beschäftigt waren, kostete jedes Jahr Millionen - zu einer Zeit, als Jacksons Karriere bereits ihren Zenit überschritten hatte.
Dazu kam ein ständiger Strom an Klagen: Ehemalige Finanzberater, Musikmanager, Video-Regisseure, Haushaltsangestellte, Anwälte, sie alle wollten am Reichtum des exzentrischen Königs teilhaben, indem sie ihn vor Gericht zerrten. 44 Millionen Dollar (derzeit etwa 31 Millionen Euro) verlangt allein eine ehemalige Managerin, weil Jackson angeblich Gewinne unterschlagen habe; 20 Millionen Dollar will eine Konzertagentur in New Jersey, die Jackson vorwirft, einen Vertrag gebrochen zu haben.
Teuer wurden für den Sänger mit der Fistelstimme, der als Kinderstar unter den Augen der Öffentlichkeit aufwuchs, die Vorwürfe, er habe Minderjährige missbraucht: 1993 einigte er sich mit den Eltern eines Jungen, dem er auf der Neverland-Ranch zu nahe gekommen sein soll, auf eine außergerichtliche Zahlung - angeblich in Höhe von mehr als 20 Millionen Dollar. Kurz nachdem Jackson in einer BBC-Dokumentation seine Beziehungen zu Teenagern als "unschuldig" verteidigt hatte, führten neue Missbrauchs-Vorwürfe zu einem monatelangen Prozess im Frühjahr 2005, der zwar mit Freispruch endete, aber ebenfalls Unsummen verschlang.
Trotz aller privaten Probleme erwies Jackson sich als schlauer Investor: 1985, als die Welt immer noch zu seinem Rekordalbum "Thriller" tanzte, legte er 47,5 Millionen Dollar auf den Tisch, um ATV Music zu kaufen - die Firma, der die Rechte an den Liedern der Beatles gehörten. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Alben ebenso wie Copyright-Zahlungen von Funk und Fernsehen brachten Jackson Jahr für Jahr ein Vermögen ein - bis er 1995, schon in Geldnöten, gezwungen war, sich mit Sony Music zu verbünden. Seitdem hielt er einen Anteil von etwa 50 Prozent an der Gemeinschaftsfirma Sony/ATV Music Publishing, unter deren Dach Künstler wie Lady Gaga, Savage Garden und Hannah Montana versammelt sind.