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29. November 2009, 17:54 Uhr

Ein höchst realer "Tatort"

"Er hat immer gesagt, ich muss raus", sagt ein Ex-Mithäftling des entflohenen Mörders. Die Nation verfolgt gebannt die Flucht zweier Verbrecher. Einer ist gefasst, der andere lässt weiter schaudern Von Frank Thomsen

Michalski, Heckhoff, Ausbruch, Verbrecher, Mülheim

Anspannung bei der Polizei: Der flüchtige Schwerverbrecher Michalski soll bewaffnet und skrupellos sein© Lennart Preiss/DDP

Für Freunde des Grusels bietet der Fall alles, was zu einem ordentlichen Krimi dazugehört: Zwei eiskalte und zu allem entschlossene Schwerverbrecher, die lebenslänglich sitzen, fliehen aus dem Knast, nehmen Geiseln, klauen Autos, hetzen durchs halbe Ruhrgebiet, Hunderte Polizisten hinter ihnen her, das Ganze immer wieder live im Fernsehen. Nach 60 Stunden wird der erste, ein gefährlicher Geiselgangster, gefasst, der zweite, ein Mörder, läuft weiter frei herum.

Doch die Flucht von Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski ist kein Krimi. Sie läuft seit dem 26. November vollkommen echt und brandgefährlich in Aachen, Köln, Essen und Mülheim ab.

Worüber redet man mit einem Mörder?

Und sie elektrisiert Menschen, die in der Öffentlichkeit sonst eher keine Rolle spielen würden. Ein solcher ist der Mann, von dem hier die Rede ist und dessen Name sicherheitshalber unerwähnt bleibt. Er saß vor ein paar Jahren mit dem flüchtigen Mörder und Räuber Peter Paul Michalski zusammen im Gefängnis. „Er hat immer gesagt: Ich muss raus“, erzählt der Ex-Knacki. Sein Anwalt habe ihm aber gesagt, vergiss es, wenn du rauskommst, dann mit 70, wenn du am Stock gehst.

Worüber redet man mit einem Mörder, wenn man ihm tagein, tagaus im Gefängnis begegnet? Fußball? Frauen? Für Michalski sei das alles kein Thema gewesen, viel zu lange – mit kurzen Unterbrechungen seit Anfang der 80er Jahre – habe er dafür schon im Gefängnis gesessen. Es sei immer nur um „draußen“ gegangen. Dabei habe Michalski keinen besonderen Eindruck auf ihn gemacht, berichtet der Ex-Mithäftling: „Er ist ein unscheinbares kleines Kerlchen.“ Mit Kraftsport habe Michalski versucht, wenigstens ein bisschen Muskeln aufzubauen.

Rücksichtslos und abgebrüht

Unscheinbar wirkt er, aber seine Taten weisen ihn als rücksichtslos und abgebrüht aus: Mit Peter Paul Michalski, 1,76 Meter groß, wacher Blick, hat ein Mann die Flucht angetreten, der sein erwachsenes Leben ganz überwiegend hinter Gittern verbracht hat. Raubüberfälle, Mord – immer wieder betonte die Polizei in den vergangenen Tagen, wie gefährlich und skrupellos der 46-Jährige ist.

Sein Komplize, mit dem er gemeinsam geflohen war und der am Sonntagvormittag von der Polizei in Mülheim gefasst wurde, ist ebenfalls ein „schweres Kaliber“. Michael Heckhoff, 50, der auf dem Fahndungsfoto so nett lacht, gilt als einer der gefährlichsten Geiselgangster Deutschlands. Auch er sitzt mit Unterbrechungen seit mehr als 25 Jahren im Gefängnis.

Michalski und Heckhoff – zwei Schwerverbrecher, denen das Leben nicht mehr viel zu bieten hat. Das Urteil für beide lautet „Lebenslänglich mit Sicherungsverwahrung“. Einen legalen Weg nach draußen, das wussten beide, würde es so schnell nicht geben für sie, vielleicht niemals. Sie entschieden sich für den illegalen.

Ihre Flucht entwickelte sich zu einem – höchst realen und für manchen Unbeteiligten ziemlich gefährlichen – „Tatort“ zur Adventszeit.

Seite 1: Ein höchst realer "Tatort"
Seite 2: Unbehelligt nach draußen spaziert
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Sternchen2020 (30.11.2009, 08:59 Uhr)
@sophia7519: nein!
So eine argumentation respektiere ich nicht. es ahdentl sich auch eher um den öffentlichen Erfolgsdruck, der die Akteure dann zu einem hysterischen, bzw..zu schnellen Handeln bringt. Dabei wäre das Gegenteil zielführender und würde dann auch weitgehend ausschalten, versehentlich Unschuldige zu belästigen.

Nach der medialen Hatz hier wir der Schwerbrecher wohl auch minütlich agressiver. Ob das zielführend ist und die Bevölkerung besser schützt, ist dann ja auch noch die Frage. Der Typ steht garantiert kurz vor dem Durchdrehen. Hoffen wir, dass jetzt nicht noch wirklich Schlimmes passiert.
peterpan1001 (30.11.2009, 00:11 Uhr)
wie blöd muss man sein
wie die 2 deppen hier
ist doch klar daß die 2 nicht weit kommen.
aber die brauchen nur noch 5 jahre zu warten, dann ist staatsbankrott, dann wird sich einiges ändern, dann kommen auch viele knackies frei.
sophia7519 (29.11.2009, 22:29 Uhr)
@sternchen: Wo gehobelt wird, da fallen Späne
Da die Gefängniswärter ihre Insassen bei zunehmender Kritik am Tagesablauf nicht einfach vor fünf fest verschlossene Türen an die frische Luft setzen können, gilt auch hier der seit Bader-Meinhoffs Zeiten in Deutschland festverwurzelte Grundsatz: Jeder Unschuldige dessen auffälliges Benehmen oder Ähnlichkeit Verdachtsmomente bei den die Schuldigen Verfolgenden freisetzt, handelte zumindest in der festen Absicht, Unschuldige nie verfolgende Strafverfolger bewusst in die Irre zu leiten. Den Staatsorganen ist daher nichts vorzuwerfen !
Sternchen2020 (29.11.2009, 21:05 Uhr)
Vergleiche
real existenter Verbrechen mit Inhalten eines Tatorts halte ich für nicht gerade sinnvoll.

Im Rahmen der realen Fahndung der realen Verbrecher ist übrigens vorübergehend ein Unschuldiger festgenommen worden. Mit welchen Methoden, kann jeder ahnen, mit welchen Folgen wohl auch. Möglicherweise wird er Betroffene ein Leben lang unter diesem schrecklichen Ereignis leiden.

Warum wird darüber nicht diskutiert sondern es nur am Rande ganz sachte erwähnt?
joergely (29.11.2009, 21:02 Uhr)
In diesem Fall
hat die Polizei bewusst den Weg der öffentlichen Fahndung gewählt, weil er einfach die meiste Erfolgsaussicht verspricht.
Ich als Polizist danke dem Stern für die Unterstützung!
PS: Foto wäre noch schön gewesen!
bob-der-meister (29.11.2009, 19:30 Uhr)
man weiß es nicht...
aber felicidad bringt es insgesamt schon ganz genau auf den Punkt mit der Abstumpfung gegenüber den vielen subjektiv wahgenommenen Gefahren.
Hoffentlich wiederholen Polizei und Presse nicht auch noch wieder dieselben Fehler wie bei den Gladbecker Gangstern bzw. dem Fall von 1996 und bringen durch die ganze Sensationsberichterstattung viel mehr Menschen in Gefahr.
facilidad_de_ser (29.11.2009, 18:59 Uhr)
Gut geschrieben Frank Thomsen!
Sie haben echt das Beste aus dem Stoff gemacht, manchmal langt aber selbst das Beste nicht aus, um zu überzeugen.

Verbrecher gibt es überall auf der Welt, wieso uns gerade diese beiden Dauergrinser Kopfschmerzen bereiten sollten, bleibt auch nach diesem Artikel leider unklar.

Das Problem ist doch, dass wir durch die unendlich vielen "Terrorristen", die uns täglich bedrohen, schon so abgestumpft sind, dass so ein Artikel an uns abperlt, wie Wasser an einem gutgewachsten Auto.
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