"Er hat immer gesagt, ich muss raus", sagt ein Ex-Mithäftling des entflohenen Mörders. Die Nation verfolgt gebannt die Flucht zweier Verbrecher. Einer ist gefasst, der andere lässt weiter schaudern Von Frank Thomsen

Anspannung bei der Polizei: Der flüchtige Schwerverbrecher Michalski soll bewaffnet und skrupellos sein© Lennart Preiss/DDP
Für Freunde des Grusels bietet der Fall alles, was zu einem ordentlichen Krimi dazugehört: Zwei eiskalte und zu allem entschlossene Schwerverbrecher, die lebenslänglich sitzen, fliehen aus dem Knast, nehmen Geiseln, klauen Autos, hetzen durchs halbe Ruhrgebiet, Hunderte Polizisten hinter ihnen her, das Ganze immer wieder live im Fernsehen. Nach 60 Stunden wird der erste, ein gefährlicher Geiselgangster, gefasst, der zweite, ein Mörder, läuft weiter frei herum.
Doch die Flucht von Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski ist kein Krimi. Sie läuft seit dem 26. November vollkommen echt und brandgefährlich in Aachen, Köln, Essen und Mülheim ab.
Und sie elektrisiert Menschen, die in der Öffentlichkeit sonst eher keine Rolle spielen würden. Ein solcher ist der Mann, von dem hier die Rede ist und dessen Name sicherheitshalber unerwähnt bleibt. Er saß vor ein paar Jahren mit dem flüchtigen Mörder und Räuber Peter Paul Michalski zusammen im Gefängnis. „Er hat immer gesagt: Ich muss raus“, erzählt der Ex-Knacki. Sein Anwalt habe ihm aber gesagt, vergiss es, wenn du rauskommst, dann mit 70, wenn du am Stock gehst.
Worüber redet man mit einem Mörder, wenn man ihm tagein, tagaus im Gefängnis begegnet? Fußball? Frauen? Für Michalski sei das alles kein Thema gewesen, viel zu lange – mit kurzen Unterbrechungen seit Anfang der 80er Jahre – habe er dafür schon im Gefängnis gesessen. Es sei immer nur um „draußen“ gegangen. Dabei habe Michalski keinen besonderen Eindruck auf ihn gemacht, berichtet der Ex-Mithäftling: „Er ist ein unscheinbares kleines Kerlchen.“ Mit Kraftsport habe Michalski versucht, wenigstens ein bisschen Muskeln aufzubauen.
Unscheinbar wirkt er, aber seine Taten weisen ihn als rücksichtslos und abgebrüht aus: Mit Peter Paul Michalski, 1,76 Meter groß, wacher Blick, hat ein Mann die Flucht angetreten, der sein erwachsenes Leben ganz überwiegend hinter Gittern verbracht hat. Raubüberfälle, Mord – immer wieder betonte die Polizei in den vergangenen Tagen, wie gefährlich und skrupellos der 46-Jährige ist.
Sein Komplize, mit dem er gemeinsam geflohen war und der am Sonntagvormittag von der Polizei in Mülheim gefasst wurde, ist ebenfalls ein „schweres Kaliber“. Michael Heckhoff, 50, der auf dem Fahndungsfoto so nett lacht, gilt als einer der gefährlichsten Geiselgangster Deutschlands. Auch er sitzt mit Unterbrechungen seit mehr als 25 Jahren im Gefängnis.
Michalski und Heckhoff – zwei Schwerverbrecher, denen das Leben nicht mehr viel zu bieten hat. Das Urteil für beide lautet „Lebenslänglich mit Sicherungsverwahrung“. Einen legalen Weg nach draußen, das wussten beide, würde es so schnell nicht geben für sie, vielleicht niemals. Sie entschieden sich für den illegalen.
Ihre Flucht entwickelte sich zu einem – höchst realen und für manchen Unbeteiligten ziemlich gefährlichen – „Tatort“ zur Adventszeit.