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31. Dezember 2010, 18:55 Uhr

Chiles gebrochene Helden

Millionen fieberten mit den verschütteten Kumpels mit, die in Chile unter Tage gefangen waren. Ihre Rettung wurde gefeiert, doch die Helden haben noch immer mit ihren Erlebnissen zu kämpfen. Von Andreas Albes

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Die Sonnenbrille soll ihn vor dem Tageslicht schützen: Bergarbeiter Mario Sepulveda Minuten nach seiner Rettung© Martin Bernetti/AFP

So richtig konnte sich wohl niemand im Camp der Angehörigen und Journalisten vorstellen, was sich im eingestürzten Schacht der Mine von San Jose abspielte. 700 Meter unter der staubigen Erde der Atacama-Wüste warteten die 33 verschütteten Bergleute in Finsternis bei Temperaturen von 35 Grad auf ihre Rettung - wochenlang. Währenddessen wuchs über ihnen die Zahl der Kameraleute und Reporter von Tag zu Tag auf mehr als 1000 an.

Zelte wurden aufgebaut, Wohnwagen und Dixi-Klos angekarrt. Mit jeder Minute, in der die Bergung der chilenischen "Mineros" näher rückte, stieg die Stimmung. Auch bei den Familien. Südamerikanische Popstars kamen, gaben Konzerte und Autogramme, Clowns hielten die Kinder bei Laune. Das chilenische Fernsehen ließ Verwandte der Verschütteten in der Sendung "Wer wird Millionär?" auftreten. Dessous-Firmen schickten Vertreter ins Camp, die den wartenden Frauen Höschen und BHs schenkten. Das erste Wiedersehen sollte auch erotisch unvergesslich werden.

Perfektes Happy End?

Vor allem die regelmäßigen Video-Botschaften der Gefangenen befeuerten die Euphorie. In den kurzen Filmchen präsentierten sich die Kumpel in bester Laune. Ihr Anführer Mario Sepulveda war der Star. Mit seinen lockeren Sprüchen in die Kamera brachte er es zu weltweiter Berühmtheit. "Supermario" titelten die Zeitungen.

Der Tag der Rettung kam Mitte Oktober. Und wie erhofft wurden alle Eingeschlossenen bei bester körperlicher Gesundheit geborgen. Von Grönland bis Australien konnten Fernsehzuschauer die Szenen live miterleben. Es schien, als würde das Happening aus dem Camp, dem irgendwer den Namen "Esperanza" (Hoffnung) gegeben hatte, ewig weitergehen. Sogar über eine TV-Karriere von Mario Sepulveda wurde spekuliert. Die chilenische Regierung organisierte Empfänge und ehrte ihre Helden. Die "33" waren nun das Symbol der Stärke eines ganzen Landes. Nichts sollte den Eindruck eines perfekten Happy Ends zerstören.

Verängstigt und in sich gekehrt

Doch in den 69 Tagen Gefangenschaft hatten sich die Welten derer da unten und jener da oben weit voneinander entfernt. Die wenigen Bergarbeiter, die nach ihrer Rettung überhaupt bereit waren, öffentlich zu reden, kehrten als verängstigte, in sich gekehrte Männer zurück. "Supermario" Sepulveda gehörte gar zu jenen, die am längsten im Krankenhaus behandelt werden mussten. Er war zusammengebrochen und reagierte aggressiv auf Ärzte und Schwestern. Schwere Depressionen diagnostizierten die Mediziner und verschrieben ihm Medikamente, die seinen Geist ruhig stellten. So ging es vielen Mineros. Kaum einer war in der Lage, länger als zwei Stunden am Stück zu schlafen.

Die Männer hofften, wenigstens im Kreis ihrer Familien Verständnis und Kraft zu finden, um den 69 Tage dauernden Albtraum hinter sich zulassen. Doch auch in vielen Familien gab es Streit. Die Angehörigen wollten oder konnten nicht verstehen, warum Chiles neue Nationalhelden ihren Ruhm nicht einfach genossen und ihre Bekanntheit mit Fernsehauftritten in Reichtum verwandelten.

Von Andreas Albes
 
 
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