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31. Dezember 2010, 12:53 Uhr

Vom Tag, als Schafe und Ziegen den Castor stoppten

Vier Tage lang tobte im Wendland der Widerstand gegen den Castortransport nach Gorleben. Mit dabei: 1200 zu allem entschlossene Schafe und 50 Ziegen aus Grippel. Eine wahre Geschichte. Von Manuela Pfohl

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Auch diese beiden Schafe sollen zur Herde gehören, die stundenlang die Castorstrecke bei Grippel blockierte und sogar Wasserwerfern trotzte.© DPA

Grippel? Wo zum Teufel liegt denn Grippel? Im Gasthaus Wiese, in Gedelitz, kurz vor Gorleben, herrscht Aufregung. Ein Handy hat gemeldet, dass in Grippel gerade die Lage eskaliert. Es ist der 8. November, gegen 14 Uhr. Über kurz oder lang soll der Castortransport keine zwei Kilometer vom Wirtshaus entfernt das Zwischenlager erreichen. Tag drei der Massenproteste gegen den Atommülltransport. Wieses kleine Kneipe ist gerammelt voll, denn hier macht der Widerstand Pause, bevor er quer durch den Wald zur Straßenblockade zieht. Die neuesten Infos vom Protest gibt’s im Minutentakt per sms. Wie eben die von Grippel, in der die versammelte Mannschaft lesen kann, dass "die Bullen total ausrasten".

Entsetzen in der Wirtsstube. Ein paar Jungs wollen sofort hin. Verteidigen, was es zu verteidigen gibt und sich den Aktivisten anschließen, die dort vor Ort womöglich gerade um ihr Leben kämpfen. Ein Rückruf soll Einzelheiten erforschen und klären, was erforderlich ist. Doch das Telefonnetz ist mal wieder zusammengebrochen. Wenn die Unterstützung für die bedrängten Kämpfer noch halbwegs rechtzeitig kommen soll, müssen die Jungs sofort los. Mütze, Schal, Rucksack. Ernste Miene, die Gefahr im Blick. "Wir melden uns, wenn wir mehr wissen." Die, die zurückbleiben, nicken. "Passt bloß auf euch auf."

Wasserwerfer gegen Ziegen

Nachrichtenagenturen melden, im Wendland seien mehrere hundert gewaltbereite Autonome unterwegs. Ein konservativer Politiker fürchtet im Radiointerview, dass es Tote geben könnte. Angst macht sich breit.

Stunden später ist Grippel tatsächlich im Fernsehen: Zwischen kleinen Backsteinhäuschen, matschigen Äckern, einem holprigen Feldweg und einer Scheune sind Mannschaftswagen der Polizei im zuckenden Blaulicht zu sehen. Die Beamten haben ihre Helme aufgesetzt und eine Kette gebildet. Ihr Einsatzleiter spricht hektisch in sein Funkgerät. Wasserwerfer sind in Stellung gebracht. Auf der anderen Seite der offenbar zu allem entschlossene Gegner: 1200 Schafe und 50 Ziegen. Die radikale Herde hat die Straße blockiert, über die der Castor rollen soll und lässt sich von der schwer bewaffneten Polizeipräsenz nicht im Geringsten beeindrucken. Auch die Schäferin ist verzweifelt: "Die Viecher machen einfach was sie wollen", sagt sie hilflos in die Kamera. Die ungenehmigte Blockade habe mehrere Stunden gedauert, erklärt eine Nachrichtensprecherin. Erst dann sei es den Beamten gelungen, die Herde auf den angrenzenden Acker abzudrängen. Die Nerven liegen blank.

Null Toleranz für schwarze Schafe

Es ist Nacht und im Gasthaus Wiese wird langsam das Bier knapp, als Polizeibeamte, darunter die Beweissicherungseinheit aus Oldenburg und die 5. Einsatzhundertschaft aus Göttingen, mehrere Bauernhöfe in Grippel und zwei Nachbardörfern stürmen. Etliche Scheunengebäude werden durchsucht. Doch die Razzia ist erfolglos. In keinem einzigen Stall wird belastendes Material gefunden. Am nächsten Tag erklärt die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) die Deeskalationsstrategie der Polizei für gescheitert. DPolG-Chef Rainer Wendt sagt der Neuen Osnabrücker Zeitung, der Staat habe sich von den Atomkraftgegnern "peinlich vorführen lassen". Es habe massenhaft ungeahndete Gesetzesverstöße gegeben. Wendt fordert für die Zukunft eine Null-Toleranz-Strategie für sämtliche schwarze Schafe.

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Von Manuela Pfohl
 
 
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