Lautes Schweigen in Großburgwedel

14. September 2012, 13:35 Uhr

Bettina Wulffs Innenansichten sind DAS Medienthema. Auch im Heimatort der ehemaligen First Lady wird das Buch beworben. Ein Streifzug durch Großburgwedel. Von Sophie Albers

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"Jenseits des Protokolls" verkaufte sich in Großburgwedel am ersten Tag 13 Mal©

Wenn Bettina Wulff dieser Tage aus dem Haus des Anstoßes "ins Dorf" fährt, was in Großburgwedel bedeutet, dass sie zum Einkaufen zwei Minuten zur Fußgängerzone radelt, hat sie auf Höhe der Kirche eine Begegnung mit sich selbst: 15 Mal blickt sie ins eigene tragische Gesicht, das seit Mittwoch als Cover und Plakat das linke Schaufenster der Buchhandlung Böhnert einnimmt. Die einzige Buchhandlung im Ort, Generationen von Burgwedelern haben dort ihre Schulhefte und -bücher erstanden. Auch Bettina Wulff, als sie noch Körner hieß. Auch ihr Sohn.

Was sie wirklich denkt, wenn sie sich in der Heimat so öffentlich und ansehnlich samt Schultertattoo leiden sieht, werden wir wohl nie erfahren. Aber die Burgwedeler kann man fragen, deren Kleinstadt - traditionell CDU und angeblich eine der "reichsten Gemeinden Europas", wie hier jedes Kind dahersagen kann - ein bisschen zur Zirkusmanege geworden ist, seitdem Bettina in den Ort ihrer Kindheit zurückgekehrt ist und Christian Wulff mitgebracht hat. Der friedliche Lührshof, der nun auch metaphorisch eine Sackgasse ist, mutierte zum Paparazzi-Ziel, in dem spätestens seit Wulffs Bundespräsidentschaft auch seriöse Journalisten das "spießige" Einfamilienhaus begutachten, dessen Finanzierung der Anfang vom Ende war.

Kaffeeklatsch und Doppelkopf

Zuerst waren die Burgwedeler stolz auf ihren "Christian", den Ministerpräsidenten, der so nett und unverstellt "durchs Dorf" und über den Donnerstag-Markt schlenderte, der immer freundlich grüßte, der diesen wohlsituierten, konservativen Niedersachsen einfach gut ins Selbstbild passte. Als er Präsident wurde, gab es ein paar Beschwerden, weil ein Präsident ja bewacht werden muss, und die Nachtruhe im Lührshof von An- und Abfahrt der Aufpasser gestört wurde. Aber Sicherheit muss ja sein, und Bettina radelte vor dem Umzug nach Berlin immer noch natürlich lächelnd zum Supermarkt.

Als Christian Wulff dann fiel, fiel er tief, aber Burgwedel hielt zu ihm im Februar 2012. Viele wollten mit den rasenden Reportern nicht reden, wer es dennoch tat, galt als "Zugezogener". Hier hält man gegenüber Fremden die Klappe und denkt sich seinen Teil, da ist man zuweilen geradezu hanseatisch. Aber hinter vorgehaltener Hand kursierten Gerüchte, bei Kaffeeklatsch und Doppelkopf wurden Schuld und Sühne verhandelt. Das Schicksal der Wulffs war Thema Nummer eins, wenn sich auch alle einig waren, dass man sie gefälligst in Ruhe lässt. Schließlich ist Bettina von hier. Das bringt Interesse mit sich, aber auch Loyalität.

Richtig fieser Tratsch

Und nun, da die Ex-First Lady ihre sehr persönliche Sicht der Dinge ausgebreitet hat? In der Buchhandlung Böhnert hat Bettina auch einen Platz an der Werbewand "Im Gespräch". Unter Eckart von Hirschhausens neuesten Lebensweisheiten und Hans Peter Schütz' Schäuble-Biografie. Groß war das Interesse an "Jenseits des Protokolls" am ersten Verkaufstag nicht. "13 Bücher" seien am Mittwoch über die Theke gegangen, sagt Filialleiterin Heike Zielinski. "Wir wurden nicht überrannt." Aber die Nachfrage werde sicher noch größer, den ganzen Journalisten nach zu urteilen, die wegen des Buches kommen. Da sei ja einiges geplant. Allerdings könne sie sich auch vorstellen, dass die Leute das Buch nicht kaufen, weil die Medien eh bis ins Detail berichten. "Da braucht man es nicht mehr zu lesen", so Zielinski. Aber wer hat Bettina Wulffs Buch denn nun gekauft? "Vor allem alte Damen von hier, die Mitleid mit den Kindern haben."

Und tatsächlich. Die Kommentare "im Dorf" sprechen von diesem Mitleid. Einige haben sich auf die Seite von Christian Wulff geschlagen, der "echt schlecht" aussehe, wie Eltern berichten, die ihn sehen, wenn er seinen kleinen Sohn zur musikalischen Früherziehung bringt. Größer ist allerdings das Desinteresse: Die gut informierten Quellen der Kleinstadtgemeinschaft zeigen sich regelrecht erstaunt über das mangelnde Redebedürfnis. Das Buch sei einfach kein Thema. "Wir haben uns im Februar genug aufgeregt", heißt es. Das sei jetzt nur noch ein Aufguss. Kritik kommt vereinzelt, eben weil Bettina Wulff sich nicht an das "Man hält die Klappe und denkt sich seinen Teil" gehalten hat. Das Wort "privat" hat in dem Ort mit den gepflegten Gartenzäunen große Bedeutung.

Natürlich gibt es auch den richtig fiesen Tratsch. Höhepunkt sind Spekulationen über eine mögliche Trennung der Wulffs. Hat sie mit ihrem Buch den Bogen überspannt? Starke, selbstständige Frauen sind nicht jedem Burgwedeler willkommen. Aber wo sind sie das schon.

Sicher ist bisher nur eine Trennung: Die Tage des Bettina-Wulff-Fensters im Buchladen sind gezählt. "Nach einer Woche wird umdekoriert", sagt die Buchhändlerin. "Der Ken Follett liegt hier schon." Dann muss Bettina Wulff sich auf dem Weg "ins Dorf" wenigstens nicht mehr leiden sehen.

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