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9. Oktober 2008, 13:56 Uhr

In den Straßen von Moabit

Als kleine Jungen waren sie gut in der Schule. Sie wollten Arzt werden, Richter oder Astronaut. Dann wurden sie junge Männer und entdeckten, dass Respekt anscheinend wichtiger ist als Lernen und Beruf. Aber niemand respektierte sie. Und heute? Heute wissen sie nicht weiter, sind arbeitslos, vorbestraft. Die Geschichte von Khaled, Hamad Sherif, Rams und Sonu, die sich nicht "Gang" nennen, sondern "Familie". Von Jan Rübel

Anmarsch: Rams, Sonu, Khaled und Hamad Sherif© Leon Kahane

Khaled sagt: "Da hat der Teufel mit mir gespielt." Hat ihm einen Schlagring auf die rechte Hand gesteckt und ihn hinabgeschickt: Drei Treppenstufen auf einmal, Khaled flog über sie hinweg, der Kopf klopfte, das Herz auch. Noch im Schwung holte Khaled aus, schon beim ersten Schlag platzte Mehmets (Name von der Redaktion geändert) Hinterkopf auf, halb drehte er sich um, da stieß Khaleds glitzernde Faust in seine Nase. Mehmet fiel gegen eine Werbevitrine voller Bücher. Durch ihr Glas fraß sich ein Riss.

Khaled und Mehmet, in den Katakomben standen sie sich gegenüber, die Augen weit geöffnet. Zuerst waren sie nur Rivalen, hatten sich kritisch beäugt, Wochen später beleidigten Worte die Ehre der Familie. Und nun der Ausbruch. Khaled keuchte, Blut tropfte auf den Betonboden. Mehmet hielt sich den Kopf und rannte weg. Khaled schaute ihm nach, "ich war wie gelähmt, Mann!" Irgendjemand zog ihn schließlich weg, hinaus ans Tageslicht und in ein Auto, schnell davon.

Khaled zündet sich eine Zigarette an. In der Ecke im Halbdunkel liegen leere Eisteekartons, auf dem Glastisch stehen volle Aschenbecher. Über die Schlägerei in der Birkenstraße will er nicht mehr sprechen, hier, in ihrem Reich: eine Minivan-große Bude inmitten von Kellerparzellen für 120 Euro im Monat, unter dem Bahnbett am Hansaplatz. Hier chillen Khaled, sein Bruder Hamad Sherif, Sonu und Rams, der gerade an die Stahltür klopft: "Was ist los, Brüder?" - "Assalamu alaikum." Sie umarmen sich, klopfen Schultern und lächeln. Rams hat miese Laune heute, er musste früh raus, Spielplatzfegen als Jugendstrafe für eine Schlägerei.

Migrantenkinder in den Schlagzeilen

Rams, Khaled und Hamad Sherif sind kurdische Libanesen, Sonu ist Deutsch-Inder; alle sind in Berlin geboren, um die 19 und gehören zu den jungen Männern, die oft die Schlagzeilen beherrschen. Erst prügeln Migrantenkids in München einen Rentner halb tot und müssen für viele Jahre ins Gefängnis. Dann veröffentlicht die Berliner Polizei eine Statistik, nach der die Zahl der Gewalttaten von Einwandererkindern ungemein hoch ist. Rams steht auf. "Ich scheiße auf die deutschen Politiker", sagt er, "die sehen nur Statistiken, Mann, die sind doch alle Opfer." Soll heißen: Die sind schwach, weinerlich und wenig entspannt, in einem Satz: der Straße kaum gewachsen.

Khaled und sein Cousin Rams überqueren den Hansaplatz, die Kapuzen tief im Gesicht. Gegen beide zusammen sind mehrere Dutzend Anzeigen erstattet worden, wie viele genau, wissen sie nicht. Die meisten wegen Körperverletzung. Auf dem Weg nach Alt-Moabit weichen die Hochhäuser um den Hansaplatz verwaschenen Altbauten, eng aneinandergeschmiegt wie in einer Bucht. Die Makler werben hier mit "Wohnen am Bundeskanzlergarten". Dass es im Hinterhof der Macht in Moabit West eine Arbeitslosenquote von 25 Prozent gibt und rund ein Drittel der Bewohner Einwanderer sind, schreiben sie in ihren Prospekten nicht. Auch kaum, wie günstig man in Moabit säuft. "Jeder zweite Schnaps gratis bis 12 Uhr", steht auf einem Kneipenfenster.

Khaled und Rams schlendern die Turmstraße hinab. Dabei behalten sie die vielen Passanten im Blick, als erwarteten sie jederzeit etwas Unvorhergesehenes. Die Strafe von heute Morgen, sagt Rams, sei ungerecht gewesen. "Ich hab nichts gemacht, ehrlich, Mann." Mit Freunden war er vor zwei Jahren bei der Einweihungsfeier des Hauptbahnhofs gewesen, ein Betrunkener habe wohl einen anderen angemacht und dafür eine Backpfeife kassiert, sagt er. "Aber nicht von mir." Ein Polizist jedoch will Rams erkannt haben. Vor dem Richter hatte er keine Chance. So ist es, wenn man die Aussage verweigert, keinen Anwalt, aber Vorstrafen hat.

Schicksal eben

"Die Justiz spricht Recht nach Laune", da ist Rams sicher. Er erzählt von seinem Sündenregister, als gäbe es kein Entkommen, Schicksal eben. Vor ein paar Jahren sah er im Staat noch nicht die "anderen", mit denen man nicht spricht. Mit zwölf gehörte er zu den Klassenbesten, wollte Arzt werden. Hamad Sherif wollte damals Richter werden, Khaled Diplomkaufmann und Sonu Astronaut. Alle vier hatten gute Noten, sie gingen gerade auf die Realschule und hatten das Gymnasium im Blick, da passierte etwas. Rams: "Ich sah, wie man ältere Jungs respektierte, die hingen alle in Gangs ab." Khaled: "Ab der siebten Klasse muss man sich beweisen - nicht in der Schule, sondern vor ihr, auf der Straße."

An einem Schnellimbiss passieren die beiden eine Gruppe Kapuzenpulliträger: breite Schultern, finsterer Blick, ausgestreckte Hand; wie im Spalier klatschen Khaled und Rams die vier ab und gehen wortlos weiter. "Siehst du", sagt Khaled, "das wollte ich damals: auf der Straße mit Handschlag begrüßt werden." Eine Geste des Respekts halt. Respekt. Achtung.

Mit der Schule konnte man nicht prahlen in ihrer Welt. Mit einer Narbe am Hinterkopf schon. Und alle vier stürzten sich in ein Geflecht archaischer Faustkämpfe um Ehre und Ansehen. Weil das viele um sie herum so machten. Und weil sie sich darin gefielen. Es war so einfach. "Wenn du einen Kampf verlierst, bist du ein Hund", sagt Khaled über früher. "Dann hast du keine Mauer mehr, keinen Schutz, und alle schauen auf dich herab." Schlage, um nicht geschlagen zu werden. Ehre ist eine Burg.

Stark entwickeltes Männlichkeitsbewusstsein

Sonu kommt aus einem Geschäft. Khaled und Rams nehmen ihn in ihre Mitte. Massig schiebt er seinen großen Oberkörper über den Bürgersteig. "Das ist einfach in uns drin: Brust raus auf der Straße", sagt Sonu, "und niemals das Gesicht verlieren." Ein stark entwickeltes Männlichkeitsbewusstsein, das hart gegen deutsche Realitäten stößt. "Im Libanon achten sich die Leute viel mehr als hier", sagt Khaled.

Hier, das ist der Busfahrer, der sieben Deutsche ohne Ticketkontrolle hineinlässt und dann Khaleds Fahrschein genau studiert. Oder Lehrer B., der sagt: "Jedem das Seine." Der die Zwei beim Deutschen kritisiert und die Drei beim Araber als "Meisterleistung" kommentiert. Und da ist Lehrer S., der, Sonu erinnert sich noch genau daran, auf sein Heft spuckt und sagt: "Ihr bringt es doch eh zu nichts." Mit zwölf macht das schnell wütend. "Da nahmen wir uns den Respekt mit Fäusten", sagt Khaled.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2008

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