Die kaltblütige Generation

26. Juli 2009, 12:20 Uhr

Sie prügeln wahllos Passanten zusammen, schlagen und treten auf ihre Opfer ein, wenn diese schon am Boden liegen: Kinder und Jugendliche ohne Mitleid. Polizei und Kriminologen sind entsetzt über die fehlende Empathie vieler junger Leute. Nur: Wie kann es dazu kommen? Was macht diese Generation so auffällig brutal? Von Ingrid Eißele

Jugendliche, Gewalt, Empathie, Jugendkriminalität, Jugendpsychater, Hirnforscher

Schon lange kein Spiel mehr: Gewaltexzesse Jugendlicher irritieren auch die Polizei

Nichts passt mehr zusammen in diesem Gesicht. Jochbein, Kiefer, selbst der knöcherne Boden der Augenhöhle sind gebrochen, ein Auge drohte zu erblinden. Vergangene Woche wurde der Versicherungsangestellte Wolfgang O. zum ersten Mal operiert, viele Operationen werden folgen, sein verschobenes Gesicht muss komplett neu aufgebaut werden. Für längere Zeit wird der 46-Jährige kaum sprechen können, bleibt möglicherweise für den Rest seines Lebens entstellt.

Wolfgang O. aus Ratingen, der seit 25 Jahren bei der Alten Leipziger Versicherung arbeitet, hatte in München vor Mitarbeitern der dortigen Filiale einen Vortrag gehalten. Nach dem Abendessen war er auf dem Weg zu seinem Hotel am Sendlinger Tor, als er von drei 16-jährigen alkoholisierten Schlägern angegriffen wurde.

Sie wollten "Leute klatschen", hofften auf Spaß, einen "Kick", sagten die Schüler aus Küsnacht bei Zürich später in der Vernehmung; sie waren auf Klassenfahrt in München. Wer ihnen bei ihrem "Amoklauf ohne Waffen", so Staatsanwalt Laurent Lafleur, über den Weg lief, war egal. Insgesamt fünf Männer fielen sie an, selbst auf einen Behinderten gingen Mike B. und seine Freunde Ivan Z. und Benji D. los. Nach den Überfällen flüchteten sie in ihre Jugendherberge, setzten sich vor den Fernseher. Noch in derselben Nacht wurden sie festgenommen. Ob ihnen klar sei, dass man einen Menschen durch solche Tritte töten kann, fragten die Polizisten. Ja, erklärten sie, aber das sei ihnen "egal".

Beängstigende Gefühlskälte

Mangel an Empathie nennen Psychiater dieses Phänomen bei Menschen, die kein Mitgefühl kennen. Inzwischen beschäftigt es nicht nur Ärzte, sondern zunehmend auch Jugendgerichte. Nicht die Zahl der Taten ist es, sondern ihre Brutalität und Eiseskälte, die Polizisten, Richter und Staatsanwälte frösteln lässt. "Früher war eine Schlägerei vorbei, wenn einer am Boden lag, jetzt beginnt sie erst so richtig", sagt Oberstaatsanwalt Wolfgang Beckstein.

Fälle, die diese Beobachtung stützen, gab es zuletzt gehäuft:

• Vor der Jugendkammer am Münchner Landgericht müssen sich zurzeit zwei 19-Jährige verantworten, die in einer Disco dem Schreinergesellen Michael R. so heftig ins Gesicht traten, dass der Oberkiefer riss. "Sein Gesicht besteht seitdem aus Titanplatten", sagt sein Anwalt Florian Schneider. Monatelang konnte Michael R. nur flüssige Nahrung zu sich nehmen; noch heute, zwei Jahre nach der Tat, leidet er an Kopfschmerzen, Zähneputzen wird zur Qual. Die Täter zeigten "keinen Hauch von Reue".
• Das Landgericht Mönchengladbach verurteilte im Januar zwei Jungen und ein Mädchen, 15 und 16 Jahre, wegen Mordes zu sechseinhalb bis neun Jahren Haft. Sie hatten auf dem Friedhof einen Mann hinterrücks erstochen, der das Grab seiner Familie besuchen wollte. Motiv: Sie wollten sein Auto, um "in Spanien ein neues Leben zu beginnen".
• In Neuruppin wurde Anfang Mai Sven P., 19, zu zehn Jahren wegen Mordes verurteilt. Der Schüler hatte einen Trinkkumpan umgebracht, aus "Mordlust", so der Richter. Sven P. hatte seinem Opfer unzählige Male gegen den Kopf getreten, bis der 55-Jährige "kein Gesicht mehr hatte". "Er wollte mal sehen, wie das ist, einen Menschen zu töten", erklärte der mitangeklagte Christian W.
• "Ich zeig euch, wie man das richtig macht", sagte Patrick C., 19, aus Frankenberg und sprang auf den Kopf des 22-jährigen Silvio, der am Boden lag. Zwei Mädchen taten es ihm nach. Silvio sitzt heute schwerstbehindert im Rollstuhl. Patrick C. wurde anhand seines Schuhabdrucks in Silvios Gesicht identifiziert. Die Strafe: elf Jahre Haft.

"Auch wenn das unser Job ist, bist du trotzdem immer wieder entsetzt", sagt der Münchner Kripomann Harald Pickert. "Man fragt sich: Wie kann es so weit kommen?"

Emotionsloses Geständnis

Genau diese Frage beschäftigt auch die Polizei in Biberach. Dort haben es die Beamten mit einem besonders erschreckenden Mordfall zu tun. Daniela K., 26, war erschlagen im Keller ihres Hauses im nahen Bad Buchau gefunden worden, als mutmaßlicher Täter wurde schnell der 15-jährige Nachbarssohn Florim S. festgenommen. Er hat die Tat auch ohne Umschweife gestanden, "so emotionslos, als hätte er sich eben mal eine Fahrkarte gekauft", berichtet eine Beamtin.

Florims Hobby war sein Motorroller, den er hegte und pflegte. Das Aufmotzen verschlang viel Geld, der Junge pumpte Freunde an, hatte Schulden. In der Wohnung seiner Nachbarin Daniela K. sah er einen neuen LCD-Fernseher, den wollte er klauen und verscherbeln.

Seinen Freund Martin und ihre Clique, mit der sie sich nachmittags immer trafen, weihte er ein. Martin und Florim verkleideten sich als Einbrecher, stülpten sich Hemden als Masken über den Kopf, fotografierten sich mit dem Handy. Angeberei sei das gewesen, behauptet Florim später. Er beschaffte ein Brecheisen, eine Schreckschusswaffe, Klebeband. Und die Clique überlegte, was zu tun sei, wenn die Nachbarin die Diebe erwischen würde.

Tag des Verbrechens

Kurz vor Ostern begann Florim, unter dem Balkon der Nachbarin ein Loch zu graben. Ein Grab? Der Boden ist hart und voller Steine, Florim kratzte die Erde mit einem alten Kochtopf heraus. Seine Mutter fragte, was er da mache. Er murmelte etwas von Müll verbuddeln.

Am 15. April hockte er wieder bei Martin, drei von der Clique waren da, auch zwei Mädchen. An diesem Tag wollte er es tun. Er kletterte auf den Balkon von Daniela K,. brach die Terrassentür auf. Aus dem Geständnis Florims geht hervor, dass die Frau sofort erkannte, wer der maskierte Bursche war. Mit einem Brecheisen schlug Florim auf sie ein, fesselte und knebelte sie - die kleine Tochter schlief im Nebenzimmer.

Danach rannte er zu Martin, der solle sich das ansehen. Martin folgte ihm zu der hilflos am Boden liegenden Frau. Das gehe ihm "zu weit", sagte Martin und ging zu der Clique zurück. "Florim macht jetzt die Nachbarin kalt", erzählte er dort. Doch niemand alarmierte Eltern oder Polizei. Die Mädchen gingen einkaufen, während Florim Daniela K. erschlug und sie in den Keller schaffte.

Grundlos erschlagen

Wie er es getan hat, erzählte der Junge bei der Polizei bereitwillig. Warum er es getan hat, nicht. Den Fernseher ließ er stehen, ebenso andere Wertsachen. Für Hass auf Daniela K. gebe es keine Anhaltspunkte, sagen die Ermittler. "Er kam aus seiner Rolle nicht mehr raus", vermuten sie. Schuldbewusstsein, Erschütterung? Nichts davon, auch nicht bei den Mitwissern. Im Gegenteil: Die Gruppe schien Florims Kälte nur noch zu verstärken. "Eines der Mädchen sagte, ich hab meine eigenen Probleme", erinnert sich eine Beamtin. "Es fehlt ihnen die Vorstellung von Wertigkeit, was wichtig ist und was nicht."

Empathie ist eine menschliche Fähigkeit, aber sie ist nicht fertig angeboren, sie wird in Stufen erlernt wie das Sprechen und Laufen. Jede Säuglingsschwester weiß: Babys weinen, wenn andere Babys weinen. Nicht aus Mitgefühl, das besitzen sie noch nicht, sondern weil sie sich anstecken lassen. Schon im Alter von drei Monaten imitieren sie den Gesichtsausdruck ihrer Eltern. Als "höhere" Stufe der Empathie gilt nicht das spontane Mitweinen, sondern das aktive Tun.

Schon Zweijährige versuchen ihre Freunde mit einem mitfühlenden Blick oder einem großzügig offerierten Lutscher zu trösten. Zum Mitgefühl fähig sind Kinder, sobald sie sich selbst im Spiegel erkennen, also das eigene Ich getrennt von Mutter oder Vater wahrnehmen, hat die Psychologin Doris Bischof-Köhler herausgefunden. Eine Schlüsselrolle spielt dabei, wie sicher sich ein Kind seiner eigenen Gefühle ist. Diese Gewissheit braucht es schon in den ersten Lebenswochen. Ist es wütend oder traurig, reagiert die Mutter besorgt; lacht es, lächelt die Mutter zurück.

Ein Teufelskreis entsteht

Für dieses Wechselspiel gibt es eigens Nervenzellen im Gehirn, deren Rolle für das Phänomen der Empathie Gegenstand intensiver Forschung ist. Diese Spiegelneuronen befähigen Babys, das Mienenspiel ihrer Eltern zu spiegeln. Eine Kommunikation, die bei den meisten Eltern natürlich funktioniert. Beachten die aber das Werben ihres Kindes nicht, holt es sich die Aufmerksamkeit mit Geschrei. Reagieren sie ärgerlich, entsteht schnell ein Teufelskreis aus Missverständnissen, Wut, Entfremdung.

"Es gibt Kinder, die sind schon mit zwei Jahren hochgradig beziehungsgestört", sagt Marina Schmidt, Mitarbeiterin der Stuttgarter Kindernotaufnahme. Dort landen Säuglinge und Kleinkinder, die geschlagen werden, zu verwahrlosen drohen; allein in Stuttgart gibt es mehr als 800 Fälle pro Jahr. Die Mütter sind überfordert, manche blutjung, wissen nicht, was Babys brauchen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 30/2009

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