Ein Hamburger Jugendrichter über seinen Umgang mit coolen Jung-Machos, über wirkungsvolle Strafen, geschlossene Heime und eine verlogene Politik.

Johann Krieten, 51, hier im Hamburger Strafjustizgebäude, ist seit gut zwölf Jahren Jugendrichter© Patrick Ohlschläger
Dort liegt eine Akte, das könnte ein solcher Fall werden. Ein junger Mensch, der vermutlich nicht zu sozialisieren ist. Der Vater verstorben, die Mutter alkoholkrank, der Rest der Familie in Ex-Jugoslawien. Er hat die Schule nicht besucht und war schon überall: Pflegefamilie, Heim, Wohngruppe, Kinder- und Jugendnotdienst. Er war mehrfach in Haft und wurde wieder straffällig. Er ist jetzt 18 Jahre alt und beschäftigt die Justiz seit seinem zehnten Lebensjahr.
Was wir im Augenblick von Politikern hören, empfinde ich als hochgradig unanständig. Die Bevölkerung wird getäuscht. Das, was an Lösungen angeboten wird, beseitigt ja kein einziges Problem. Wer zum Beispiel die Verlängerung der Höchststrafe auf 15 Jahre fordert, hat keine Ahnung von der Realität: Ein Täter überlegt doch vorher nicht: Lohnt sich das jetzt? Na ja, 10 Jahre kann ich ja absitzen, aber 15 Jahre sind mir zu viel.
Eindeutig. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Gewaltdelikte angestiegen sind und nicht nur vermehrt angezeigt werden. Das ist auch meine Erfahrung aus den Verhandlungen, in denen ich Berichte von Schulleitern und Polizeibeamten höre. Besonders die Mädchen haben aufgeholt und sich regelrecht "emanzipiert".
Ein Mädchen schlägt einem anderen im Bus aus nichtigem Anlass eine Flasche auf den Kopf. Mehrere Mädchen spucken in einen Mülleimer und lassen ein anderes Mädchen das auslecken. Sie ritzen ihr mit einem Ring "fuck me" auf den Bauch. Mädchen sind da fantasievoll, sie erniedrigen noch mehr. Männliche Beschuldigte sind etwas dumpfer in ihrer Gewalt. Sie benutzen dafür immer häufiger Messer, und wenn man sie danach fragt, sagen sie: Was soll ich denn machen, ich fühle mich sonst nicht sicher.
Ich hole erst einmal alle Information ein: Ist er schon als Kind aufgefallen? Wie sind die familiären Verhältnisse? Gibt es Informationen aus der Schule, gab es Gespräche mit den Eltern? In der Verhandlung lasse ich dann das Opfer erzählen. Wie es die Tat erlebt und wie sie sein Leben verändert hat. Das muss sich der Angeklagte anhören - ob er will oder nicht.
Nein, jedenfalls nicht im Regelfall. Cool sitzen sie eigentlich nur zu Beginn dort. Dann sage ich erst mal: "Kappe ab, Kaugummi raus". Und wenn das nicht passiert, dann gibt es ein Ordnungsgeld. Und wenn einer das nicht zahlt, geht er in Ordnungshaft. Dann läuft es eigentlich ganz gesittet im Sitzungssaal ab.
Zumeist schon. Ich habe es allerdings immer wieder auch mit Tätern zu tun, die einen Intelligenzquotienten an der Grenze zum Schwachsinn besitzen. Und unter den Angeklagten sind immer mehr Jugendliche, die sich ihren Verstand mit Marihuana regelrecht aus dem Kopf gequalmt haben. Meine Erfahrung ist: Man muss junge Straftäter deutlich ansprechen, um sie zu erreichen. In der Regel in kurzen Sätzen: Subjekt, Prädikat, Objekt. Schwierig ist es allerdings mit den Deutschrussen. Da ist leider häufig festzustellen, dass wenig Mitgefühl vorhanden ist.
Mindestens 70 Prozent. Man kann gegen das Gewaltproblem langfristig nur ankommen, wenn man früh anfängt, die Struk- turen zu verändern. Im Kindergarten, in der Schule, also in der Zeit, wenn unsere späteren Angeklagten noch Kinder sind. Das bedingt auch, dass wir die Vermietungsund Belegungspolitik ändern und keine "Ghettos" zulassen.
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Stern
Ausgabe 04/2008