Angriff, nichts als Angriff

3. Dezember 2010, 17:29 Uhr

Der neue Verteidiger von Jörg Kachelmann, Johann Schwenn, mischt am 17. Prozesstag den Gerichtssaal auf: Er schießt gegen eine Gutachterin der Anklage und gegen seinen Vorgänger Birkenstock. Von Malte Arnsperger, Mannheim

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Kachelmanns Neuer: Verteidiger Johann Schwenn pflegt einen selbstbewussten Stil©

Johann Schwenn vergeudete an diesem Freitagmorgen keine Sekunde. Der Anwalt von Jörg Kachelmann hatte das Mikrofon vor sich auf der Anklagebank schon eingeschaltet, noch bevor sich die Richter setzen und die Fortsetzung der Verhandlung gegen seinen Mandanten verkünden konnten. Der Vorsitzende Richter Michael Seidling kam erst gar nicht dazu, den ersten Zeugen aufzurufen, da legte Schwenn los, präsentierte Anträge, wetterte gegen Gutachter, die Staatsanwaltschaft und sogar gegen seinen Vorgänger Reinhard Birkenstock. Und so stand auch dieser 17. Prozesstag gegen Jörg Kachelmann unter einer Überschrift: Attacke.

Obwohl man von einem "Prozess", also einer wirklichen Weiterentwicklung, nicht sprechen kann. Denn zu den geplanten Zeugenaussagen kam es nicht. Das Verfahren wurde beherrscht von einem juristischen Kleinkrieg, angezettelt vom neuen Kachelmann-Verteidiger. Dieses Gezerre um Paragrafen und Auslegungen zeigte, dass sich Schwenn nicht nur von der Tonart sondern auch taktisch von seinem Vorgänger unterscheidet, ja dessen Strategie sogar komplett umkrempelt.

Gutachterin angeblich "befangen"

Am deutlichsten war das an der Bewertung eines äußerst wichtigen Gutachtens erkennbar. Die Bremer Psychologin Luise Greuel hatte im Frühjahr auf Betreiben der Staatsanwaltschaft das mutmaßliche Kachelmann-Opfer Silvia May (Name geändert) untersucht. Greuel soll die Glaubwürdigkeit der Aussagen Mays einschätzen, die vorgibt, von Kachelmann in der Nacht zum 9. Februar vergewaltigt worden zu sein. Greuel kommt zu dem Schluss, dass die Angaben von May zu der angeblichen Tatnacht große Lücken enthalten und Mindestanforderungen an eine Aussage nicht genügen. Als eine mögliche Ursache für die Lücken sieht Greuel eine Traumatisierung Mays durch die angebliche Vergewaltigung. Aber Greuel äußert sich in ihrem Gutachten nicht nur zu May, sondern geht auch auf einige Wesensmerkmale Kachelmanns ein.

Anwalt Birkenstock hatte bisher gebetsmühlenartig betont, wie positiv die Expertise Greuels für die Verteidigung sei. Davon distanzierte sich Schwenn nun und stellte einen Befangenheitsantrag gegen die Wissenschaftlerin. Schwenn gab zwar zu, die Analyse Greuels zu der Aussagequalität von May sei "einigermaßen" gelungen. Doch die Staatsanwaltschaft habe seinen Vorgänger nicht genügend in die Entscheidung eingebunden, Greuel zu beauftragen. In ihrem Gutachten, so Schwenn, überschreite Greuel zudem ihre Kompetenzen, weil sie als Psychologin mit ihrer Traumabegründung Einschätzungen abgebe, die nur ein Psychiater vornehmen dürfe. Außerdem sei das "Kurzgutachten" über seinen Mandanten "unseriös", weil sich Greuel auf Aussagen einer Frau stütze, deren Aussagequalität sie ja anzweifle. Schwenn meint deshalb, einen "Jagdinstinkt" von Greuel auf seinen Mandanten erkannt zu haben. Dann feuerte der Anwalt in Richtung Birkenstock: "Wenn sich ein Verteidiger hinstellt, und sagt, das Greuel-Gutachten sei so super, dann hat er es nicht begriffen." Die Staatsanwaltschaft wollte sich zu der Kritik an Greuel zunächst nicht äußern, versicherte aber, Birkenstock habe auf Nachfrage im Frühjahr keine Einwände gegen die Psychologin gehabt.

Offene Kritik an Birkenstock

Einwände hat Schwenn nicht nur gegen die Gutachterauswahl der Staatsanwaltschaft, sondern auch gegen die seines Vorgängers. Gleich zu Beginn der Sitzung verkündete Schwenn, er werde nicht länger auf die Dienste des Hirnforscher Hans Markowitsch setzen - einer der vielen von Birkenstock beauftragten Privat-Gutachter. Markowitsch sollte sich ebenfalls mit der Frage der möglichen Traumatisierung Mays auseinandersetzen. In einer Prozesspause kommentierte Schwenn seinen Entschluss, auf den Experten zu verzichten: "Birkenstock hat mit der Methode 'viel hilft viel' gearbeitet. Das mache ich nicht."

Damit aber noch nicht genug der Kollegenschelte: Schwenn will sich dafür einsetzen, dass die Öffentlichkeit weniger häufig als bisher von den Verhandlungen ausgeschlossen wird. "Mir ist aufgefallen, dass Herr Birkenstock nicht effektiv dafür gesorgt hat, die Öffentlichkeit herzustellen." Und weiter: "Ich weiß ja nicht, welche Exklusivverträge Herr Birkenstock hat." Mit dieser Bemerkung rückte Schwenn Birkenstock in die Nähe des Medienkampfes um die zahlreichen Ex-Geliebten Kachelmanns. Das Gericht hatte diese Frauen stets unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehört. Einige der sogenannten "Lausemädchen" hatten davor oder danach der Illustrierten "Bunte" Interviews gegeben, das Blatt hatte für die Exklusivrechte offenbar mehrere tausend Euro gezahlt. Schwenn meint, der Öffentlichkeits-Ausschluss könnte ein Revisionsgrund vor dem Bundesgerichtshof sein und ließ durchblicken, dass er womöglich mehrere der Frauen erneut als Zeugen hören will.

Die Episode mit der Brotbox

Auch forderte der Hamburger Jurist, bei Teilen der Aussagen des Therapeuten von Silvia May, Günter Seidler, die Öffentlichkeit zuzulassen. Das wurde ihm vom Gericht aber verwehrt. Erfolg hatte Schwenn jedoch mit seinem Ansinnen, den Koffer des als Zeugen geladenen Psychiaters beschlagnahmen zu lassen. Er erwarte sich Beweismittel, die für das Verfahren von Bedeutung sein könnten, sagte Schwenn. "Es gibt Aufzeichnungen des Zeugen, die wir noch nicht kennen. So gibt es einen E-Mail-Verkehr zwischen ihm und der Nebenklägerin und eine Kommunikation mit der Staatsanwaltschaft und dem Gericht. Das alles ist wesentlich für die Bewertung der Aussage der Nebenkläger." Beobachtet von grinsenden Verfahrensbeteiligten zog der Therapeut Günter Seidler eine Brotdose aus seinem Koffer, bat darum, die Box und seinen Terminkalender behalten zu können und händigte den Koffer dem Gericht zur Durchsuchung aus. Ob sich der Verdacht von Schwenn bestätigt, wird sich erst in der kommenden Woche zeigen. Dann sollen nach derzeitigem Stand endlich Mays Therapeut und auch der Psychiater Hans-Ludwig Kröber gehört werden. Den hatte Birkenstock ebenfalls als einen wichtigen Baustein für die Verteidigung angesehen. Zu der massiven Kritik an seiner Person wollte sich der Kölner Anwalt im Gespräch mit stern.de übrigens nicht äußern: "Ich bin an meine Schweigepflicht gebunden."

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