Sie prügeln so lange aufeinander ein, bis einer nicht mehr kann. Am Samstagabend findet nach kontroverser öffentlicher Debatte die "Ultimate Fighting Championship" in Köln statt. Kritiker wollen die Käfigkämpfe am liebsten verbieten, die Beteiligten selbst schwärmen von einem vielseitigen Sport. Von Holger Witzel

Die Fäuste von Gregor Herb, einem angehenden Gymnasiallehrer aus Freiburg, prasseln in die hilflose Deckung seines Gegners, eines Schweizer Champions. Herb, 31, gewinnt diesen Kampf vorzeitig© Michael Trippel
Seinen Eltern hat er lieber nichts gesagt, auch seine Freundin ist "nicht so begeistert". Und vielleicht, das gibt Holger Hoffmann ja zu, kann man Sonntage auch angenehmer verbringen als damit, in einem Käfig verprügelt zu werden. Vielleicht aber auch nicht - und genau darum geht es: Er will es unbedingt wissen.
Wie sich das anfühlt, wenn die Gesetze der Zivilisation für drei mal fünf Minuten nicht gelten. Wenn es endlich mal ernst wird und fast alles erlaubt ist - "nicht immer nur Sparring und Training". Wenn man sich gegenübersteht, Mann gegen Mann, und nichts anderes zählt als "er oder ich". Fast klingt es wie eine Mutprobe, wie, wer A sagt, muss auch B sagen, wenn Hoffmann, 25, erklärt: "Ich habe mir das eben als Ziel gesetzt." Vor allem aber, und das weiß er auch, klingt das alles nicht besonders vernünftig für einen Physiotherapeuten, der gerade seinen Bachelor macht.
Ein Jahr lang hat er sich neben dem Studium auf seinen ersten Kampf im Käfig vorbereitet. Nun steht er in einem schäbigen Hinterzimmer am Stadtrand von Hamburg zum Wiegen an. Ein Freund aus Hannover hält seine Brille. "Angst?" Nein. "Eher wie vor einer Klausur." Noch scherzen sie - sie haben Holgers Gegner noch nicht gesehen.
Insgesamt 20 Kämpfer werden sich an diesem Abend in einer Diskothek mit dem passenden Namen "Hit-House" paarweise so lange treten, schlagen und würgen, bis einer nicht mehr kann. Je nach Erfahrung bekommen sie dafür 300 bis 500 Euro Gage. Die Veranstaltung heißt "Hamburger Käfig - Second Strike".
Free-Fight, Vale Tudo oder MMA Mixed Martial Arts - die organisierte Körperverletzung hat viele Namen. Zusätzliche Adjektive wie "ultimate" oder "real" sollen im Gegensatz zu einstudierten Wrestling-Shows den Ernst der Sache unterstreichen, die in den USA und anderen Ländern dem Boxen den Rang ablaufen möchte. Hierzulande führt die deutsche Free-Fight-Szene ein vergleichsweise kümmerliches Dasein. Bisher jedenfalls.
D enn am 13. Juni ist in Köln erstmals die "Ultimate Fighting Championship" (UFC) zu Gast, die weltweit größte Veranstaltungsserie für Kämpfe dieser Art. Bei der Show in der Lanxess-Arena treten mit Peter Sobotta und Dennis Siver auch zwei der erfolgreichsten deutschen Athleten an. Doch nicht jedem erschließt sich der sportliche Reiz der als weitgehend regellos berüchtigten Faustkämpfe sofort.
Schon seit Wochen streiten sich Veranstalter und Politiker, ob man dabei überhaupt von einem Sport sprechen kann oder nur "die niedrigsten Instinkte eines Menschen ihren Tiefpunkt erreichen", wie es Kölns FDP-Bürgermeister Manfred Wolf nennt. Wenigstens den Zutritt für Jugendliche unter 18 Jahren hat die Stadt noch kurzfristig verbieten lassen, "wegen möglicher Nachahmeffekte".
Für Holger Hoffmann aus Hannover kommt diese Fürsorge jedenfalls zu spät. Als sein Gegner auf die Waage steigt, scheint ihm das auch langsam klar zu werden: Mario Gulawski aus Neubrandenburg ist ungefähr zwei Schultern breiter als er, zeigt den Kampfrichtern seine vorschriftsmäßig kurzen Fingernägel und allen anderen seine tätowierten Muskeln. "Skinhead Pride" steht auf der mächtigen Brust. Zuletzt, so heißt es, habe er den Weltmeister im Bankdrücken und einen Bundesligaringer besiegt. Weil er mit seinen 97 Kilogramm eigentlich zu schwer ist für den acht Kilo leichteren Hoffmann, könnte der sogar noch zurückziehen, ohne sein Gesicht zu verlieren. Doch der akzeptiert stoisch, die Kampfrichter drücken beide Augen zu und schicken Gulawski nur noch ein paar Runden rennen, damit er wenigstens zwei Kilo abschwitzt.
"Egal", murmelt Hoffmann, "ich zieh das jetzt durch." Dann starrt er versunken vor sich hin, während der Hauptkampfrichter den versammelten Gladiatoren noch mal erklärt, worauf sie sich einlassen: "Erstens", sagt Andreas Stockmann von der Free Fight Association (FFA), "dieser Sport ist gefährlich. Zweitens: FFA oder Veranstalter haften für nichts." Alle müssen das auch unterschreiben.
Stockmann versteht die von ihm gegründete FFA als "eine Art Gewerkschaft für Kämpfer" und hat sich mit einer Handvoll weiterer Pioniere aus Trainern und Veranstaltern in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt aus der Illegalität getastet.
Stets geächtet und mit oft unerfüllbaren Auflagen durch Behörden belegt, organisieren sie seit Anfang der 90er Jahre immer wieder Kämpfe und Turniere. Beinahe wehmütig erinnern sich manche Veteranen an Garagen und Hinterhöfe, an selbst gezimmerte Käfige und eine Zeit, als Wetten auf Free-Fights unter Türstehern beliebter waren als auf Kampfhunde. Nicht immer war ein Arzt am Ring, selten Öffentlichkeit erwünscht. Dass es heute bei Verdacht sogar Dopingkontrollen gibt, schien lange ebenso undenkbar wie eine offizielle Veranstaltung im "Hamburger Käfig" oder die UFC in Deutschland.
Tatsächlich haben die Expansionspläne der UFC und die damit verbundene Hoffnung auf mehr Akzeptanz und Aufmerksamkeit die hiesige Szene sogar gezähmt. Noch vor Kurzem staunten internationale Promoter, die auf der Suche nach jungen Talenten waren, über die rauen Sitten im Entwicklungsland Deutschland. "Kopfstöße oder Stampftritte am Boden", so der holländische MMA-Experte Henk Verschuur, "waren sonst schon lange nirgendwo mehr erlaubt."
Seit etwa zwei Jahren gelten nun auch bei der FFA etwa 30 Fouls als "verboten", darunter sogenannte Strikes mit spitzem Ellenbogen nach unten, aber auch männliche Selbstverständlichkeiten wie spucken, an den Haaren ziehen oder beißen. Man darf "Finger nicht in Körperöffnungen" stecken. Schläge auf den Hinterkopf sind neuerdings ebenso tabu wie "Elfmeter". Für die "Oldschool-Freunde unter uns", erläutert das Andreas Stockmann noch mal extra: "Also keine Tritte zum Kopf, wenn der Bauch des Gegners zum Boden zeigt." Wer "feige" den Kontakt meidet, sich am Zaun festhält oder wiederholt den Mundschutz ausspuckt, kann sogar disqualifiziert werden.
Stockmann tritt inzwischen fast täglich irgendwo als Kampfrichter auf. "Alle Lizenzgebühren der FFA gehen an eine Schule für Behinderte", sagt er. Das Banner der stern-Aktion "Mut gegen rechte Gewalt" schmückt ihre Homepage. Er weiß aber genau: "Wir werden immer die bösen tätowierten Jungs bleiben, die sogar noch am Boden zuschlagen. Du kannst normalen Leuten einfach nicht klarmachen, dass man davon nicht gleich stirbt."
Natürlich gab es schon Tote; aus den vergangenen 20 Jahren sind weltweit drei Fälle bekannt. Bei anderen Sportarten werde jedoch fast täglich gestorben, so das Gegenargument. Selbst beim Fußball gebe es mehr Verletzungen, und Boxen sei schon deshalb ungesünder, weil es zwölf Runden lang immer nur auf die Birne gibt. Die Öffentlichkeit aber, so klagen die Outlaws, sehe immer nur das Blut.
In Wahrheit wollen vor allem die Zuschauer Blut sehen und werden selten enttäuscht. Auch die Veranstalter brauchen praktisch jeden Tropfen für ihr Marketing. Die Brutalität ist Spektakel und Makel zugleich. Da hilft alles Gerede "vom Schachspiel mit dem Körper" nichts oder das fernöstliche Samurai-Gehabe vieler Kämpfer. Letztlich geht es allein darum, wer wen umhaut, um ein klares Ergebnis ohne Missverständnisse und Punkte, das jeder Trottel versteht: er oder ich.
In Hamburg haben dafür etliche Kiezgrößen und ihre Schergen zwischen 55 und 95 Euro Eintritt bezahlt; in Ostdeutschland besteht das Publikum meist aus einem ähnlich zwielichtigen Nazi-Hooligan-Mix. Auch das ist überall gleich: Mit einem Striptease geht es los. Und die meisten Zuschauer sehen aus, als würden sie sich ebenfalls gern mal richtig schlagen - nur nicht im Ring. Das ist der Unterschied zu den aktiven Kämpfern, abgesehen davon, dass die über die nötige Fitness verfügen und überwiegend freundliche Gesichter zeigen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 24/2009