Die sibirische Kälte kriecht westwärts

21. Januar 2006, 10:47 Uhr

Die seit Wochenbeginn andauernde Rekordkälte hat in der russischen Hauptstadt Moskau weitere Todesopfer gefordert. Und die extreme Kälte zieht langsam nach Deutschland.

Russinnen versuchen ihr Gesicht vor der Kälte zu schützen©

Deutschland droht Anfang kommender Woche eine Kältewelle mit Minusrekorden. Schon in der Nacht zum Montag sollen in weiten Teilen Ostdeutschlands die Temperaturen auf bis zu minus zwanzig Grad auch im Flachland fallen, kündigte Andreas Wagner vom Wetterdienst Meteomedia am Freitag an. "Der Trend geht hin zu einer ziemlich kalten nächsten Woche in ganz Deutschland. Dann könnte sich die russische Kaltluft abgeschwächt im ganzen Land durchsetzen." Doch die extreme Kälte zieht auch im Osten Europas immer weitere Kreise.

So kostete die Eiseskälte in der Nacht zum Samstag in Moskau weitere Tote, fünf Menschen erfroren, wie ein Sprecher des Rettungsdienstes der Agentur Interfax mitteilte. 19 Menschen mussten wegen teilweise schwerer Erfrierungen behandelt werden. Alelrdings sind nicht mehr genügend Krankenwagen im Einsatz, auch hier springen die Autos oft nicht mehr an, so dass viele Menschen gar nicht mehr die Krankenhäuser erreichen. Denn der starke Ostwind machte jeden Schritt im Freien zur Qual. Die extreme Kälte belastet auch den Verkehr in der Hauptstadt. Viele Straßenbahnen sind nicht mehr in Betrieb, weil ihre Oberleitungen eingefroren sind. DIe meisten Privat-Pkws bleiben liegen und die U-Bahnen sind überfüllt. Außderdem gehen die russischen Behörden davon aus, dass sich die Zahl der Todesopfer erhöhen dürfte, da viele alte Leute unbemerkt in ihren Wohnungen erfioren sein könnten.

Zwar stieg die Temperatur in Moskau am Samstag im Tagesverlauf auf minus 22 Grad an, starker Wind senkte aber die gefühlte Kälte erheblich, sagten Wetterexperten. Mit einer Entspannung der Situation sei so schnell nicht zu rechnen. Ab Montag soll sich der Frost wieder verstärken, für die Nacht von Montag auf Dienstag erwarten die Meteorologen erneut Temperaturen von unter minus 32 Grad, tagsüber soll es auch in der nächsten Woche kälter als minus 22 Grad bleiben. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen vor 130 Jahren war es in der russischen Hauptstadt im Januar noch nie so lange so kalt wie derzeit. Seit Oktober sind Agenturberichten zufolge bereits 123 Menschen an Folgen der Kälte gestorben.

Energieversorger zittern

Die Kältewelle setzt vor allem den Energieversorgern zu, weil viele Menschen die mangelnde Heizkraft der Fernheizungssysteme durRusslandch zusätzliche Elektroheizgeräte ausgleichen. Seit Tagen arbeitet die Stromversorgung in Moskau an ihrer Kapazitätsgrenze. Einzelne Umspannwerke arbeiteten bereits weit über der Normallast. Die Behörden in Moskau riefen die Bevölkerung auf, sparsam mit Strom umzugehen, um Störungen des Netzes zu verhindern. In 4000 von 40.000 Geschäften verhängte Bürgermeister Juri Luschkow zeitweise Stromsperren. Die Behörden trafen umfangreiche Vorsorgemaßnahmen, um die Obdachlosen vor dem Kältetod zu schützen. Polizisten wurden ausdrücklich angewiesen, die Menschen nicht wie sonst üblich aus den U-Bahn-Stationen zu vertreiben. Auch die Stadtverwaltung in Riga wies nach Medienberichten die Bezirksämter an, öffentliche Gebäude zugänglich zu machen, damit Obdachlose einen warmen Platz zum Übernachten haben. Im südsibirischen Altaigebiet brach in der Nacht auf Samstag wegen der großen Nachfrage die Stromversorgung von 40.000 Menschen zusammen.

Im Zoo der am Ural gelegenen Stadt Tscheljabinsk griffen die Tierwärter zu ungewöhnlichen Maßnahmen, um den frierenden Schimpansen Bonja vor der Kälte zu schützen. Sie steckten ihn in einen Soldatenmantel. Wie die Agentur Itar-Tass berichtete, habe Bonja zum großen Vergnügen der Besucher auch salutieren gelernt.

Auch Polen beklagt Kältetote

In Polen werden am Wochenende bis zu minus 20 Grad am Tag und minus 30 Grad in der Nacht erwartet. An der polnischen Ostgrenze wurden in der Nacht zum Freitag bereits minus 27 Grad gemessen. Die Städte versuchen, zusätzliche Übernachtungsplätze für Obdachlose zu schaffen. So sollen etwa Bahnhöfe geöffnet werden. Der Polarforscher Marek Kaminski gab den Polen im Fernsehen Tipps gegen die Kälte. "Eine gute warme Mütze ist ganz wichtig", sagte er.

Seit Beginn des Winters sind in Polen nach Angaben der Polizei bislang 122 Menschen erfroren. Diese Zahl sei aber nicht außergewöhnlich hoch. Knapp die Hälfte der Erfrorenen seien Obdachlose gewesen. Die übrigen Menschen seien meist nach übermäßigem Alkoholkonsum der Kälte zum Opfer gefallen, weil sie nicht mehr nach Hause gefunden hätten.

Schnee und Kälte beherrschen Skandinavien

Das Wetter verschonte auch weite Teile Skandinavien nicht, dort tobten Stürme bis zur Orkanstärke und heftiger Schneefall. In der nordnorwegischen Stadt Tromsö waren zeitweise rund 20.000 Einwohner ohne Strom, weil Leitungen unterbrochen wurden. Der Wetterdienst warnte, wegen des eisigen Sturms könnte die Temperatur teilweise bis auf minus 40 bis minus 50 Grad sinken. Auch in Teilen Dänemarks behinderte das Winterwetter den Verkehr. Es kam zu Zug- und Flugausfällen. Am Flughafen in Kopenhagen wurden wegen zum Teil vereister Landebahnen die europäischen und innerdänischen Flüge abgesagt. Internationale Verbindungen waren nicht betroffen. Wegen Vereisung wurde auch die Brücke über den Störebelt geschlossen.

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