Mehr als 8000 Menschen kamen 1995 beim Massaker von Srebrenica ums Leben. Zu den Opfern gehört auch Benjamin Krdzic. Seine Witwe hofft, dass Radovan Karadzic, gegen den jetzt der Prozess in Den Haag beginnt, für den Tod der Opfer büßen muss. Von Manuela Pfohl

Unzählige Frauen verloren beim Massaker von Srebrenica 1995 ihre Angehörigen. Vor allem Männer wurden von den Serben getötet.© Danilo Krstanovic/Reuters
Meho Cosic, Suad Mujkanovic, Nedim Sulejmanovic… Als die Göttinger Gesellschaft für bedrohte Völker im Juli dieses Jahres vor dem Berliner Reichstagsgebäude an das Massaker von Srebrenica erinnerte, brauchte sie 60 Meter Stoff. Darauf waren nacheinander die Namen aller genannt, die bei der berüchtigten ethnischen "Säuberung" im Juli 1995 von serbischen Truppen ermordet worden waren. 60 Meter Tod. 8376 Mal Verzweiflung, Angst, Massengrab. Auch der Name Benjamin Krdzic stand auf dem Tuch.
Benjamin Krdzic ist 24 Jahre alt, als er sich am 11. Juli 1995 in Srebrenica von seiner Frau Hedia und Töchterchen Emina verabschiedet. Der Moslem will sich vor den Serben in Sicherheit bringen, die die bosnische Stadt besetzt hatten und in einer ethnischen "Säuberung" alle männlichen Bewohner umbringen, derer sie habhaft werden können. Benjamin will keinen Krieg führen, er will leben. Hedia Krdzic hat nie wieder etwas von ihm gehört.
An einem Sommertag im Jahr 2006 kann sie immerhin die Shahada, das muslimische Totengebet, für Benjamin sprechen. Eine DNA-Analyse hatte ergeben, dass ein paar Knochen, die irgendwann zusammen mit unzähligen anderen Skelettteilen in einem Massengrab bei Srebrenica gefunden worden waren, von ihrem Mann stammten. Hedia Krdzic hat auf dem Friedhof in Potocari gestanden und gehofft, dass der Schmerz um den Tod ihres Mannes nachlassen würde, nun, wo sie ihn endlich ordentlich beerdigt hatte. Doch das Stechen in der Brust und das Hämmern im Kopf hörten nicht auf. Bis heute nicht.
Und deshalb will die 38-Jährige aufmerksam den Prozess gegen Radovan Karadzic verfolgen, Das Verfahren gegen den ehemaligen Serbenführer beginnt am Montag vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Ihm wird die politische Verantwortung für den Völkermord in Bosnien und Herzegowina vorgeworfen. Hedia Krdzic will sehen, ob der 64-jährige Angeklagte so etwas wie Scham empfindet für das, was damals ihrem Mann und all den anderen Opfern des Massakers angetan wurde. Vielleicht sogar eine Entschuldigung hören, oder wenigstens, dass er die schrecklichen Exzesse von damals anerkennt.
Hedia Krdzic wird kein Glück haben.
Radovan Karadzic hat kurz vor Verhandlungsbeginn nicht nur die Aussetzung seines Prozesses gefordert und mit Boykott der Verhandlung gedroht. Er hat auch erklärt, dass die Zahl von rund 8000 Toten des Massakers weit übertrieben sei. Als seien all die Vergewaltigungen, Vertreibungen und Zerstörungen von Menschenleben nicht sein Problem. Als könne das Feilschen um korrekte Opferzahlen den Tod von Asmi Aziz Pitarevic, Meho Nezir Kapidzic oder der 14-jährigen Fata Smailovic relativieren, die sich am 11. Juli 1995 nach einer brutalen Vergewaltigung durch serbische Milizen in der Nähe von Potocari mit ihrem eigenen Kopftuch erhängte.
"Früher", sagt Hedia, "früher, als mein Mann noch da war, da war das Leben schön." Früher, da habe sie noch eine Zukunft gehabt. Jetzt bliebe ihr nur noch die Vergangenheit und die Erinnerung. "Manchmal fragt Emina mich nach ihrem Vater, nach der Familie und nach der Heimat. Wenn ich genug Kraft habe, dann erzähle ich ihr davon, wie es war in Srebrenica, bevor die Tschetniks kamen und der Tod."
Früher, das war ein kleines Häuschen und ein Gärtchen mit Obst, Gemüse und Blumen. Ein Zuhause für Hedia und ihren Mann und all die Kinder, die einmal geboren werden sollten. Benjamin besaß einen kleinen Lebensmittelladen. In der Nachbarschaft der knapp 37.000 Einwohner zählenden Stadt wohnten die Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Großvater und Großmutter, so wie das eben in einer muslimischen Familie ist. Man half sich, wenn Hilfe gebraucht wurde und feierte, wenn es etwas zu feiern gab. Jetzt sind fast alle tot. Auch Hedias Häuschen gibt es nicht mehr. Zu Kriegsbeginn 1992 wurde es von einer Granate getroffen und brannte völlig nieder. Es war in der Zeit, als Srebrenica zum ersten Mal von den Serben angegriffen wurde und die bosnischen Verteidigungskräfte erbittert Widerstand leisteten.
Als Töchterchen Emina 1995 geboren wird, leben die Krdzics schon in einer Stadtwohnung. Der Krieg hat unzählige Flüchtlinge aus den umliegenden Dörfern nach Srebrenica getrieben. Viele Gebäude sind bereits zerstört, die Versorgungslage verschlechtert sich zunehmend. Es gibt kaum noch etwas zu essen. Denn seit April 1992 wird Srebrenica fast ununterbrochen von serbisch-bosnischen und jugoslawischen Truppen belagert, die die Stadt, in der mehrheitlich Muslime leben, von der Außenwelt abschneiden. Da hilft es auch wenig, dass der Weltsicherheitsrat Srebrenica im April 1993 zur UN-Schutzzone erklärt und einen Monat später entmilitarisiert hatte. Fast drei Jahre lang sind die Bewohner schon dem Granatenbeschuss durch die Serben ausgesetzt und Hedia hatte oft um das Leben ihrer Familie gefürchtet. "Doch mit Allahs Hilfe haben wir überlebt." Hedia arbeitet täglich in einem Krankenhaus, hilft als Schwester die vielen Verwundeten zu versorgen. Auch am 11. Juli 1995 macht sie sich auf den Weg dorthin. Dieses Mal allerdings, um den Onkel zu besuchen, der verletzt auf einer Station liegt. Im Arm trägt sie Emina, die gerade sechs Monate alt geworden ist.