. .
Panorama-Nachrichten
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
14. Februar 2010, 15:17 Uhr

Vom Frohsinn im Sperrgebiet

Kamelle, Kostüme und Büttenreden - zur Karnevalszeit sind im Rheinland die Jecken los. Was der Kölner kann, kann der Tripkauer schon lange: Seit 52 Jahren pilgern hunderte Besucher zum Dorfkarneval, der zu DDR-Zeiten im Sperrgebiet besonders ausgelassen gefeiert wurde. Von Mareike Rehberg

Karneval, Tripkau, DDR, Sperrgebiet, Sperrzone, Büttenreden, Niedersachsen

Die Narren des Carneval Club Tripkau wussten schon zu DDR-Zeiten, wie man richtig feiert© CCT

Blechern und ein wenig schleppend setzt der Mainzer Narhallamarsch ein, als die Funkengarde den Saal betritt. Salutierend und Kusshände austeilend, bahnen sich die 14 Mädchen in blau-weißer Uniform ihren Weg. An Tischen mit klatschenden und sich zuprostenden Jecken vorbei, bis sie schließlich im Gleichschritt die Bühne erreichen und Aufstellung nehmen. Zwischen ihnen marschiert der Fahnenträger, gefolgt vom Vorstand, der Prinzen- und der Offiziersgarde und dem Elferrat. "Ob nüchtern oder blau", ruft der Präsident in die Menge. "Tripkau Helau!", schallt es hundertfach zurück.

Tripkau ist ein 300-Seelendorf, das in der norddeutschen Provinz liegt. Seit 1993 gehört der Ort zum niedersächsischen Landkreis Lüneburg, doch vor der Wende lag der heutige Gemeindeteil des Amtes Neuhaus im Sperrgebiet auf Seiten der DDR, in das Fremde nur mit Passierschein und aus triftigem Grund reisen durften.

Hier saßen im November 1958 neun Leute in der Gastwirtschaft des Ehepaars Alma und Willi Banz zusammen und hatten das, was Karnevalsveteran Ernst-Wilhelm Voß heute im wahrsten Sinne des Wortes als "Schnapsidee" bezeichnet. Inspiriert von den Karnevalssitzungen aus dem Westfernsehen und einigen alkoholischen Getränken kamen drei Landwirte, ein Arzt, ein Schlachterehepaar, eine Sekretärin, ein Büroangestellter und ein Melker zu der Überzeugung, zur fünften Jahreszeit mindestens ebenso auf den Putz hauen zu können wie die Kölner. "Wir feiern heute Karneval, wir sind vergnügt wie überall. Wir schmeißen keinen Trinker raus, geben lieber den letzten Pfennig aus", dichteten die Gründer gleich am ersten Abend auf einem Bierdeckel und legten so ungeahnt die Parole für die kommenden Jahrzehnte fest.

Der Materialmangel forderte Einfallsreichtum

Enthusiastisch eiferten die norddeutschen Jecken in den kommenden Jahren ihrem rheinländischen Vorbild nach, obwohl sie mit einigen Hürden zu kämpfen hatten. Die heute 72-jährige Christa Brandmann, Witwe des Schlachters und Tanzmariechen der 1960er Jahre, erinnert sich an den Einfallsreichtum, den die Aktiven an den Tag legen mussten, um alljährlich ihr vierstündiges Programm auf die Beine zu stellen. An einen Ausstatter für die Kostüme sei nicht zu denken gewesen, die ersten Funkenuniformen nähten sich die Mädchen aus Bettlaken zusammen, Pailletten wurden mühsam von alten Kleidern abgetrennt und einzeln auf die Röcke gestickt. Nächtelang saßen Brandmanns Mutter, eine gelernte Schneiderin, und sie selbst über die halbfertigen Verkleidungen gebeugt. Noch heute näht Brandmann zusammen mit fünf anderen Müttern die Kostüme der Söhne im Männerballett.

Der 69-jährige Ernst-Wilhelm Voß, früher Mitglied im Elferrat und ein beliebter Büttenredner, weiß von diversen Tauschaktionen zu berichten. Fasanenfedern für die Hüte bekam er von einem Baggerfahrer, den er 1984 während einer Kur kennenlernte. Der wohnte im brandenburgischen Joachimsthal, wo "viele Bonzen ihre Datschen" hatten und es eine Fasanenzucht gab. Die UV-Lampen für die Lichteffekte auf der Bühne verdankte er der Bekanntschaft zu einem Fahrer beim Film in Potsdam-Babelsberg. Im Tausch gegen zehn Flugentenküken ließ der Mann seine Beziehungen spielen, die Strahler kommen bis heute in der Tripkauer Mehrzweckhalle zum Einsatz.

Die Aktiven mussten sich mit allem behelfen, sagt Voß, dennoch sei vor der Wende auch einiges leichter gewesen. "Da hat der Betriebsleiter mal freigegeben, wenn du noch was für den Karneval erledigen musstest. "Hau bloß ab", habe der gesagt, "hier bist du jetzt sowieso zu nichts zu gebrauchen". Heute würden die Chefs ungläubig schauen, wenn ein Lehrling Karnevalsurlaub beantrage.

Seite 1: Vom Frohsinn im Sperrgebiet
Seite 2: "Mit einem Bein standest du im Zuchthaus"
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Tolles Treiben Sind Sie ein richtiger Jeck?

Der Karneval hat seine eigene Sprache entwickelt. Außerhalb der Regionen rheinischen Frohsinns sind viele Begriffe kaum bekannt. Testen Sie, ob Sie sich beim Karneval zurechtfinden würden. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe