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Die gefährlichsten Krieger der Taliban

Afghanistan versinkt in Armut und Chaos. Die radikalislamischen Taliban nutzen die Verzweiflung der Menschen perfide aus: Mit Geld und Lügen machen sie aus Kindern lebende Bomben.

Von Giuseppe di Grazia

  Angst vor dem Winter: Kinder stehen vor einer Hütte des Flüchtlingslagers in Kabul. Den Familien fehlt es am Nötigsten, unter anderem an warmer Kleidung.

Angst vor dem Winter: Kinder stehen vor einer Hütte des Flüchtlingslagers in Kabul. Den Familien fehlt es am Nötigsten, unter anderem an warmer Kleidung.

  • Giuseppe Di Grazia

Afghanistan ist ein Land, das sich seit vielen Jahren im Krieg befindet. Familien sind auseinandergerissen, geordnete Verhältnisse gibt es nicht. Viele Menschen sind auf der Flucht, hausen in Lagern. Kinder wachsen ohne Eltern auf; und Eltern, die noch am Leben sind, können sich nicht um ihre Kinder kümmern und sie nicht versorgen. Familien sind in diesem Krieg wie ein wehrloser Ort, der von den Taliban besetzt wird. Vor allem im Grenzgebiet zu Pakistan haben es die Aufständischen leicht, aus Kindern ihre gefährlichsten Krieger zu formen: Selbstmordattentäter.

"Die Taliban setzen im Kampf gegen unsere Regierung und gegen die internationalen Streitkräfte im Land vermehrt auf sehr junge Selbstmordattentäter", sagte Sediq Sediqqi, Sprecher des afghanischen Innenministeriums dem stern. "Sie unterziehen diese Kinder einer Gehirnwäsche und schicken sie dann mit Sprengstoffwesten los, um Selbstmordattentate zu begehen. Es ist eine perfide und feige Strategie der Taliban."

Der jüngste Häftling ist zehn Jahre alt

In den vergangenen Jahren haben Selbstmordattentate in Afghanistan deutlich zugenommen. In ihrem Bericht für 2010 zählen die Vereinten Nationen 140 Anschläge, die zu 228 Toten führten. Ein Jahr später kamen bei solchen Attacken 431 Menschen ums Leben. "Und das schlimmste daran ist, dass für diese Anschläge von den Aufständischen immer öfter Kinder eingesetzt werden", sagte Dee Brillenburg Wurth von den Vereinten Nationen. Sie kümmerte sich mehrere Jahre lang in Afghanistan um den Kinderschutz.

Experten sowohl von den Vereinten Nationen als auch von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch schätzen, dass mindestens die Hälfte der Attentate von Kindern verübt werden. Mehr als 100 Kinder sind derzeit in afghanischen Gefängnissen eingesperrt, weil sie einen Anschlag verüben wollten. Im Jugendgefängnis von Kabul, das der stern mehrmals besuchte, sitzen 230 Häftlinge ein, davon sind 22 angeklagt wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit, die meisten von ihnen haben versucht, sich selbst in die Luft zu sprengen und damit auch andere zu töten. Der jüngste Häftling ist zehn Jahre alt, der älteste ist 17.

Azizullah wurde getäuscht, belogen, verführt

In der neuen Ausgabe des stern erzählt einer dieser Jungen, wie die Taliban ihn zur lebenden Bombe machten. Azizullah, heute 13 Jahre alt, wurde von den Aufständischen vor drei Jahren zuerst in einer Koranschule und später in einem ihrer Camps zum Selbstmordattentäter erzogen. Die Aufständischen haben ihn während ihres Trainings getäuscht und belogen, manipuliert und verführt. Am Ende schickten sie ihn mit einer Sprengstoffweste los, um amerikanische Soldaten zu töten. "Sie erzählten mir, dass bei dem Attentat nur die Amerikaner sterben", sagte Azizullah. "Ich dagegen sollte überleben." Azizullah überlebte nur, weil der Zünder seiner Sprengladung nicht funktionierte.

Der deutsche Brigadier General Carsten Jacobson, der bis zum vergangenen Jahr in Kabul als Sprecher der Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe stationiert war, erlebte gleich in den ersten Wochen seiner Arbeit, wie skrupellos die Aufständischen die Kinder für ihre Ziele ausnutzen. "Eine der ersten Meldungen, die ich hörte, war, dass ein acht Jahre altes Mädchen von den Aufständischen in Kandahar zu einem Polizeiwagen geschickt worden war. Sie trug eine Bombe mit sich, die detonierte. Das Mädchen wusste, so vermuten es die Ermittler, gar nicht, dass sie eine Bombe dabei hatte."

Jacobson erfuhr während seiner Zeit in Afghanistan auch, dass einige der Kinder, die von den Taliban für Selbstmordattentate eingesetzt werden, von Familienangehörigen an die Aufständischen verkauft worden waren: "Was wir gehört haben, ist, dass die Summe bei 20.000 bis 30.000 Afghani liegt, das sind umgerechnet knapp 300 bis 435 Euro."

Rückfallquote sehr hoch

Die Kinder, die von den afghanischen Behörden oder internationalen Truppen an ihren Attentatsversuchen gehindert werden, bleiben meistens fünf oder sechs Monate im Gefängnis, Wiederholungstäter auch mal ein Jahr. Bevor sie freikommen, suchen die Behörden nach ihren Eltern oder Verwandten. Falls sie die überhaupt finden. Die müssen dann ein Dokument unterschreiben und versichern, dass sie sich fortan um die Kinder kümmern, damit sie sich nicht wieder den Taliban anschließen. Es ist eine Garantie, die nichts wert ist. Inayatullah Amin, der Leiter der Polizei im Jugendgefängnis von Kabul, hält die Rückfallquote dieser Kinder für sehr hoch: "Wenn wir sie herauslassen, verüben sie wieder Anschläge. Einige von ihnen haben wir schon mehrmals gefangen genommen."

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