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18. Juli 2008, 11:36 Uhr

Immer mehr Eltern verlieren Sorgerecht

Eltern in Deutschland wird immer häufiger das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Die Jugendämter zogen allein 2007 fast 13.000 Mal vor Gericht, um Kinder aus ihrem Elternhaus zu retten. Trauriger Rekordhalter ist Bremen, wo sich die Zahl der Sorgerechtsentzüge verdoppelte.

Mission Kinder retten: 2007 haben die deutschen Gerichte in rund 10.800 Fällen "den vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge" angeordnet© colourbox

Immer mehr Eltern wird das Sorgerecht für ihre Kinder entzogen. Von 2006 auf 2007 stieg die Zahl der Sorgerechtsentzüge um 12,5 Prozent, im Vergleich zu 2005 betrug der Anstieg sogar knapp 23 Prozent. Das berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden. Allein im vergangenen Jahr haben die Gerichte in Deutschland in rund 10.800 Fällen "den vollständigen oder teilweisen Entzug der elterlichen Sorge" angeordnet. Die Jugendämter hatten die Gerichte 12.800 Mal um diesen Schritt gebeten.

Mehr als verdoppelt hat sich die Zahl der Sorgerechtsentzüge in Bremen, von 56 Fällen im Jahr 2006 auf 126 Fälle im Jahr 2007. Im Herbst 2006 war dort der zweijährige Kevin tot in einem Kühlschrank entdeckt worden. Erst am Mittwoch waren in der Hansestadt zwei Mädchen aus einer verwahrlosten Wohnung geholt worden; in dem Fall hatte ein Familiengericht allerdings vergangenes Jahr noch gegen einen Sorgerechtsentzug entschieden. Nach Bremen folgen Niedersachsen mit einer Zunahme von 31 Prozent und Thüringen mit plus 30 Prozent. Dagegen sank die Zahl der Sorgerechtsentzüge in Schleswig-Holstein um 18, in Berlin um 15 und in Sachsen-Anhalt um 14 Prozent.

Jugendämter nahmen 2007 jeden Tag durchschnittlich 77 Kinder auf

Auch die Zahl der sogenannten Inobhutnahmen nimmt zu. Wie das Statistische Bundesamt am vergangenen Dienstag berichtet hatte, nahmen die Jugendämter 2007 jeden Tag durchschnittlich 77 Kinder und Jugendliche in ihre Obhut. Insgesamt leisteten die Ämter für 28.200 Kinder und Jugendliche "erste Hilfe" in bedrohlichen Situationen. Das waren 8,4 Prozent mehr als 2006.

In den vergangenen Jahren hatte eine ganze Reihe spektakulärer Kindesmisshandlungen für Aufsehen gesorgt. Erst in dieser Woche waren die Eltern der verhungerten Lea-Sophie aus Schwerin zu Haftstrafen von jeweils elf Jahren und neun Monaten verurteilt worden. Das fünfjährige Mädchen war im November 2007 nach wochenlanger Vernachlässigung verhungert und verdurstet.

DPA
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
Hanesi (19.07.2008, 21:55 Uhr)
Es ging...
Es ging mir - und ich dachte, das geht aus meinem Beitrag hervor- um beide Richtungen. Es gibt besorgniserregende Fallbeispiele von Kindern, bei denen sehr wilkürlich -oder nach aktueller Kassenlage!- entschieden wurde, sie in menschenunwürdigen Umständen zu belassen. Ich kenne Kinder, die ihren prügelnden, auch emotional sadistischen Eltern erst entkommen sind, als sie alt genug waren selber wegzulaufen, und denen die Familiengerichte noch dann vorwarfen, ihrer Familie doch nur Kummer zu machen. Wilkürlicher Handlungsspielraum und oft mangelnde Kompetenz, Mängelverwaltung und Überlastung führen zu unglaublichen Entscheidungen, die aber nie in den Zeitungen auftauchen, weil so viele Kinder so unendlich viel aushalten und mitsamt ihren Schäden an Körper und Seele überleben. Ich habe solche Biographien dann in Behindertenheimen oder in der Geschlossenen enden sehen, und denselben Kindern wurde, wenn sie versucht haben ihre Mißhandler anzuzeigen, dann noch aufgezeigt, wie schwer ihre Eltern es doch haben mit ihnen - versiegt doch in diesem Land schnell jedes Mitleid, wenn aus dem gequälten Kind ein bereits psychisch geschädigter oder auch nur völlig zu recht rebellischer Teenager wird!!!
Es ist allgemein bekannt unter Heimkindern in einigen Regionen, daß die Einweisungen am Jahresende verebben, teilweise drastisch - weil dann das Budget erschöpft ist. Da wird alles nach Hause geschickt, was sich nicht mit allen Mitteln dagegen wehrt. Und das obwohl man leider sagen muß das auch das Heim in vielen Fällen nicht der rettende Hafen ist - je nach Institution haben es die Kinder auch hier mit schwierigen anderen Kindern und mitunter überlastetem Personal zu tun, dem sie ja nun im großen und ganzen nicht weniger ausgeliefert sind als den Eltern vorher. Aber das Faß will ich hier garnicht aufmachen.
Auf der anderen Seite der Waagschale gibt es überdurchschnittlich viele gut belegte Fallbeispiele für Kinder, die ihren Eltern aus einer Momententscheidung heraus weggenommen werden/ wurden, die einer schten Überprüfung nicht standhält. Da tun sich aber einzelne deutsche Ämter schwer, zurückzurudern. Es geht nicht nur um Jugendämter, die immernoch nichts dabei finden, wenn nach der Trennung ein Kind vom einem dem anderen Elternteil vorenthalten wird, sondern um scheinbar reine Wilkürentscheidungen in Fällen, wo der Vorwurf einer Mißhandlung oder eines Mißbrauchs noch nichteinmal *erhoben* werden konnte. Auch unter diesen Entscheidungen leiden Kinder, und ihre Familien.
Es stimmt einfach grundsätzlich was nicht im System, die Selbstüberprüfung scheint hinten und vorn zu versagen, die Überlastung ist schon seit Jahren jenseits der Schmerzgrenze - aller Beteiligten.
Spocks_Kommentar (18.07.2008, 17:37 Uhr)
@screne, @Hanesi
Danke screne für die klaren Worte: Es sind noch viel zu wenige Eltern, denen das Sorgerecht entzogen wurde.
Es muß klar sein: Es mag Sachen geben, die man mit Erwachsenen machen darf, mit Kindern aber nicht. Es kann aber nicht sein, daß man mit Kindern etwas machen darf, mit Erwachsenen aber nicht.
Hier denke ich vor allem an Prügel, Schläge und ähnliche Quälereien. Die von den amerikanischen Christen erfundene "Spank with love"-Bewegung sind perverse Schweine, bei denen man verhindern muß, daß sie Kinder auch nur aus der Nähe sehen.....
Lieber Hanesi, bedenken Sie bitte, daß viele NGOs ganz einfach religiös konservativ geprägt sind und in tiefreligiösen Gefilden ist Gewalt gegen Kinder im Sinne von Körperverletzung nicht nur kein Problem, sondern häufig sogar eine Art Ehrenkodex, der sogar von der Bibel gefordert wird.
Aber die Zeiten müssen ein für alle mal vorbei sein, Kinder sind Menschen und nicht das Eigentum ihrer Eltern. Auch nicht Teil der Wohnzimmereinrichtung, auf den man stolz ist oder ein besserer Hund, der immer artig sein muß, sonst hat der Hintern Fasnacht....
Kinder sind Menschen mit eigener Würde, die nicht kleiner ist, das die der Eltern und Eltern, die dagegen verstoßen, haben nicht das Recht, weiterhin über ihre Kinder zu bestimmen. Der gleiche Anspruch ist übrigens an staatliche Erzieher zu richten.
Aber trotzdem an alle: Mißbrauch und Mißhandlung sind zweierlei Stiefel. Hier reden wir von Mißhandlung, nicht von Mißbrauch, das ist ein ganz anderes (und genauso falsch gehandhabtes) Thema.
Eltern sind nur dann gut für ihre Kinder, wenn sie gut zu ihren Kindern sind. Steht das in Zweifel müssen die Kinder erst einmal aus der Gefahrenzone.
Null Toleranz für Prügeleltern, für vom Kindergeld Auto-Kaufer, - in Urlaub fahrer und so weiter.....
Leistungen für die Kinder (Essen, Bildung, Freizeit, Sport, Ferien kostenlos) keine Leistungen für die Eltern, die sind erwachsen und können für sich selbst sorgen. Und gefährdete Kinder raus aus den Familien bevor etwas passiert ist....
screne (18.07.2008, 14:31 Uhr)
@Mule
Deiner Logik zufolge könnte man ja, um Kindesmissbrauch zu eliminieren, Kinder einfach abschaffen. Das ist ja eine soo gute Idee :/
Ich frag mich manchmal, ob die Leute Gehirn oder doch nur Tofu im Kopf haben.
Kinder ja, Missbrauch nein. Wenn Eltern es nicht auf die Reihe bekommen, müssen ihnen die Kinder weggenommen werden. Es muss endlich aufhören, dass Kinder trotz offensichtlichen und erwiesenen Missbrauchs bei ihren Eltern verbleiben, weil sie durch den Entzug der Eltern angeblich noch mehr Schaden nehmen könnten. Nehmt Rabeneltern die Kinder weg und gebt den Kindern eine faire Chance, sich positiv zu entwickeln.
Mule (18.07.2008, 14:24 Uhr)
Aufforderung zu noch mehr Kindern
Haben nicht unsere unfähigen Politiker die "Unfähigen" doch ermuntert, noch mehr Kinder in die Welt zu setzen??? Der "Staat" - das sind alle Steuerzahlenden Bürger - kann es dann auch richten oder wie???? Mein Hals schwillt jedenfalls bezüglich dieser Problematik immer mehr.
Hanesi (18.07.2008, 14:10 Uhr)
Handlungsspielräume
Die deutschen Jugendämter haben aber auf EU-Ebene nicht nur häufige Fälle wegen zu späten oder unterlassenen Eingreifens, wo ein Blick auf das Kind oder die Eltern hätte genügen sollen. Es stehen dem auch viele Fälle entgegen, die von der NGO-Konferenz des Europaparlaments als unrechtmäßig eingestuft werden und in ihrer Totalität und Unkontrolliertheit ebenso fragwürdig sind. Offenbar haben die deutschen Ämter in beide Richtungen zu viel Handlungsspielraum und zu wenig Kontrolle ihrer Entscheidungen.
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