Herzfehler, Kriegsverletzungen, vereiterte Knochenbrüche - die Schicksale von Kindern aus Afghanistan sind oft bedrückend. In ihrer Heimat würden viele von ihnen nicht überleben. Nun sind 67 kleine Patienten von Kabul nach Deutschland gebracht worden, um dort operiert zu werden. Von Stefanie Zenke, Kabul

Die fünfjährige Razaq wird in Kabul von Pfleger Alberto da Silva Correia an Bord getragen© Roland Magunia/DDP
Die Wangen der kleinen Nazifa schimmern blau. Eine Sauerstoffmaske bedeckt Nase und Mund ihres Gesichts. Die Fünfjährige hat die Augen geschlossen. Die Ärzte haben das zierliche Mädchen aus Afghanistan auf eine der ersten Stuhlreihen im Flugzeug gebettet. Hinter der Kleinen sitzt der fünf Jahre alte Fahim. Dicke Tränen kullern über sein Gesicht, das übersät ist mit wulstigen Narben. "Eine Brandverletzung", sagt ein Pfleger und streichelt Fahim über das pechschwarze Haar. Der Junge wendet sich ab, er schämt sich für sein entstelltes Äußeres.
Es ist früh am morgen, die Sonne steigt langsam hinter dem verschneiten Hindukusch auf. In wenigen Minuten wird die Boing 737-700 von "Hamburg International" nach kurzem Aufenthalt starten, um 67 teils schwer verletzte und kranke afghanische Kinder von Kabul nach Deutschland zu fliegen. Es ist eine der größten humanitären Luftbrücken der vergangenen Jahre in Europa: Der Einsatz eines Flugzeuges zur Rettung von Menschen, wenn Gebiete auf dem Landweg nicht oder nur schwer erreichbar sind.
Die Ärzte und Pfleger in den blauen Kitteln haben während des siebenstündigen Fluges alle Hände voll zu tun: Es sind Kinder mit Kriegsverletzungen, vereiterten Knochenbrüchen, Herzfehlern und anderen Erkrankungen an Bord. Viele der kleinen Patienten wimmern, viele weinen vor Schmerzen. Auch Heimweh macht ihnen zu schaffen, sie haben die Reise in ein fremdes Land ohne Eltern angetreten. Ihr Gepäck ist spärlich. "Die Eltern sind sehr dankbare Menschen, aber auch oft sehr arm", sagt Krankenschwester Melanie. Ihre Kollegen verteilen braune Stoffteddys, um ein wenig Trost zu spenden.
Jens Untiedt, leitender Norarzt des Hamburger Albertinen-Krankenhauses, sitzt neben Nazifa und kontrolliert das Gerät, das die Kleine mit Sauerstoff versorgt. "Ihr Zustand ist kritisch", sagt der große Mann mit dem grauen Haarschopf. Das Mädchen, so der Arzt, hat nur eine Herzkammer. Wenn Nazifa nicht bald wegen ihres Herzfehlers operiert wird, steht es schlecht um sie. Nach der Ankunft in Hamburg soll die Kleine sofort in die Uniklinik Gießen gebracht werden. Die anderen Kinder, zwischen drei und 18 Jahre alt, werden auf 24 weitere Kliniken in ganz Deutschland verteilt.
Es ist die zweite Luftbrücke zwischen Kabul und Hamburg, die der Verein "Kinder brauchen uns" organisiert hat. Die Kosten in Höhe von 110 000 Euro übernimmt ein Unternehmer aus Schleswig-Holstein. Zu dem Charterflug gab es keine Alternative: Direktflüge von Deutschland nach Kabul gibt es nicht. "Umwege über andere Länder sind zu teuer und hätten für die Kinder zusätzliche Strapazen bedeutet", sagt Matthias Angrés, Vorstandsvorsitzender des Vereins und ärztlicher Direktor des Albertinen-Krankenhauses in Hamburg. Die Operationen werden von Kliniken, Stiftungen oder durch Spenden finanziert.
Seit 2001 gibt es den Verein "Kinder brauchen uns", der nur aus wenigen Privatleuten besteht. Er kümmert sich um die medizinische Versorgung und Betreuung schwerstverletzter und kranker Kinder aus Afghanistan. Etwa 400 Kinder wurden bislang nach Deutschland geholt, den meisten konnte geholfen werden. In Gastfamilien erholen sich die Kinder von den Strapazen.
So wie der 13 Jahre alte Obaidullah, der mit der ersten Luftbrücke Oktober vergangenen Jahres nach Hamburg gekommen war. Sein Herz war so geschwächt, dass er damals kaum gehen konnte. Ein paar Wochen nach der Operation war er wie ausgewechselt, erinnert sich sein Gastvater Salahuddin Bashar aus Elmshorn bei Hamburg. Der Junge tollte mit anderen Kindern umher, er verlor seine anfängliche Scheu, tauchte neugierig ein in eine komplett neue Welt. "Fernsehen, fließend Wasser, Nutella - das alles kannte er nicht", so Salahuddin Bashar.