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19. Januar 2008, 09:51 Uhr

"Das war sadistisch"

Geschlagen, eingesperrt, in Exkremente gedrückt - wenn die Kinder in Kelheim von ihren Eltern tatsächlich so misshandelt worden sind, könnten die seelischen Auswirkungen fatal sein. Im stern.de-Interview erklärt die Psychologin Isabella Heuser, warum Kinder so lange schweigen.

Eine Schaukel vor dem Wohnhaus in Ihrlerstein, in dem einem Ehepaar wegen des Verdachts der Misshandlung die Kinder weggenommen wurden© Oliver Lang/DDP

Frau Heuser, wie lange harren Kinder in einer für sie unerträglichen Situation aus, bevor sie gegen ihre Eltern vorgehen?

Da gibt es auch kein Mittelmaß sondern es kommt auf die Situation des Kindes an. Hat es noch andere Vertrauenspersonen? Ist es isoliert? In welcher Situation leben die Eltern? Sind sie getrennt? Das ist alles hoch variabel. Aber insgesamt kann man sagen, dass Kinder sehr lange aushalten.

Woran liegt das?

Kinder halten viel mehr aus als Erwachsene. Das liegt auch daran, dass Kinder von den Eltern abhängig sind. Sie kennen nichts anderes. Dann haben sie wenigstens jemanden, der sich, auch wenn das mit Schlägen oder sonstigem Missbrauch einhergeht, um sie "kümmert" - aber derjenige kümmert sich wenigstens.

Die Kinder in Ihrlerstein sagten, sei wurden eingesperrt und in ihre Exkremente gedrückt ...

Das war sadistisch!

Welche körperlichen und seelischen Folgen haben solche "Erziehungsmaßnahmen"?

Das ist hoch traumatisierend. Ich weiß nicht, ob die älteren Kinder seit ihrer Geburt so gelebt haben. Wenn solche Misshandlungen, solche sadistischen Vorgehensweisen, solche Quälereien begangen werden, wenn die Kinder noch sehr jung sind, gibt es dadurch besonders starke Schäden: in der kognitiven Entwicklung, also der Intelligenzentwicklung, in der psychischen Entwicklung und natürlich in der körperlichen Entwicklung. Derartige Kinder sind ständig hochgradig traumatisiert und gestresst. Sie sind untergewichtig, in der Regel nicht so aktiv, das heisst, ihr Energieniveau ist reduziert. Wenn das alles in den frühen Jahren passiert, als Faustregel bis zum sechsten oder zehnten Lebensjahr - das ist ein Horror.

Die Eltern haben zugegeben, sie hätten den Kindern ab und zu einen "Klaps" gegeben. Wo sind die Grenzen zwischen autoritärer Erziehung und Misshandlung?

Kinder einsperren sollte man nie, vor allem nicht kleinere Kinder. Das ist grausam und für die Kinder ein furchtbares Erlebnis. Möglicherweise ist der Raum, in den man gesperrt wird, auch noch dunkel. Zudem ist man noch klein und weiß nicht, was wird, man ist dann ja wie lebendig begraben. Das sollte man also selbstverständlich nie tun. Ob Klaps oder nicht - ich denke, Kinder sollten nicht geschlagen werden. Das ist ja auch nicht notwendig. Man kann sie mal hart anfassen, aber nicht schlagen.

Es waren acht Kinder in der Familie. Die Eltern sprachen davon, dass die Kinder auch ausgerastet seien und die Wohnung verwüstet hätten. Was tut man dann?

Was die Eltern mit ihren Kindern gemacht haben, ist hochgradig gestört. Man muss ihnen die Kinder wegnehmen! Wenn kleine Kinder die Wohnung verwüsten, ist das ein Alarmzeichen. Das ist nicht normal. Unordnung machen, das schon, aber Kinder verwüsten niemals eine Wohnung. Wenn sie gezielt etwas kaputt machen, dann ist das ein extrem alarmierendes Zeichen.

Wie sieht es mit der Glaubwürdigkeit vor Gericht aus, wenn die Aussagen von Kindern gegen die Aussagen von Eltern stehen?

Vor Gericht kann man das nicht klären. Da muss die Behörde doch in die Familie gehen. Dann muss die Behörde unangemeldet hingehen und gucken, ob die Kinder verhaltensauffällig sind. Jeder Kinderpsychologe oder Jugendpsychiater sieht das. Es ist nicht schwer zu diagnostizieren, wenn Kinder traumatisiert sind. Auch von den Kinderärzten. Frau von der Leyens Pläne, die Ärzte mit einzubeziehen, finde ich da wichtig.

Sechs der Kinder wollen angeblich wieder zu ihren Eltern zurück. Kann man das verantworten? Und entkräftet das sogar die Vorwürfe gegen die Eltern?

Das ist natürlich nicht verantwortbar, das wird wahrscheinlich auch so nicht geschehen. Es gibt zwar immer das Bemühen, die Familien zusammenzuführen. Dass die Kinder das sagen, wundert mich überhaupt nicht. In Berlin im Bezirk Prenzlauer Berg gab es den Fall, in dem vier Kinder sich über Monate in einer völlig vermüllten Wohnung selbst versorgt haben. Da wurde auch gesagt, sie müssten wieder zu der Mutter zurück und die Kinder hatten auch nach der Mutter gefragt. Diese Kinder sind dann aber in Pflegefamilien gekommen und man hat gesehen, dass das mit der Mutter nicht mehr geht. Die Situation muss unter dem Aspekt des Kindeswohls betrachtet werden. Wenn die Kinder sagen, dass sie zur Mutter zurückwollen, dann kann man das nicht einfach so machen, denn die Eltern brauchen ja dringend Hilfe.

Die Eltern sagten in einem stern.de-Interview, sie könnten sich die Anklagen der Kinder "nicht erklären". Wäre es möglich, dass die Kinder gelogen haben, weil sie mit ihrem Stiefvater nicht zurechtkamen?

Ich würde nie etwas komplett ausschließen, aber der Regelfall ist das nicht.

Wie könnte man den Kindern jetzt konkret helfen?

Man muss sie untersuchen und schauen, wie sie sich verhalten und wie ihre intellektuelle, emotionale und körperliche Entwicklung ist. Und sie brauchen sofort ein sicheres Zuhause, eine Pflegefamilie, ein Kinderheim oder SOS-Kinderdorf. Sie brauchen einen Platz, an dem sie sich sicher fühlen und sie wissen, dass ihnen nichts Böses passiert. Einen Ort, an dem sie nicht nur gefüttert, sondern in den Arm genommen, angeregt und stimuliert werden.

Hatten Sie mit ähnlichen Fällen zu tun und würden Sie sagen, dass solche Sachen immer häufiger passieren?

Das kann ich nicht sagen. In meiner professionellen Tätigkeit als Psychotherapeutin und Psychiaterin habe ich in der Erwachsenentherapie mit den Spätfolgen zu tun, also mit jungen Erwachsenen, die solche Erfahrungen machen mussten. Man bekommt aber schon den Eindruck, dass die Fälle zunehmen. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass die Menschen mittlerweile besser hingucken und mehr darüber geredet wird. Das finde ich gut.

Zur Person

Zur Person Isabella Heuser ist Geschäftsführende Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die psychischen Folgen von Misshandlungen.

Interview: Angelika Dehmel
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
mona.lisa (21.01.2008, 15:13 Uhr)
raindeer
Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl ich noch "Glück" hatte. Mein Vater hat mich "nur" phsychisch fertiggemacht. Solange ich in der Schule die Klassenbeste war, war ich sein Liebling. Ab der 5.Klasse war ich das nicht mehr, und ab diesem Zeitpunkt hat er mich ständig mit Worten fertiggemacht, und darin war er Meister. Ohne Selbstachtung ständig mit dem Gefühl herumzulaufen, gar nichts wert zu sein, das macht ein Kind fertig, man verliert schon als Kind jedes Selbstbewußtsein. Ich habe viele Jahre mit ständiger Selbstmordgefahr und einige Jahre mit einer guten Therapeutin gebraucht, um aus diesem Strudel herauszukommen. Überlebenswichtig dabei war, Distanz zu diesem Vater zu bekommen, und ihn dann nach Zurückgewinnung meines Selbstbewußtseins wieder zu besuchen. Da war nichts mehr übrig von diesem furchteinflößenden großen Mann meiner Kindheit: vor mir stand ein kleiner unsicherer Mann, der mir in diesem Moment nur noch leid tat.
Bis zu seinem Tod habe ich ihn dann nicht mehr besucht, was mir sehr gutgetan hat.
Ich kann dir nur dasselbe empfehlen.
Zusätzlich solltest Du Dir immer vor Augen führen, wie weit Du es selbst aus eigener Kraft gebracht hast, trotz oder gerade wegen dieser Kindheit, die Dich stark gemacht hat!
Du brauchst nicht die Anerkennung Deiner Eltern, die wirst Du sowieso niemals kriegen, und die brauchst Du auch gar nicht. Du bist auch so stark genug, und das hast Du alles alleine geschafft!
unheilig (20.01.2008, 12:04 Uhr)
@raindeer @Rostlaube
boa nicht zu fassen,was eltern ihren kindern antun können.hier wird so ein wirbel wegen des eisbären gemacht und in den eigenen 4 wänden werden kinder misshandelt und keiner schaut hin.das prinzipder 3 affen,nichts sehen,nichts hören,nicht sprechen.@raindeer ich kann ihnen nur raten,brechen sie den kontakt mit ihrer mutter ab,sonst werden sie nie damit abschlissen können.
raindeer (20.01.2008, 01:07 Uhr)
@Rostlaube
Ich, weiblich, Jahrgang '58, hatte eine aehnliche Kindheit. Die koerperlichen Misshandlungen haette ich noch wegstecken koennen (bin schon als Baby von meiner Mutter in den Bauch getreten worden, hatte eine Schaedelfraktur, angeblich bin ich vom Wickeltisch gefallen, dann bis zum Jugendalter regelmaessig aus nichtigen Gruenden oder grundlos verpruegelt worden). Die psychischen Misshandlungen waren schlimmer und davon werde ich mich nie erholen. Meine Schwester hat es nicht ganz so hart getroffen, da sie meiner Mutter vom Typ her mehr lag. Mein Vater hat kaum eingegriffen, uns nur manchmal verhauen, mit einem Vierkantholz auf Beine und Po. Allerdings "nur" zur Strafe, nie willkuerlich. Immerhin hat er uns bedingungslos geliebt, das half schon. Bin mit ca. 1,5 Jahren zur "Erholung" ins Kinderheim geschickt worden, habe danach meine Eltern nicht wiedererkannt. Weitere "Ferienaufenthalte" in Kinderheimen folgten, wo ebenfalls misshandelt wurde. Uebrigens wurden unsere Spielkameraden auch zu Hause geschlagen, sodass wir dachten, das sei normal. Meine Mutter hat mir manchmal einreden wollen, ich sei geistig behindert und muesse in eine Anstalt, sagte am naechsten Tag, ich sei intelligent und wuerde aus Bosheit in der Schule nicht klarkommen. Natuerlich war ich bei dieser "Erziehung" verhaltensauffaellig, sodass die Mobberei in der Schule weiterging, von der 1. bis zur 10. Klasse, ein einziger Spiessrutenlauf. Ich schrecke jetzt noch zurueck, wenn jemand eine hastige Bewegung auf mich zu macht, auch wenn es nur eine Umarmung werden sollte. Meine Mutter leugnet bis heute, dass sie mir je ein Haar gekruemmt hat. Immer noch terrorisiert sie mich mit zynischen Bemerkungen und Negativsuggestionen, am Telefon (wohne mittlerweile im Ausland). Trotzdem bringe ich es nicht uebers Herz, den Kontakt abzubrechen. Immerhin schreibt sie mir manchmal ruehrende Karten, schickt Pakete mit Suessigkeiten und wuenscht sich, dass ich sie besuchen komme. Ich habe es geschafft, gegen den Willen meiner Mutter zu studieren und meinen Wunschberuf (Aerztin) zu erlernen, aber im Umgang mit Menschen steckt mir manchmal noch die Angst im Nacken.
Rostlaube (19.01.2008, 16:52 Uhr)
Kindesmisshandlung
Ich weiß selbst wie es ist, brutal mißhandelt zu werden. Und meine Eltern leugnen es bis heute. Meine 3 Geschwister und ich mussten uns jeden abend wie die Orgelpfeifen aufstellen, nackt versteht sich, dann nach vorne beugen, der kopf wurde von Mutter oder Vater mit den Oberschenkeln eingeklemmt und dann mit dem Teppichklopfer immer auf den nacken Po. Oder mit der Hundeleine oder was auch immer meine Mutter greifen konnte. Wer beim Essen kleckerte musste seinen Teller nehmen und auf dem Toilettendeckel stellen und sich davor hocken und dort essen. Raus kam man nur, wenn der Teller leer war. Wir wurden eingesperrt im Kinderzimmer und mussten unsere Notdurft in im Zimmer aufgestellten Eimern verrichten. Wir wurden mit Essensentzug bestraft. Wir wurden schon profilaktisch bestraft, d.h. auch wenn nichts gewesen ist, wurden wir nur so zur Vorbeugung verprügelt. Ich habe mich oft geschämt zum Sportunterricht zu gehen, weil ich von Kopf bis Fuß mit blauen Striemen übersät war.
Und ja meine Geschwister und ich haben versucht Hilfe zu holen. Beim Jugendamt hat man uns nicht geglaubt. Und als meine Mutter davon erfahren hat, wurde es noch schlimmer, Kleiderbügel, Ofen-Schürhaken, Teppichklopfer, Hundeleinen. Alles wurde dafür verwendet auf uns einzudreschen.
Eine nassgemachte Hose einer 3-jährigen: halbtotgeprügelt.
Bettarrest.
Meine Eltern waren sehr erfinderisch in ihrem sadistischen Tun.
Das ganze fand zwischen 1960 und 1980 statt(mein Geburtsjahr: 1959).
Ja und meine Geschwister und ich sind für unser Leben gezeichnet, geholfen hat uns keiner, obwohl viele es gesehen haben - auch das Jugendamt!!! -
Und meine Eltern - ich will sie nie wieder sehen.
heiner5362 (19.01.2008, 15:18 Uhr)
es wird nicht besser hingeschaut
sondern sozialleistungen bis unters existenzminimum redigiert.
im gegenzug dürfen sich grossverdiener über eine happy-hour bei der einkommensteuer usw freuen.
wer schon am sozialen tropf hängt und darüberhinaus 8 kinder versorgen muss und mahnbescheide pfändungsbeschlüsse in die tonne wirft dem wächst das alles über lang oder kurz über den kopf.
eine starke psyche haben leider nicht alle, und dann fällt erst die hand und es eskaliert im sog der existenzsorgen.vorwurf an die eltern ist sich nicht als unfähig offenbart zu haben und einen neuanfang mit hilfe der ämter zu organisieren.
vorwurf an die macher der agenda 2010
raffgier und mangelnde voraussicht.
es wurde mal wieder am falschen ende gespart, denn was hat ein unterernährtes kind davon das im ganzen land fehlsubventionierte objekte rumgammeln.
es kann nicht angehen, das sich ein land "dem wohle des volkes" verschreibt(per eid der politiker) und das originäre, das soziale aufs schärfste beschneidet und im gegenzug den halben gesamthaushalt in die luft pudert.
was haben diese armen würstchen davon dass z.B. in afghanistan den amis geholfen wird ihre rohstoffreserven zu sichern ?
schläge, tritte und den unmissverständlichen duktus : du bist unerwünscht wir können uns dich nicht mehr leisten.
diese ganze hartz-malaise ist ein verrat zugunsten der hochfinanz.
man kann die kleinen nur bedauern, mehr kann man leider nicht tun.
doitsche land kinderland...
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