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7. Dezember 2007, 14:30 Uhr

"Hinsehen muss Folgen haben"

Nach den Kindstötungen in Darry und Plauen wird der Ruf nach neuen und schärferen Gesetzen laut. Aber es geht auch anders: Die Stadt Dormagen hat einen eigenen Weg gefunden, jungen Familien zu helfen. Von Alexander Zeuner

Die Stadt Dormagen hilft jungen Familien. Aus welcher sozialen Schicht sie kommen, ist egal© Theo Heimann/DDP

Die Kindstötungen in Darry und Plauen haben eine heftige Diskussion ausgelöst, ob - und wenn ja, wie - solche Vorfälle verhindert werden können. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht sich für eine "Kultur des Hinsehens" aus. Und die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) befürwortet verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen, wie sie im Bundesland Saarland vorgeschrieben sind.

Nicht nur für Hartz-IV-Bezieher

Aber es geht auch anders: In der nordrhein-westfälischen Stadt Dormagen bekommen die Eltern eines Neugeborenen zuallererst ein Glückwunschschreiben von Bürgermeister Heinz Hilgers (SPD). Wichtiger als die Glückwünsche des Bürgermeisters ist jedoch etwas ganz anderes: In dem Schreiben wird der Besuch eines Sozialarbeiters inklusive Terminvorschlag angekündigt. Den Brief erhält jede Familie – egal aus welcher sozialen Schicht sie kommt. Es werden also nicht nur Hartz-IV-Bezieher angesprochen.

Der Umweg über den Bürgermeister durch das Modell "Netzwerk für Familien" musste gewählt werden, weil es das klassische Sozialamt durch die Arbeitsmarktreform Hartz IV nicht mehr gibt - die Stadt hat somit keinen direkten Zugang mehr zu armen Familien. Dormagen hat rund 65.000 Einwohner und kämpft mit denselben Problemen wie jede andere deutsche Stadt auch. "Kinderarmut nimmt überall zu - auch bei uns", sagt Gerd Trzeszkowski, Fachbereichsleiter Schule, Kinder, Familien und Senioren der Stadt Dormagen.

Gutscheine, Märchenbücher, Rauchmelder

Die Sozialarbeiter kommen nicht mit leeren Händen: In einem "Baby-Begrüßungspaket" finden die frischgebackenen Eltern Gutscheine für Krabbelkurse, Märchenbücher und einen gesponserten Rauchmelder für das Kinderzimmer. Zusätzlich bekommt die Familie einen ganzen Ordner mit Aufsätzen: von erziehungswissenschaftlichen Abhandlungen bis zu praktischen Erziehungstipps ist alles dabei.

Wichtig für die Behörde ist aber vielmehr, dass sich der Sozialarbeiter ein Bild von den Familienverhältnissen machen kann. Ob der Ordner von den Eltern überhaupt angefasst wird, kann sowieso nicht überprüft werden. Etwa eine Stunde ist für das Gespräch geplant. Der Sozialarbeiter bietet zudem Hilfestellung beim Ausfüllen von Anträgen an, etwa für Kinder- oder Erziehungsgeld. Darüber hinaus kann die Familie weitere Termine vereinbaren.

Im ersten Jahr nach Einführung des Modells kamen 550 Kinder zur Welt - nur zwei Familien nahmen den freiwilligen Termin nicht wahr. "Wir sind keine Behörde, die durch ständige Kontrolle Sicherstellung geben kann", sagt Trzeszkowski. Sehr wohl prüfe der Sozialarbeiter aber intern, ob Anhaltspunkte für ein Einschreiten vorliegen, indem er zum Beispiel mit der Geburtsklinik oder der Hebamme spreche.

Darry hätte nicht verhindert werden können

Natürlich können mit dem Frühwarnsystem in Dormagen keine Fälle wie in Darry oder Plauen verhindert werden, aber: "Die Gefahr wäre minimiert worden", sagt Trzeszkowski. "In unserem Modell wären wir zumindest in Darry fünf Mal vor Ort gewesen."

Von Pflichtuntersuchungen ist der Fachbereichsleiter nicht überzeugt. "Ich finde es schade, dass die Politik als Reflex auf die Vorfälle in Norddeutschland in erster Linie Voruntersuchungen zur Pflicht machen will", sagt er und fragt: "An welcher Stelle hätte eine solche Untersuchung denn geholfen?" Für ihn braucht Deutschland "eine soziale Gemeinschaft, die sich um Kinder kümmert und sie auch ernst nimmt". Hinsehen sei gut, "aber Hinsehen muss auch Folgen haben".

Von Alexander Zeuner
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
faustjucken_de (09.12.2007, 12:16 Uhr)
Pille wieder auf Krankenschein
und schon ist das Theme gelöst
Dann bekommen der 17-järige Justin und die 16-jährige Schackeline eben keine ungewollten Kinder mehr. "Ich wusste doch nicht, dass man von einem male schwanger wird"
vivgee (07.12.2007, 22:07 Uhr)
BRAVO!
Wir als bewährtes Volk von Denunzianten, die dann auch all jene Nachbarn als Kindesvernachlässigern brandmarken, deren Auto in unserer Einfahrt steht oder die uns einfach nicht "normal" genug sind, sollten wirklich erst einmal lernen, einander zu stärken. Der Dormagener hat recht: Was soll das denn bringen - mit Pflichtuntersuchungen ist nix getan.
Dass nicht nur Hartz-IV-Eltern besucht werden, ist gut.
Wenn noch eine Idee entwickelt wird, wie man nicht nur psychische Erkrankungen von Eltern erkennt und damit arbeitet, sondern vielleicht solche Erkrankungen, wie sie immer häufiger ja gerade in sozial schwachen Familien auftreten, auch bei zukünftigen Eltern verhindert, können wir froh sein.
Ich finde das Beispiel echt schön - ohne ironisches Grinsen. Es kann noch weiter gehen.
Aufeinander achten. Verantwortung übernehmen. Und DA SEIN für andere. Kontrolle und Hilfe koppeln. Das ist ein schöner erster Tippelschritt. Fehlt noch ein Sprung nach vorn.
ganzbaf (07.12.2007, 21:02 Uhr)
Ersetzt alles nicht korrekte Arbeitsplätze!
Also mit ausreichender Bezahlung, die für mehr als zum nackten Exitieren langen, und die auch nicht nur befristet sind und einen gutem Kündgungsschutz bieten.
Da wurde halt viel abgebaut, in den letzen 20 Jahren.
In ständiger existenzieller Unsicherheit will doch kein normaler Mensch Kinder aufziehen...
First_Lady (07.12.2007, 17:37 Uhr)
einer der besteb Stern-Artikel seit langer Zeit
Vielen Dank für diesen Artikel an die Redaktion des Stern! Endlich einmal erfährt man von einem Lösungsansatz. ein ganze Stadt geht das Problem an! Ich hoffe, es wird noch mehr Artikel dieser Art geben und eine Fortsetzung über Dormagen.
diedambecks (07.12.2007, 16:54 Uhr)
richtig
iovialis, danke für deinen Beitrag! Die Medien greifen meist die Horrorgeschichten auf, über positive Projekte oder Dinge wird kaum berichtet.
Bei uns in Stralsund gibt es ein Familienhebammenprojekt, leider müssen die Eltern den Kontakt selber suchen und leider gilt dieses Projekt auch nur für einen gewissen Stadtteil, der berühmt-berüchtigt ist was die soziale Schicht angeht. Aber trotz allem wurden schon vielen Frauen und Kindern geholfen. Die Hebammen arbeiten mit Familienterapheuten zusammen, so kann der ganzen Familie Hilfe zur Selbsthilfe gegeben werden. Leider wissen wir aus Erfahrung, dass viele Mütter den Gang zum Jugendamt oder anderen Stellen scheuen, weil sie Angst haben ihnen könnten die Kinder weggenommen werden. Es gibt da eine große Hemmschwelle. Und wem wird schon gern unterstellt, dass sie eine "schlechte Mutter" sei?
Dormagen geht hier mit gutem Beispiel vorran!
iovialis (07.12.2007, 16:03 Uhr)
Vorbildlich und Nachahmungswert
Mein Wunsch scheint gehört worden zu sein, daß die Welt nicht nur "schlecht" ist! Deutschland bietet sehr, sehr viele Möglichkeiten, aber wenn man nichts davon weiß, bringt alles nichts.
Die Stadt Dormagen macht etwas sehr gut: sie bietet den Leuten an, über die angebotenen Möglichkeiten aufzuklären. Dabei hat Hartz-IV zum ersten Mal (für mich) einen positiven Effekt: die "Armenverwaltung" zeigt nicht mehr die "Armen".
Es wäre schön, wenn (nur) einmal in der Woche aus Deutschland berichtet wird, wie gewisse Städte/Behörden Probleme lösen, die eigentlich überall vorkommen. Erstens gibt es Mut und Hoffnung; zweitens zeigt es Wege aus einer scheinbaren Auswegslosigkeit; drittens ist es Ansport und Inspiration für andere. Man muß das Rad nicht neu erfinden, sondern nur "hinsehen", wie es Frau Merkel richtig sagt. Die Lösungen liegen vor der Tür, sind erprobt und gehören genauso wie schlechte Nachrichten in die Medien.
Es wäre prima, wenn ein Wettbewerb um die "schönsten Geschichten" stattfinden würde, statt ein Wettkampf um die "schlimsten Horrormeldungen". So würden sich auch Städte und Gemeinden anstrengen.
Wie schaut's aus, liebe Stern-Redaktion?
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