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7. Dezember 2007, 06:40 Uhr

Bürgermeister sieht keine Versäumnisse

Der Bürgermeister des schleswig-holsteinischen Dorfes Darry, in dem fünf Kinder getötet worden waren, hat Versäumnisse von Seiten der Gemeinde bestritten. Die Tragödie sei nicht zu verhindern gewesen, sagte er.

In diesem Haus in Darry lebte die Mutter mit ihren fünf Kindern© Knut Mueller/Getty Images

Nach dem Familiendrama mit fünf getöteten Kindern im schleswig-holsteinischen Dorf Darry sieht Bürgermeister Olaf Arnold keine Versäumnisse der Dorfgemeinschaft. "Wir sind offen, es verschließt sich keiner. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Dorfgemeinschaft Versäumnisse gegeben hat", sagte Arnold am Freitag der Deutschen Presseagentur. Die Tragödie sei anscheinend nicht zu verhindern gewesen. Darry sei als Mitglied der Touristikregion Hohwachter Bucht an der Ostsee immer offen für Neuankömmlinge und Touristen. Damit nun so rasch wie möglich wieder Alltag einkehren könne, will sich Arnold mit Vereinsvertretern, Verbänden und einem Pastorenteam zusammensetzen und beraten.

Dorf steht unter Schock

Das Dorf, das durch die Familientragödie traurige Berühmtheit erlangte, stehe immer noch unter dem Eindruck der schrecklichen Tat, sagte Arnold. Niemand habe sich vorstellen können, dass so etwas in Darry passieren könne. Auch wegen des Verhaltens der Familie selbst, die erst im September zugezogen war, und wegen des liebevollen Umgangs des Vaters mit den Kindern sei kein Verdacht aufgekommen, dass etwas nicht stimme. Nach Arnolds Worten ist noch offen, was mit dem kleinen Einfamilienhaus geschehen soll, dass einer Familie aus dem Dorf gehöre.

Am Donnerstag hatte ein Amtsrichter die dringend tatverdächtige 31-jährige Mutter vorläufig in einer psychiatrischen Klinik unterbringen lassen. "Wir beschuldigen sie des fünffachen Mordes, allerdings im Zustand der vollständigen Schuldunfähigkeit", sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Uwe Wick. Ein Gericht muss über die dauerhafte Einweisung in eine Psychiatrie entscheiden.

Die Leichen der drei bis neun Jahre alten Jungen waren am Mittwoch im Haus der Familie gefunden worden. Die Kinder seien mit Schlafmitteln betäubt worden, sagte Wick. Das vorläufige Ergebnis der Obduktion laute: Tod durch Ersticken. Medien hatten berichtet, dass die Opfer erst betäubt und dann mit einer Plastiktüte erstickt worden seien. Der Tatzeitpunkt sei nicht eindeutig festzustellen, sagte der Ankläger. Am Dienstag waren die beiden ältesten Kinder noch in der Schule. Zum Motiv der Frau konnte die Mordkommission noch nichts sagen.

Landrat: Tragödie war nicht vermeidbar

Der Plöner Landrat Volkram Gebel (CDU) zeigt sich erschüttert über das Geschehen. "Nach meiner Einschätzung und heutigem Erkenntnisstand war diese familiäre Tragödie leider nicht vermeidbar." Der Soziale Dienst des Kreises Plön bekam erstmals im August Hinweise darauf, dass die Familie Hilfe benötigte, teilte Gebel mit. Die Initiative sei von einem der beiden Väter ausgegangen. Er habe dem Sozialpsychiatrischen Dienst von religiösen Fantasien der Mutter der fünf Jungen berichtet. Bei ihr sei eine "Kontaktstörung" aufgefallen, sagte Petra Ochel vom Sozialpsychiatrischen Dienst.

Die Psychiatrische Klinik in Neustadt hat unterdessen einen Bericht der "Kieler Nachrichten" zurückgewiesen, wonach sich die Mutter der fünf getöteten Kinder kurz vor der Tragödie in psychiatrische Behandlung begeben wollte. Die Patientin habe "definitiv" erst nach der Tat die Klinik aufgesucht, sagte Kliniksprecher Jan Dreckmann am Donnerstag der Deutschen Presse- Agentur dpa. Die Zeitung hatte unter Berufung auf eine "verlässliche Quelle" gemeldet, die Frau habe wenige Stunden vor der Tragödie in der Psychiatrie um Aufnahme gebeten und sei zurückgewiesen worden.

"Dieser Bericht ist falsch", sagte Dreckmann. Die Frau habe sich am Mittwoch gegen 12.00 Uhr an der Klinikpforte gemeldet. Sie habe Schnittwunden am Arm gehabt, die zunächst in der Chirurgie behandelt werden mussten. Im Anschluss sei sie wieder in die Psychiatrische Klinik überwiesen worden, wo sie gegen 15.00 Uhr einem Arzt die Tat gestanden habe. "Die Frau war unter ständiger Beobachtung." Der behandelnde Arzt habe dann die Polizei informiert, berichtete der Leiter der Kieler Mordkommission, Stefan Winkler.

Die "Lübecker Nachrichten" führten die Schnittwunden unterdessen auf einen möglichen Selbstmordversuch der Frau zurück. Offenbar habe sich die Frau kurz nach der Tat umbringen wollen, hieß es in dem Zeitungsbericht. Dreckmann wollte unter Berufung auf die Persönlichkeitsrechte der Frau einen möglichen Suizidversuch gegenüber dpa nicht bestätigen.

Schulunterricht fiel aus

Der 450-Einwohner-Ort Darry in der Nähe der Ostsee stand unter Schock. Der reguläre Schulunterricht fiel aus. Weinende Eltern begleiteten ihre Kinder zur Grundschule. Ein weiterer Seelsorger war im angrenzenden Kindergarten im Einsatz. Am weißen Klinkerhaus, in dem die grausige Tat geschehen war, legten Nachbarn Rosen, Tannenzweige und ein Grablicht nieder.

Laut Nachbarn stammte der Vater der drei jüngsten Kinder aus den USA, der andere Vater lebt demnach in Kiel. Zwei Kinder sollen behindert gewesen sein. Der Ehemann der 31-Jährigen habe bis einen Tag vor der Tat in dem Haus in Darry gelebt, hieß es. Ob der Mann die Familie dauerhaft verlassen habe, wollte Wick nicht sagen. Der Ehemann und der Vater der älteren Kinder, der die Frau schon länger verlassen hatte, reagierten laut Polizei geschockt und werden ärztlicher behandelt.

Von Oktober bis Ende November bekam die seit September in Darry wohnende Familie nach Vermittlung durch den Allgemeinen Sozialen Dienst 15 Stunden pro Woche Hilfe im Haushalt. Am 4. Dezember meldete der Kindergarten des dritten Kindes, dass sich der "Allgemeinzustand" verschlechtert habe und die aktuelle Hilfe wohl nicht ausreiche. Das Kind hatte Windpocken. Der Vater sei aufgefordert worden, sich an einen Arzt zu wenden, hieß es weiter vom Kreis. Am 5. Dezember sollte die Betreuerin nach dem Zustand der Kinder schauen. "Dies ist auch geschehen, aber leider zu spät", so Landrat Gebel. Zugleich bekräftigte er, das von der Schule kein Alarmruf gekommen sei. Hintergrund sind Berichte, die Kinder seien in schlechter Kleidung und vernachlässigt zur Schule gekommen. Es habe auch insgesamt keine Hinweise auf eine akute Gefährdung der Kinder gegeben.

DPA
 
 
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