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Heizpilze erhitzen die Gemüter

Er kam, um unsere Herzen und Körper in kalten Stunden zu wärmen. Nun wird er gejagt von jenen, denen die globale Erwärmung schon genug einheizt. Der Heizpilz, diese trendige Erscheinung auf Weihnachtsmärkten und Bürgersteigen, ist heiß umstritten.

Von Almut F. Kaspar

Burny ist schlanke 2,28 Meter groß und ein ziemlicher Hitzkopf. Er ist mobil und immer zur Stelle, wenn man ihn braucht. Burny ist zuverlässig - gerade jetzt, wenn es draußen kälter wird. Vom heißen Burny ist besonders die ewig fröstelnde Damenwelt angetan. Alle wollen nur das Eine: dass er ihnen so richtig einheizt.

Burny - ein Freund der Raucher

Burny - mit vollem Namen: "Burny 13 kw eco" - ist ein Heizpilz. Allein in Berlin, wo Burny herkommt, stehen schätzungsweise 4000 bis 5000 dieser stählernen Wärmespender. Vor allem auf Bürgersteigen und Terrassen vor Cafés und Kneipen, zwischen Gartentischen und -stühlen, wo sich Gäste bei Capuccino und Wein selbst jetzt im kalten Spätherbst wie vor einer Strandbar auf Mallorca fühlen können.

Oder sie wärmen die Pilz-Trinker in den so genannten "Einhausungen" - das sind jene Vorbauten aus Plastikplanen, mit denen Café-Betreiber ihr Garten-Mobiliar aus dem Sommer überdecken. Und es dürften noch mehr Heizpilze sprießen, nicht nur in Berlin. Denn ab Neujahr tritt das Rauchverbot in Gastwirtschaften in Kraft: Dann werden sich die Raucher wohl draußen um zusätzlich aufgestellte Heizpilze scharen müssen.

Schwaben finden Heizpilze hässlich

Doch Burny und seinen Kollegen soll es jetzt an den Kragen gehen. Denn Heizpilze seien Klimakiller, wettern Umweltschützer, und die Beheizung der Außenluft Irrsinn. In Stuttgart zog man bereits Konsequenzen: Dort dürfen die "Killerpilze" (Greenpeace) in der Innenstadt aus Umweltschutzgründen nur noch in den Monaten zwischen April und Oktober benutzt werden. "Wir haben uns Gedanken um den Gesamteindruck der Stadt gemacht", sagt Stuttgarts Pressesprecherin Katrin Lebherz, "deshalb wurden sie auch aus ästhetischer Sicht verboten."

Auch der Berliner rot-rote Senat würde die heißen Dinger lieber heute als morgen aus der Stadt verbannen. Ein Verbot wäre schon "aus umweltpolitischer Sicht" geboten, sagt eine Sprecherin der städtischen Umweltverwaltung, denn die Strahler seien wahre Kohlendioxid-Schleudern. Die Berliner Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen hat jetzt einen Antrag gestellt, "den Betrieb von Heizpilzen und gasbetriebenen Fackeln auf öffentlichem Straßenland zu untersagen".

Ist Burny ein Luftverpester?

Denn, so heißt es in der Antragsbegründung, die mit Flüssiggas betriebenen Strahler sollen bei maximaler Leistung bis zu 3,5 Kilogramm Kohlendioxid pro Stunde ausstoßen - bei einer durchschnittlichen Betriebsdauer von 36 Stunden in der Woche entstünden so bis zu vier Tonnen Kohlendioxid pro Jahr.

"Dieser Wert", so die Grüne Felicitas Kubala, "entspricht in etwa dem Kohlendioxid-Jahresausstoß eines Autos." Wie man auf den Gesamtausstoß von vier Tonnen kommt, wird in der Begründung allerdings nicht verraten. Denn nach dieser Rechnung fielen pro Heizpilz über 500 Kilogramm pro Monat an - dann müssten die Strahler folglich acht Monate im Jahr auf voller Flamme brennen. Zum Vergleich: Allein zwei Urlauber, die von Berlin nach Teneriffa und zurück fliegen, verursachen eine Kohlendioxid-Emission von vier Tonnen.

Burny - effizient und preiswert

Michael Schulz, der im Berliner Bezirk Schöneberg die Firma "Schulz Heizpilze" führt, traut solchen Zahlen ohnehin nicht. Schulz' Partner Markus Tampfel verteidigt seinen Burny: " Er verbraucht 30 Prozent weniger Gas als herkömmlich betriebene Heizpilze und erzeugt gleiche Wärmeleistung bei kleinster Flamme." Grund, so Tampfel: "Der Kopf ist mit einer Isolationsschale ausgerüstet und hat dementsprechend weniger Wärmeverlust, und er ist unempfindlicher gegen Wind."

"Burny 13 kw eco" kostet in Edelstahl 329 Euro, Mehrwertsteuer inklusive. Aber man kann ihn auch mieten - für etwa 44 Euro pro Stück netto, egal, ob man Burny nur einen Tag oder einen ganzen Monat braucht. Kommt noch das Gas dazu: Eine handelsübliche 11-Kilogramm-Flasche Flüssiggas reicht 13 Stunden lang bei voller Heizleistung und 26 Stunden bei kleiner Flamme.

"Ein Pilz, ein Baum"

Weil die Heizpilz-Händler Schulz und Tampfel natürlich einräumen, dass ihre Strahler auch Kohlendioxid abgeben, wollten sie ihre Klimabilanz durch Ausgleichszahlungen bereinigen, wie es große und kleine Umweltbelaster auch machen können.

Die gemeinnützige Klimaschutz-Agentur Atmosfair lehnte ab - man sei auf die Kompensation von Flugreisen spezialisiert, mit Heizpilzen habe man noch keine Erfahrung. Die Unternehmer fanden schließlich einen Brandenburger Forstingenieur, der auf ausgewiesenen Flächen Wälder anpflanzt. Pro verkauften Heizpilz lässt die Firma nun einen Baum pflanzen - für 2,50 Euro. Schulz und Tampfel haben 300 Bäume sofort bestellt, auch künftig gilt: "Ein Pilz, ein Baum."

Die Gastronomie ist sparsam

Und das Geschäft brummt: Schon jetzt 20 Prozent mehr Umsatz als 2006. Deutscher Marktführer für private und kommerziell genutzte Verbrennungsgeräte ist die Firma Enders Colsman im Sauerland. Geschäftsführer Matthias Herfeld kann über die derzeit geführte Debatte nur mit dem Kopf schütteln: Ein Verbot für die Gastronomie sei "hanebüchen". Die meisten Heizstrahler stünden nicht vor Cafés oder Restaurants, sondern in privaten Haushalten.

Nicht nur die Heizpilz-Anbieter gehen auf die Barrikaden gegen ein Verbot der Brenner, sondern, logo, auch die Gastronomen, die um Umsatz fürchten. Die Wirte, egal, ob in Berlin, Hamburg, Köln oder München, schimpfen, dass die Rechnungen der Grünen und Greenpeace gar nicht aufgehen können: "Wir machen die Dinger nur an, wenn die Sonne scheint und sich da ein Gast hinsetzen will", sagt ein Kneipier aus Köln, sonst würde das viel zu teuer.

Besorgte Barbesitzer

"Wir wollen einen maßvollen Umgang mit den Geräten", beteuert auch Michael Näckel. Er betreibt das Restaurant "Papaya" in Berlin-Friedrichshain und ist Bezirksbeauftragter des örtlichen Hotel- und Gaststättenverbandes. Näckel appelliert an die Vernunft der Kollegen und ihrer Gäste: "Wir empfehlen, die Terrassenstrahler nicht durchgehend aufzudrehen und auszumachen, wenn die Gäste gehen." Und sie könnten den Wirt ja auch bitten, das Gerät auszulassen und sich eine Decke bringen lassen. Solche Fleece-Decken der Marke "Flauschy" hat auch die Firma "Schulz Heizpilze" im Angebot, 120 mal 150 Zentimeter. Nachfrage: so gut wie null.

Auf Decken pfeifen offenbar auch die Grünen. Für eine Veranstaltung der Partei vor einem Jahr im Berliner Postbahnhof hat die Firma "Schulz Heizpilze" sechs Gasbrenner angeliefert. Und in der zugigen Vorhalle des Auswärtigen Amtes wurden auch schon zu Joschka Fischers Zeiten von der beauftragten Sicherheitsfirma "Securitas" diverse wärmende Strahler aufgestellt.

Klimaforscher winkt ab

Dr. Eberhard Reimer vom Institut für Meteorologie an der Berliner FU kann die Aufregung jedenfalls nicht nachvollziehen: "Zum derzeitigen Zeitpunkt gibt es keinen Anlass zur Besorgnis", versichert er gegenüber stern.de. "Zu den veröffentlichten Schadstoffwerten können wir bislang keine eigenen Berechnungen vorweisen. Wir haben uns schlicht und einfach noch gar nicht mit dieser Thematik beschäftigt, da uns keine Informationen vorliegen, dass eine akute Gefahr für die Umwelt von den Heizpilzen ausgeht."

Aber womöglich eine für die Kassen der Kneipiers. Der Berliner Tim Schultze hat die Heizstrahler vor seinem Kreuzberger "Kaffee am Meer" schon wieder abgebaut - aus finanziellen Gründen: "Ich musste feststellen, dass ich mit den Kosten für die Terrassenwärme auch ein Einfamilienhaus beheizen könnte." Um seinen Gästen aber nicht gänzlich den Spaß im Freien zu nehmen, bietet er jetzt kostenlos Decken an. Natürlich aus recycelten Stoffen. Was sonst?

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