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17. November 2008, 15:34 Uhr

Italienische Kirche wettert gegen Sterbehilfe

Als ersten Schritt zur Euthanasie hat die katholische Kirche die Sterbhilfe für die 16-jährige Eluana bezeichnet. Das spektakuläre Urteil eines italienischen Gerichts entfachte einen Proteststurm in Teilen der Kirche und der Politik. In der Bevölkerung wird das Urteil dagegen begrüßt. von Luisa Brandl

Sterbehilfe, Koma, Gerichtsurteil

Beppino Englaro: Kann immer noch nicht in Frieden Abschied nehmen von seiner Tochter© LaPresse/AP

Beppino Englaro findet noch immer keine Ruhe. Er wünscht sich nichts mehr als in Frieden von seiner Tochter Abschied nehmen zu können. Jetzt, da er am Ziel angelangt ist, das oberste Berufungsgericht seinem Wunsch entsprochen hat, Eluana sterben zu lassen. Jahrelang stand er im Mittelpunkt der Öffentlichkeit, hatte vor Gericht dafür gefochten, dass seine Tochter aus dem Koma erlöst würde.

Doch ein "Rückzug in die Privatsphäre", wie Englaro es sich wünscht, scheint nicht absehbar. Das spektakuläre Urteil hat einen Sturm der Proteste bei den Katholiken entfacht. Die Kirche, ihr nahe stehende Politiker und Verbände machen nun gegen die Sterbehilfe mobil.

"Das erste Todesurteil"

Der Vatikan und seine Entourage stemmen sich in Zeitungen, im Fernsehen und im Internet gegen das Urteil, mit einer Vehemenz, die an die Abtreibungsdebatte erinnert. Der Präsident der italienischen Bischofskonferenz Kardinal Angelo Bagnasco sagte, das Urteil sei ein erster Schritt zur Euthanasie und forderte die Regierung auf, ein Gesetz auf den Weg zu bringen, das die Sterbehilfe verbietet. Niemand dürfe über Leben und Tod urteilen, sonst würde das Zusammenleben der Menschen vergiftet, so Bagnasco. Rund 2000 Komapatienten werden hierzulande künstlich am Leben gehalten. Die Zeitung der Bischöfe "Avvenire" beschuldigte die Richter, sie hätten "das erste Todesurteil der italienischen Republik verhängt." Der mächtige Kurienkardinal Camillo Ruini sprach in einer Sendung des öffentlichen Fernsehens Raiuno von einem "tragischen Fehlurteil".

Seit 16 Jahren im Koma

In vielen Kirchen Italiens riefen die Priester in der Sonntagsmesse zum Gebet für Eluana auf. Vor 16 Jahren verunglückte die damals 21-Jährige bei einem Autounfall und liegt seither im Koma. Sie vegetiere nicht, sondern sie schlafe und behalte unbedingt ihre Würde, sagte Ennio Antonelli bei einer Veranstaltung der katholischen Bewegung "Movimento per la vita". Eluana Englaro wird seit 14 Jahren in einer Klinik im oberitalienischen Lecco von Nonnen gepflegt und künstlich ernährt. Nach dem Urteil darf Eluana nun die Magensonde entfernt und so der Sterbeprozess eingeleitet werden. Gegen die "unsagbare Barberei" des Hungertodes haben 34 Verbände bereits angekündigt, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschrechte zu ziehen.

Interessant ist jedoch, dass eine Mehrheit der Italiener sich für das Urteil ausspricht. Laut einer Umfrage auf der Website der öffentlichen Nachrichtensendung TG 1 sind 70 Prozent für den Richterspruch und 30 Prozent dagegen. Gegen die Online-Befragung hagelte es prompt Kritik aus dem katholischen Lager. Der Präsident der Partei UDC Pierferdinando Casini drängte den Redaktionsleiter, die Umfrage sofort zu stoppen, der Fall sei viel zu heikel und kein Gegenstand für Talk-Shows.

Öffentlicher Druck kann Urteilsvollzug verhindern

Der öffentliche Druck gegen die Sterbehilfe droht nun den Vollzug des Urteils zu verhindern. Denn Beppino Englaro hat bei seiner Suche nach einer Klinik, in der seine Tochter sterben darf, nur Absagen erhalten. Der katholische Gouverneur der Lombardei Roberto Formigoni hat sofort abgewunken. In der Region Friaul fand Englaro zunächst die Unterstützung bei der Landesregierung. Er hatte schon Kontakt aufgenommen zu den Ärzten des Krankenhauses in Udine. Doch der zuständige Erzbischof Pietro Brollo wollte den brisanten Fall in seiner Diözese nicht haben und machte Druck gegenüber dem Krankenhausdirektor. Nun scheint es mehr als ungewiss, ob Eluana in Udine aufgenommen wird. Vater Englaro denkt bereits laut darüber nach, seine Tochter in eine Klinik im Ausland zu bringen, etwa in Slowenien oder nach Villach in Österreich.

von Luisa Brandl
 
 
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