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14. Februar 2008, 10:41 Uhr

Lieber deutscher Michel!

Die Empörung über die Rede des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan ist völlig verfehlt. Nur, weil ein Türke in Deutschland seine Kultur bewahrt, heißt das nicht, dass er kein guter Bürger ist. Im Gegenteil: Gelungene Integration bedeutet, dass die deutsche Gesellschaft Anderssein endlich akzeptiert. Von Manuela Pfohl

Ist eine gelungene Integration gleichbedeutend mit Assimiliation? Eine deutsche und eine türkische Flagge© DDP

Das hat uns gerade noch gefehlt! Wieder eine Integrationsdebatte und wieder nichts als Polemik! Und warum das alles? Weil der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan seine Landsleute in der Bundesrepublik zwar zur Integration aufruft, gleichzeitig aber vor Assimilation warnt. Da zittert der deutsche Patriot vor Entrüstung. Redet von "Beleidigung" und "unerträglicher Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik". Man müsse noch einmal über die EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei nachdenken, droht CSU-Chef Erwin Huber - und meint das wirklich ernst.

Angela Merkel schließlich rügt Erdogan wie einen ungezogenen Jungen und verlangt: "Wer als Türke deutscher Staatsbürger ist, muss seine Loyalität dem deutschen Staat versprechen." Mit Verlaub, Frau Bundeskanzlerin, Ihr türkischer Amtskollege hat nichts Gegenteiliges gefordert. Was also soll die ganze Aufregung? Soll sie einmal mehr klar machen, wer hier der Herr im Hause ist? Nach dem Motto: "So lange Ihr Eure Füße unter unseren Tisch steckt, so lange bestimmen wir, wo es lang geht"?

Wo liegt das Problem?

Lieber deutscher Michel, Standpauken dieser Art haben noch keinem genutzt. Im Gegenteil.

Was ist denn so falsch daran, wenn die Türken in der Bundesrepublik ihre kulturelle Identität bewahren, sich ihrer Herkunft bewusst und auf die Leistungen ihres Volkes stolz sind? Das schließt doch die Akzeptanz des deutschen Rechtssystems und die Bereitschaft zur Beherrschung der deutschen Sprache nicht aus. Weder theoretisch, noch praktisch, wie jüngste Studien beweisen: Demnach haben türkische Kinder die besten Schulabschlüsse im Vergleich zu anderen Migrantengruppen in Deutschland. Auch die Zahl der erfolgreich tätigen, brav ihre Steuern zahlenden türkischen Geschäftsleute in der Bundesrepublik nimmt zu. Immer mehr junge türkische Frauen gehören zum Alltagsbild an den Universitäten. Wo also liegt das Problem?

Das Problem liegt nicht im vermeintlichen Phlegma der Türken begründet, das angeblich darauf ausgerichtet ist, es sich in einer integrationsfeindlichen Parallelwelt gemütlich zu machen. Es liegt in der alten deutschen Überheblichkeit, die meint, dass nur gut und recht sein kann, was deutsch ist und Andersdenkende damit wahlweise in die innere Isolation, die türkischen Hinterzimmer oder schlimmer noch, in die Fänge islamistischer Rattenfänger treibt. Es liegt an der Unfähigkeit der deutschen Politik, endlich zu akzeptieren, dass erfolgreiche Integration eine tatsächliche, im Alltag gelebte Gleichberechtigung der türkischen Deutschen zwingend voraussetzt.

Dialog, nicht Drohungen

So lange sie jedoch bei der Wohnungs- und Arbeitssuche an ihrer Herkunft scheitern, so lange deutsche Eltern ihren Sprösslingen vom Besuch einer türkischen Geburtstagsparty abraten, so lange Türken wegen ihrer grundgesetzlich zugesicherten Religionsausübung misstrauisch beäugt oder gar kriminalisiert werden und deutsche Politiker das Integrationsthema von oben herab mit Drohungen statt der Einladung zum Dialog verbinden, muss das gemeinsame Projekt scheitern. Nur bitteschön - daran sind dann nicht die Türken schuld!

Von Manuela Pfohl
 
 
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