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22. Juli 2003, 16:20 Uhr

Der Kannibale

Er lernte im Internet einen Mann kennen, der sich von ihm töten und aufessen ließ. Jetzt ist Anklage wegen Mordes erhoben worden. Der stern erzählt die Geschichte zweier verirrter Seelen.

Ein einzigartiger Fall in der deutschen Kriminalgeschichte: Armin Meiwes, 41, aus Rotenburg an der Fulda, angeklagt wegen "Mordes zur Befriedigung des Geschlechtstriebes"; er schlachtete und verspeiste seinen Freund Bernd Brandes© Thomas Rabsch

Aus dem Kofferradio säuselt leise Musik, als Armin Meiwes seinen Freund umarmt. Er streicht ihm über die Arme, liebkost seinen Hals und die Wangen. "Mach dir keine Sorgen", flüstert er. Die Abendsonne senkt sich über dem alten Gutshof. Es ist ein Freitag im März, kurz vor Ostern im Jahr 2001. Die Männer zünden sich Zigaretten an. An den Wänden des Raumes glauben sie Umrisse von Tieren zu erkennen. Wie Kinder, die in einen Himmel voller Wolken schauen. "Da, siehst du den Steinbock?", fragt Bernd Brandes. "Oder ist es ein Esel?" Meiwes lacht. Kurze Zeit später holt er von nebenan ein Schlachtermesser, um den Freund zu töten.

Das Zimmer, in dem es passieren wird, ist eine ehemalige Räucherkammer. Der Ruß hat dunkle Spuren an den Wänden hinterlassen. Vier mal drei Meter misst das Verlies, fensterlos, erhellt von Neonlicht. Es riecht nach dem Moder eines jahrhundertealten Hauses. In der Ecke steht ein Bett aus rostigem Eisen, drei blaue Matratzenteile, darüber eine fleckige Steppdecke. In der Mitte des Raumes ein Biergartentisch. Die Fesseln, das Beil und ein Messer sind nebenan. Armin Meiwes Schlachtraum liegt im zweiten Stock.

Stundenlang kuscheln Meiwes und Brandes in dem Verschlag und liebkosen sich. Sie haben sich endlich gefunden. Es sind die Minuten vor einer Tat, die beide herbeigesehnt haben: Armin Meiwes wird Bernd Brandes erstechen, ausnehmen, zerlegen und aufessen. Zuvor wird er die Genitalien seines Opfers abschneiden, die sie gemeinsam verspeisen wollen. Es ist ein Verbrechen, das einzigartig ist in der deutschen Kriminalgeschichte.

Die Mutter

Armin Meiwes ist acht Jahre alt, als die Männer aus seinem Leben verschwinden. Zuerst der älteste Bruder, der zum Studieren nach Berlin geht. Dann der Vater, der sich von seiner 19 Jahre älteren Ehefrau trennt. Zuletzt der liebste Bruder, der auch nach Berlin zieht, weil die Mutter sich überfordert fühlt. Nur Armin bleibt in dem kleinen Haus in Essen-Holsterhausen. Er erlebt, wie eine verbitterte Frau ihre dritte gescheiterte Ehe beklagt. Und den Hass auf alle Männer schürt.

Nach außen ist er ein normaler Junge, gut in der Schule, vor allem in Mathe. Ein Junge, der sich manchmal prügelt und zu Hause gern Modellhäuser bastelt. Der ein bisschen schüchtern und verklemmt daherkommt, in seinem weißen Hemd mit Pünktchen darauf und der kurzen Lederhose. Es ist Anfang der 70er Jahre, die anderen Jungs tragen längst Jeans.

Mittags verabschiedet sich Armin von den Kumpels: Er müsse zu Hause helfen. Die Mutter sitzt auf dem Sofa, klagt über Kopfschmerzen und gibt Anweisungen: waschen, Fenster putzen, spülen, den Müll runter bringen, da noch in der Ecke wischen. Zu den Freunden sagt sie oft Sätze wie: "Minchen war nicht brav. Er hat Hausarrest. Minchen darf nicht mit zum Spielen." Und "Minchen" schweigt und lächelt, wie er das immer macht.

Die Demütigungen

Armin Meiwes hat schon früh aufgegeben, sich gegen die Demütigungen der Mutter zu wehren. Der Übermacht ist er nicht gewachsen. Sie formt ihn zu einem Menschen ohne eigene Identität. "Zu einem, der allen gefallen will, der irgendwie keine eigene Meinung hat, der immer nachgibt", sagt ein Bekannter. Der jüngste Sohn ist der letzte Mann, den Waltraud Meiwes an sich ketten kann.

Auf Familienfotos sieht man die Mutter so gut wie nie lachen. Ihr Blick wirkt düster und entschlossen. In Waltrauds Universum zählt offenbar nur sie selbst. Irrsinnig vor Eifersucht zeigt sie eine Bekannte ihres Mannes wegen Mordes an. Der Vorwurf ist aus der Luft gegriffen. Bei klärenden Gesprächen reagiert sie mit hysterischen Anfällen und täuscht eine Ohnmacht vor.

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