Sie können viel mehr als verdrehte Fotos von Kinderschändern entschlüsseln: Sie entlocken gelöschten Festplatten und verzerrten Tonaufnahmen ihr Geheimnis oder überführen einen Mörder mit einem Eichenblatt. Die Kriminaltechniker der Polizei rüsten auf im Kampf gegen das Verbrechen. Von Wolfgang Metzner

Mit Laser und Laptop vermessen Techniker des Bundeskriminalamts millimetergenau einen Tatort, um ihn später am Computer zu rekonstruieren. Als Test ist hier ein Überfall in einer Tiefgarage nachgestellt© Frank Bauer
Neonleuchten unter der niedrigen Betondecke. Im Halbdunkel geparkte Autos, ein Plastikband, auf dem "Polizeiabsperrung" steht. Dahinter schießt ein roter Laserstrahl von einem Stativ durch die Garage. Rotiert über den ölgefleckten Boden bis zu einem silbernen 5er BMW mit offener Heckklappe. Wandert langsam zu der aufgerissenen Fahrertür und weiter zu einer schwarzhaarigen Frau, die hinter dem Steuer zusammengesunken ist. Leblos. Tatort Tiefgarage. Gestalten in weißen Plastikanzügen markieren mit Nummern die Spuren auf dem Boden und schleppen einen Koffer mit Spezialwerkzeug heran, um DNA-Material und Fasern zu sichern. Erhard Wedhorn beugt sich über den Laptop unter der Laserkanone, in den ein Strom von Daten fließt. "Damit können wir den Tatort virtuell einfrieren", sagt der Kriminalhauptkommissar, "bis hundert Meter Reichweite vermessen wir alles millimetergenau. Und mit einer speziellen Software zaubern wir später daraus einen Grundriss, in dem man wie in einem Computerspiel rumspazieren kann."
Noch ist die Wunderwaffe beim Bundeskriminalamt (BKA) neu, und die Szene in der Tiefgarage, die wie ein Raubmord in einem Thriller aussieht, ein Test. Aber der 3-D-Laser mit 700 Nanometer Wellenlänge war auch schon im "heißen" Einsatz: beim Massaker im niedersächsischen Sittensen, dem sieben Asiaten zum Opfer fielen. Dort tastete sich der rote Strahl über Tische und Tresen, über Blutlachen und Leichen im Chinalokal "Lin Yue" - Premiere für den rotierenden Roboter, der das Grauen cool und dreidimensional bis in den letzten Winkel dokumentiert. Das Bundeskriminalamt in Wiesbaden rüstet auf. Gerade seine Spurenleser, immer an vorderster Front, wenn es wirklich brennt - nach RAF-Anschlägen, nach dem Amoklauf Robert Steinhäusers in Erfurt, nach dem islamistischen Mordanschlag auf deutsche Touristen auf Djerba -, bekommen neue Tools, um Täter elektronisch einzukreisen. Die "Spürhunde" der Tatortgruppe sollen nicht nur wie vor hundert Jahren mit Rußpulver Fingerabdrücke bepinseln.
Nicht bloß mit einem Nebel aus Luminol Mordwaffen bedampfen, damit unsichtbares Blut leuchtet. Sie sollen jetzt zum Beispiel auch empfindliche Eindruckspuren in der Erde so sichern können, dass sie nicht zerstört werden: mit einem Atos-Oberflächen-Scanner, der mit Licht arbeitet statt mit Gips. Während früher ein Fuß- oder Reifenabdruck im Matsch mit der weißen Masse ausgegossen und dadurch oft beschädigt wurde, surren jetzt zwei Kameras an einem ultrahellen Lichtstrahl entlang, um die Reflektionen am Boden aus unterschiedlichen Winkeln zu messen. "Der Streifenlichtscanner erfasst das dreidimensional, eine feine, berührungslose Sache", schwärmt Kommissar Wedhorn, "wir können damit zum Beispiel auch ein eingeschlagenes Schädeldach aufnehmen. Oder Bissspuren, die der Mörder in einem Apfel zurücklässt. Und demnächst, verbunden mit Computertomografie, durch eine komplette Leiche zoomen und so den Schusskanälen nachgehen." Schöne neue Kriminalistenwelt - im Hochsicherheitstrakt der Wiesbadener Verbrechensjäger ist Hightech immer weiter auf dem Vormarsch.
Hinter hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zäunen und Bewegungsmeldern arbeiten 300 Spezialisten aus 60 Berufen: Physiker, die an einem weltweit einzigartigen Rasterelektronenmikroskop Geschosspartikel bis zu 100.000-fach vergrößern. Ingenieure, die mit einer "Ionensäge" die Chips manipulierter Auto-Wegfahrsperren zerlegen. Chemiker, die winzigste Textilreste durch das Mikrospektralphotometer auf ihre Farbe analysieren, und Biologen, die unscheinbare Bodenkrümel auf ihre exakte Herkunft prüfen. "Unser Job ist es, stumme Zeugen zum Sprechen zu bringen", sagt Gottfried Vordermaier, Leiter des Kriminaltechnischen Instituts. Vordermaier sitzt im obersten Stock eines schmucklosen Allerweltbaus, in dem ein paar Zierpflanzen auf verlorenem Posten gegen einen 20 Millionen Euro teuren Maschinenpark stehen. Der nüchterne Beamte mit dem messerscharf gestutzten Bart gerät ins Träumen, wenn er von der Technik spricht: "Da wird manches möglich werden, das Sie sich heute noch nicht vorstellen können. Wir sind an einer Untersuchungsmethode dran, bei der uns die Isotopen Ihrer Haare verraten, ob Sie gestern Fisch gegessen haben oder vor ein paar Monaten in Afghanistan waren."
Aber das alles, sagt Vordermaier, sei natürlich nicht ganz so einfach wie in der US-Fernsehserie "CSI", sondern zeitraubende Kleinarbeit. "Der Sachbeweis wird immer wichtiger, weil Sie gerade beim Terrorismus oder bei der organisierten Kriminalität kaum noch Aussagen kriegen. Im Verfahren gegen die Kölner Kofferbomber waren über ein Dutzend Fachbereiche des BKA involviert." Zum Beispiel KI 22, der "Bildverbesserungsservice". Ohne diese Optik-Experten wären die beiden Libanesen wohl nicht gefasst worden, die im Juli 2006 Koffersprengsätze in Regionalzügen hochgehen lassen wollten. Die Ermittler hatten nur verschwommene Videos aus Überwachungskameras im Kölner Hauptbahnhof. Durch eine Vermehrung der Pixel per Computer konnten die IT-Experten die Bilder so scharf konturieren, dass ein Mann im Fußball-Shirt mit der Rückennummer 13 erkennbar wurde. Nach der TV-Fahndung ging er ins Netz. "Unsere Aufgabe ist es, Datenmüll lesbar zu machen, und da müssen wir manchmal puzzeln", sagt Jürgen Fuchs, der in einem mit Rechnern gespickten Raum sitzt. Auf einem Bildschirm setzt er 30 Einzelfotos aus der Videokamera eines Gelsenkirchener Nachtclubs so zusammen, dass er daraus das Porträt eines Schutzgelderpressers filtern kann.

Ein Ballistiker schießt auf eine Autotür, um einen Überfall zu rekonstruieren© Frank Bauer
Den Männern von KI 22 gelang es auch, eine Aufnahme des mutmaßlichen Kinderschänders "Vico" so zu entzerren, dass Interpol ihn in Thailand fassen konnte. Der Kanadier Christopher Paul N. hatte Bilder von sich ins Internet gestellt - allerdings mit elektronisch verwirbeltem Gesicht. So hielt er sich anscheinend für unerkennbar. "Wir haben Wochen gebraucht, um sein Porträt mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl zu rekonstruieren", sagt Bernhard Schneider, Vizechef der Gruppe Technologien. "Wir haben auch schon Fotos auf Handys hervorgezaubert, die nicht mehr gespeichert schienen. Alles noch da! Die digitale Welt hat ein Gedächtnis wie ein Elefant." In ihrem abgeschirmten Rechenzentrum sitzen die Spezialisten zwischen Batterien von Boards und Prozessoren. "Sieht aus wie bei Media-Markt", spottet einer, "ist aber feiner": An Mikro-Kontaktier- Tischen, erschütterungsfrei auf Luftpolstern gelagert, stoßen die Tüftler mit elektronischen Pinzetten in die tiefsten Innereien von Chips vor. Verfolgen das mehrstöckige Leitungsgewirr, das auf dem Bildschirm wie eine planetarische Superstadt aussieht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2007