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Schule ist Energieverschwendung

30. September 2012, 11:25 Uhr

Kinder können viel mehr, als wir ihnen zutrauen. Ihre Fähigkeiten verkümmern, weil Anerkennung immer von guten Noten abhängt. Fördert endlich alle Talente. Ein Plädoyer von stern-Reporter Uli Hauser

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Am ersten Schultag ist die Begeisterung noch groß. Doch schnell merken selbst Grundschüler, dass der Unterricht kein Zuckerschlecken ist.©

Jeden Morgen, wenn ich meinen Sohn in die Schule schicke, ahne ich, dass er das meiste von dem, was im Unterricht zur Rede kommt, am Nachmittag wieder vergessen hat. Nicht weil er sich dies vornimmt. Oder sich wenig merken kann. Es ist einfach zu viel, was er in kurzer Zeit aufnehmen, bewerten und einordnen soll. Dazu kommt die Angst, ein vorab in einem Lehrplan festgelegtes Problem in einer nicht von ihm bestimmten Zeit einer Prüfung unterziehen zu müssen: Bis dahin hat er gefälligst zu kapieren, sonst gibt es eine schlechte Note. So lernt mein Sohn, und nicht nur er, dass Lernen eine Strafe sein kann.

Hand hoch: Wer kann sich noch daran erinnern, was er in der Schule gelernt hat? Oder besser: was in Erinnerung geblieben ist? Außer vielleicht, Leistung zu simulieren, so zu tun, als ob man verstanden hätte, und möglichst gut zu tricksen und zu täuschen?

Ist Ihnen auch schon mal der wehmütige Gedanke gekommen, was Sie alles hätten unternehmen können, statt in der Schule über Dinge zu grübeln, die mit ihrer Lebenswelt nichts zu tun hatten? Was Sie vielleicht lieber gelernt hätten, jetzt, mit dem Wissen, was man im Leben so braucht? Geht es Ihnen so wie mir? Ich wüsste heute so gern so sehr viel mehr über Physik, aber unser Lehrer paukte in erster Linie Gehorsam. Ich würde so sehr gern mehr Einblick haben in die mathematischen Gesetzmäßigkeiten, doch nach der achten Klasse habe ich endgültig den Anschluss verloren. Noch heute träume ich einmal im Jahr davon, das Abitur nicht zu bestehen.

Der Sohn fühlt sich belästigt

Mit jetzt 50 Jahren komme ich einigermaßen im Leben zurecht. Alles, was ich dafür brauche, habe ich nicht in der Schule gelernt. Den Umgang mit dem Scheitern. Die Kunst, seine Gefühle zu erkennen. Das Wissen, was einem wirklich guttut und was nicht. Die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu bewahren, schwierig genug. Das Leben, ein Geschenk, zu genießen.

Jetzt, da mein Sohn an der Reihe ist, frage ich ihn jeden Tag, ob er einen guten Tag hatte. Ob er neue Erkenntnisse oder Eindrücke gewonnen und vor allem: sich begeistern konnte. Weil es doch so viel Spaß macht, mehr über die Welt und die Menschen in Erfahrung zu bringen. Zu lernen und zu verstehen und neugierig zu sein. Mein Sohn, 14, zuckt die Achseln. Fühlt sich belästigt. Papa, ist Schule, sagt er.

So ist ihm Lernen, die schönste, die edelste, die erfüllendste Begabung des Menschen, zu einem Schimpfwort geworden. Lernen? Bäh! Moment mal. Wir leben im 21. Jahrhundert. Wir wissen längst, wie Lernen funktioniert. Das erklären uns die Hirnforscher rauf und runter: Die Dinge müssen eine Bedeutung haben. Sinnhaft sein. Beeindrucken. Nur das, was wirklich interessiert, merken wir uns. Nur das, was wir gern machen, machen wir gut. Wir Menschen können gar nicht anders, als zu lernen. Und ausgerechnet dort, wo diese Fähigkeit verfeinert und veredelt werden soll, wird sie vielen ausgetrieben?

Wirkungsgrad? Gegen null strebend

Wie kann das sein? In einer Zeit, in der wir mehr Wissen anhäufen als jemals zuvor, attestiert Gerhard Roth, Hirnforscher und ehemaliger Präsident der Studienstiftung des deutschen Volkes, dem deutschen Schulsystem einen "Wirkungsgrad, der gegen null strebt". Ein Wirkungsgrad, das habe ich jetzt mal schnell gegoogelt, beschreibt das Verhältnis von abgegebener Leistung zu zugeführter Leistung. Bezeichnet die Effizienz von Energie. Wie viel gebe ich hinein? Und was bekomme ich dafür? Das Ergebnis: Schule, so wie sie heute organisiert ist, ist Energieverschwendung.

In jeder Lebenslage haben wir mittlerweile einen Plan oder ein Gerät, die Ressourcen zu schonen. Wir trennen Müll, wir sparen Sprit, wir sorgen vor. Doch den Raubbau an der Motivation unserer Kinder lassen wir zu. Mit sechs will jeder unbedingt zur Schule. Und mit 13 Jahren fast keiner mehr. Die Schule schafft ohne Probleme, einem die Lust am Lernen auszutreiben.

Über unsere sich fast ausschließlich an kognitiven Fähigkeiten orientierende Definition von Begabung vergessen wir das Wundern. Das Staunen darüber, mit welchen Fähigkeiten jeder Mensch auf die Welt kommt. Der Gabe zu lieben. Neugierig zu sein. Begeisterungsfähig. Der Freude am Entdecken. Dem Vertrauen und der Zuversicht in die Welt. Einem fast unstillbaren Durst nach Wissen, wieso, weshalb, warum. Kinder sind offen und ehrlich und selbstbewusst. Fragt man einen Sechsjährigen, was er schon alles kann, bekommt man nicht selten zur Antwort: "Alles!"

Das sagen Kinder, weil ihnen bis dahin aus eigenem Antrieb viel gelungen ist. Sie haben ohne Anstrengung eine Sprache gelernt, sie haben die Welt erkundet, alles war neu und aufregend. Sie wollten so viel wie möglich selbst machen, und mit jeder guten Erfahrung wuchs die Zuversicht, den nächsten Schritt zu wagen. Die größte Sensation war, sich gegen die Schwerkraft aufgerichtet zu haben und auf eigenen Beinen stehen zu können.

Pauken nach Plan

So erfahren Kinder, was Psychologen Selbstwirksamkeit nennen: kompetent darin zu sein, das Leben selbst meistern zu können. Doch dann kommen sie in die Schule und hören sich an, was andere sich für sie ausgedacht haben. Jetzt wird nach Plan gepaukt. Lernen mit Lehren verwechselt. Und jedem Kind, das vorher doch Experte für sein eigenes Leben war, wird nun bedeutet, was es sich wann in welcher Geschwindigkeit gefälligst zu merken hat. Wie beleidigend.

Denn mit der Geburt gelingt jedem Menschen ein Wunder: Sein Gehirn kann nicht nur seinen Körper und alle im Körper ablaufenden Prozesse steuern. Sondern vermag auch, all das zu lernen, worauf es im späteren Leben ankommt. So verfügt jedes Kind über ein ganz besonderes, für die Organisation seines Körpers und für sein weiteres Wachstum und seine weitere Entwicklung optimal geeignetes Gehirn.

Das sind sensationelle Voraussetzungen für ein gelungenes Leben. Von da an ist Lernen kinderleicht: Aufgabe von Schule und Erziehung muss nur sein, jedem Kind eine Welt zu bieten, in der es Gelegenheit bekommt, möglichst vieler der im Hirn angelegten Vernetzungsoptionen zu stabilisieren. Und so viele gute Erfahrungen wie möglich zu machen. Um immer wieder zu erleben, was alles geht.

Wenn wir darüber nachdenken, wie Schule heute organisiert sein müsste, sollten wir uns an diesen frühen Erfahrungen orientieren. Kinder wollen gestalten. Nicht verwaltet werden. Sie wissen, was sie wollen. Sie sagen, was sie denken. Sie sind, wovon heute so viele so gern reden: "authentisch".

Schulleiter, die etwas wagen

Wir leben in einer spannenden Zeit. Umbruch und Aufbruch allerorten. Die Welt ist in Bewegung. Doch Deutschlands Schüler hocken den ganzen Tag auf ihren Stühlen. Jede Stunde ein neues Thema, jede Woche ein neuer Test. Einmal im Jahr ist Wandertag, sonst haben sie still zu sitzen. Wie wäre es, wenn sich eine Klasse jeden Tag auf den Weg machte und die Ausnahme zur Regel würde? Die Schüler und Lehrer sich gemeinsam eine Aufgabe suchten, unter verschiedenen Aspekten? Aus mathematischer, aus physikalischer, aus philosophischer Sicht?

Einige wenige Schulleiter wagen, die Lehrpläne radikal zu entrümpeln. Sie führen Fächer ein wie "Verantwortung" oder "Herausforderung" wie an der wahrscheinlich besten Schule Deutschlands, der "Evangelischen Schule Berlin Zentrum", sie schicken ihre Schüler in Altersheime oder auf selbst organisierte Reisen. Zu Handwerkern und Künstlern.

Und sie fühlen sich bestätigt von Meldungen wie dieser: 40 Prozent der Unternehmer, von der Deutschen Industrie- und Handelskammer jetzt nach Einstellungskriterien befragt, geben an, bei Bewerbern mehr auf "gute persönliche und soziale Kompetenzen" als auf schulische Leistungen zu achten. Ihnen sind Fähigkeiten wie Teamgeist und Rücksichtnahme, Empathie und Umsicht wichtig.

Den Charakter schulen und die Persönlichkeit, das Miteinander üben und nicht das Gegeneinander: Das ist es, worauf es ankommt. Und auf Erwachsene, die nicht verdrängt haben, wie mies sie sich gefühlt haben, wenn andere über sie bestimmen wollten. Es gibt Erfahrungen, die nicht jede Generation von Neuem machen muss.

"Jedes Kind ist hoch begabt" In seinem neuen Buch fordert stern-Reporter Uli Hauser gemeinsam mit dem Göttinger Neurobiologen Gerald Hüther eine neue Sicht auf die Talente unserer Kinder. Die Autoren beschreiben, mit welchen Begabungen jeder Mensch auf die Welt kommt – und was in der Schule daraus wird.

Gerald Hüther, Uli Hauser: "Jedes Kind ist hoch begabt – Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen", Knaus-Verlag, 187 Seiten, 19,99 Euro

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