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Wenn Ökospießer zuschlagen

Berlin-Neukölln, Lehrerwohnung. Dort machte eine polnische Putzfrau sauber. Bis sie die Anweisungen missachtete - und mit normalen Putzmitteln arbeitete. Die bizarre Kündigung geistert durchs Netz.

Von Matthias Brügge

  Manchen Menschen ist beim Putzen das Putzmittel besonders wichtig

Manchen Menschen ist beim Putzen das Putzmittel besonders wichtig

Im Berliner Stadtteil Neukölln stoßen Menschen unterschiedlichster Herkunft und sozialer Prägung aufeinander: Hier wohnen sowohl Migranten als auch wohlhabende Ältere Haus an Haus. Gelegentlich finden sich dort auch Menschen, die schlechterdings nur als rabiate Ökospießer zu bezeichnen sind. Wie ein Lehrerehepaar, das gemeinsam mit seiner Katze in einer Wohnung lebt. Das Paar beschäftigte die aus Polen pendelnde Putzfrau Anka K. für acht Euro pro Stunde - bis die 54-Jährige den Zorn ihrer Arbeitgebeber auf sich zog, weil sie nicht die verordneten umweltfreundlichen Putzmittel, sondern handelsübliche benutzte.

Der Berliner Journalist Ramon Schack stieß auf diese Neuköllner Geschichte, als er für ein Buch über den umstrittenen Berliner Bezirk recherchierte. Wie er erzählt, lernte er Anka K. per Zufall kennen und begleitete sie kürzlich auf ihrer Reinigungsrunde durch verschiedene Wohnungen Neuköllns.

In der Wohnung des Lehrerehepaars fand Schack zusammen mit Anka S. das drastische Schreiben vor, mit dem ein Ehepaar der Putzfrau kündigte. Die Begründung: Sie habe mit nicht-ökologisch einwandfreien Putzmitteln sauber gemacht. Selbst die Katze reagiere verstört auf die herkömmlichen Reiniger. Verbunden war die Empfehlung, sich gleich in Polen einen Job zu suchen, um die Umwelt durch weniger Pendeln zu schonen. Hier der Brief im Original:

"Liebe Anka, wie wir feststellen mussten, haben Sie sich nicht daran gehalten, so wir es Ihnen nahegelegt hatten, vegane Putzmaterialien zu verwenden. Es mag in Ihrem Heimatland üblich sein, sich nicht um ökologische Belange zu scheren, aber hier bei uns verfolgt man einen ökologischen, nachhaltigen Ansatz, zum Schutz unserer Umwelt. Das gilt auch gerade für die Hauswirtschaft. Sie kennen vielleicht den Slogan "Think globally, act locally". Das ist Englisch und bedeutet so viel wie, "Denke global, aber handele regional." Ihr Hinweis, Sie könnten sich keine ökologisch abbaubaren Reinigungsmittel leisten, ohne den jetzigen Stundenlohn zu erhöhen, hatte Ihnen mein Ehemann ja neulich eindeutig widerlegt, in seiner Aufstellung. Hätten Sie bei Ihrer Tätigkeit, hier in Berlin, von Anfang an einen nachhaltigen Ansatz verfolgt, wären Ihnen keine Unkosten entstanden.

Ferner hatten wir Ihnen- in unserem letzten Schreiben-eine Liste beigefügt, wo Sie günstig die von uns erwünschten Produkte hätten erwerben können. Wie wir leider feststellen mussten, benutzen Sie immer noch umweltschädliche Allzweckreiniger und Reinigungstücher. Das Selbe gilt für die von Ihnen verwendete Schmierseife, Scheuermilch, sowie für die Laminat – und Korkpflege, als auch für die Parkettpflege. Unsere Katze Rosa wirkt jedes Mal verstört, nachdem Sie in unserer Wohnung waren. Wir haben uns deshalb dazu entschlossen, das Arbeitsverhältnis mit dem heutigen Tage zu beenden. Hinterlegen Sie die Wohnungsschlüssen bitte auf dem Küchentisch. Vielleicht sollten Sie auch in Erwägung ziehen, sich in Polen eine Stelle zu suchen, um unsere Umwelt zu schonen und diese nicht durch Ihr permanentes pendeln- per PKW- zu strapazieren." MfG

Der Brief entstammt dem Buch von Ramon Schack mit dem Titel "Neukölln ist Nirgendwo", das im Sommer im Verlag 3.0 Zsolt Majsai erscheint. Die im Brief enthaltenen Rechtschreibfehler entsprechen dem Original.

brü
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