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Im schusssicheren Dirndl aufs Oktoberfest

Die Vorbereitungen für die Wiesn laufen, auch in Kolumbien: Der Schneider Miguel Caballero arbeitet an einem kugelsicheren Dirndl, das er im Oktober in München vorstellen will. Abnehmer für seine anderen schusssicheren Kleidungsstücke hat er schon: Schauspieler Steven Seagal hat einen schusssicheren Kimono.

Von Karen Naundorf, Bogota

Es gibt wohl kein Haus in Bogota, in dem so oft auf Menschen geschossen wird wie in der 71. Straße Ecke 15te. Hier entwirft der Schneider Miguel Caballero seine kugelfeste Mode und testet sie, am liebsten an den Mitarbeitern. Wer neu in der Schneiderei anfängt, muss die Feuerprobe bestehen: Eins von Caballeros Kleidungsstücken anziehen, sich vor den Schneider stellen, der drückt aus nächster Nähe ab. "Man spürt fast nichts, ein leichter Druck", sagt Andrés Aljure, 29, der die Werbeaktionen für Caballeros Kleider koordiniert, "nicht mal einen blauen Fleck gibt es."

Im ersten Stock im Besprechungszimmer stehen schwere Ledersessel an einer langen Tafel, an der Wand hängen Fotos: Caballero mit dem kolumbianischen Präsident Àlvaro Uribe, der ein schusssicheres Hemd trägt. Caballero mit dem Schauspieler Steven Seagal, für den er einen kugelabweisenden Kimono entwarft. "Hugo Chavez kauft seine roten Hemden bei uns und Felipe, der Prinz von Asturien seine Jagdkleidung", sagt Aljure. "Wir haben auch Krawatten im Sortiment, die bringen zusätzliche Sicherheit auf der Knopfleiste."

1000 Euro für den unsichtbaren Schutz

Die Formel, aus welchen Stoffen und welchen Lagen die Platten für die schusssicheren Inlays gefertigt werden, hütet Caballero wie ein Staatsgeheimnis, auch Aljure verliert darüber kein Wort und den Kunden ist es egal: Was zählt, ist dass die Kleider leicht sind, viel leichter als herkömmliche schussfeste Westen. Ein Hemd wiegt nur ein Kilo, kostet aber um die tausend Euro. "Unsere Konfektion ist nicht als Sicherheitskleidung zu erkennen", sagt Aljure. "Das ist wichtig, sonst würden Angreifer einfach auf den Kopf der Zielperson schießen." Dreißig Kunden sind schon im "Club de sobrevivientes Miguel Caballero" - sie haben dank der unauffälligen Schutzkleidung überlebt. Zuletzt wurden zwei Begleiter eines Geldtransporters überfallen und angeschossen. Der eine trug einen Anzug von Caballero und überlebte, sein Kollege starb.

Die Idee, kugelfeste Mode zu schneidern, hatte Caballero, als er auf der Andenuniversität in Bogota studierte. Eine Mitstudentin wurde jeden Tag von Leibwächtern zur Uni gebracht. Die Männer trugen keine Schutzwesten: Zu auffällig und zu schwer, sagten sie Caballero. Der Student begann, mit schusssicheren Materialien zu experimentieren. Er hatte eine Marktlücke entdeckt: Damals, Anfang der 90er, hatte Kolumbien mit mehr als 70 Mordfällen pro 100.000 Einwohner eine der höchsten Tötungsraten der Welt.

Inzwischen hat sich diese Zahl halbiert, trotzdem gehört das Land noch immer zu einem der gefährlichsten weltweit. Zum Vergleich: In der EU liegt Finnland mit 2,6 Mordfällen an der Spitze der Statistik. Caballero exportiert inzwischen in 23 Länder und expandiert dorthin, wo es besonders oft knallt. In Mexiko hat er vor kurzem die erste Filiale aufgemacht, weitere könnte es bald in Moskau und Sao Paulo geben.

"Wusste vor ein paar Tagen nicht mal, was ein Dirndl ist"

Die Näherinnen grüßen schüchtern, sie tragen blaue Arbeitskittel, einige zusätzlich einen Mundschutz. Aljure lächelt ihnen zu, klopft an eine Tür im hinteren Teil des Raumes, sie ist nur angelehnt. Hier sitzt die Chefdesignerin der Schneiderei: "Paola, wir haben Besuch aus Deutschland. Zeig doch mal, was Du gerade im Internet suchst", sagt Aljure zu einer jungen Frau mit langen braunen Haaren, die vor einem Flachbildschirm sitzt. Auf ihrem Bildschirm zu sehen: Lange Dirndl, kurze Dirndl, blonde Frauen, andere mit braunen Haaren, einige mit Maßkrug in der Hand. "Ich wusste vor ein paar Tagen nicht mal, was ein Dirndl ist, aber ich freue mich darauf, eins zu entwerfen", sagt die Designerin. "Es wird ein Einzelstück."

Um Fragen vorzubeugen, sagt Aljure: "Wir haben auch Kunden in Deutschland. Alles Leute, die geschäftlich in gefährlichen Gegenden unterwegs sind." Für die wird das Dirndl wohl nicht sein, es ist eher ein Marketing-Gag. Vorgestellt werden soll das Kleid beim Oktoberfest, tragen soll es Natalie Ackermann, Miss Germany Universe 2006. "Wir haben schon zweimal hier in Bogota zum Testen auf sie geschossen", sagt Aljure, "ich denke, sie macht mit."

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